Missglücktes Update eines Klassikers
Von Lars-Christian DanielsTheodor Storms meisterhafte Novelle „Der Schimmelreiter“ von 1888 ist hierzulande seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil im Lehrplan für den Deutschunterricht. Der zeitlos mitreißende Stoff, dessen Interpretation dem (darauf immer noch sehr stolzen) Autor dieser Zeilen vor 30 Jahren einmal die Note 1 in einer Deutschklausur bescherte, wurde seit seinem Erscheinen auch schon viermal verfilmt – zuletzt fand die Geschichte um den von Ehrgeiz zerfressenen Deichgrafen Hauke Haien, der sein Heimatdorf vor einer gigantischen Sturmflut beschützen will, 1984 unter der Regie von DDR-Filmemacher Klaus Gendries sowie 2023 unter der Ägide des Österreichers Andreas Prochaska („Das finstere Tal“) ihren Weg ins Fernsehen.
Nun wagen Regisseurin Francis Meletzky („Schlafende Hunde“) und Drehbuchautorin Léonie-Claire Breinersdorfer („Elser“) einen neuen Anlauf fürs Kino und wählen dabei einen neuen Blickwinkel: Sie übersetzen Storms Geschichte aus dem 19. Jahrhundert in die 2020er-Jahre, in denen wir die Auswirkungen der Klimakatastrophe in Form von Hochwasser oder anderen Wetterextremen beinahe täglich in den Nachrichten mitansehen oder gar am eigenen Leib erleben müssen. Das Ergebnis ist leider missglückt: Der ständige Spagat zwischen den Kernelementen der Novelle und den Herausforderungen der Gegenwart funktioniert nur sehr bedingt und mündet in eine über weite Strecken abstruse Story, in der es vor klischeebeladenen Figuren nur so wimmelt.
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Nordfriesland, in einer kleinen Küstengemeinde. Nach dem Tod seines Schwiegervaters übernimmt der ehrgeizige und im Einklang mit der Natur lebende Außenseiter Hauke Haien (Max Hubacher) gleich zwei verantwortungsvolle Funktionen in Personalunion: Er beerbt den Verstorbenen als Deichgraf und wird zum Direktor der Küstenschutzbehörde ernannt. Als einer der wenigen in dem verschlafenen Ort hat Hauke die drastischen Auswirkungen der Klimakrise für küstennahe Dörfer erkannt und plant deshalb einen Rückbau der ersten Deichlinie. Seine Frau Elke (Olga von Luckwald), die beim Institut für Meeresforschung arbeitet, unterstützt ihn ebenso wie der fachkundige Trunkenbold Iven (Christoph Glaubacker): Sie lässt ihre Verbindungen in die Politik spielen und beschwichtigt die Gegner, die Haukes Pläne als Klimahysterie abtun.
Doch die Widerstände sind groß: Haukes Erzfeind, der einflussreiche Bauunternehmer Ole Petersen (Nico Holonics), stachelt die Kritiker immer wieder an, während er heimlich selbst versucht, seine Schäfchen mit dem Bau einer Offshore-Windanlage in den neu entstehenden überfluteten Gebieten ins Trockene zu bringen. Was die Gemeinde nicht ahnt: Haukes Pläne zur Rettung des Dorfes gehen noch deutlich weiter. Er will den gesamten Ort umsiedeln lassen, wodurch fast alle Menschen ihr jetziges Haus und ihren Hof verlieren würden. Vorerst weiht Hauke nur Elke ein, weil niemand Land aufgeben will, das die Vorfahren dem Meer über Jahrhunderte abgetrotzt haben…
Eine rund 150 Seiten starke Novelle in einen 105-minütigen Kinofilm umzumünzen, erfordert naturgemäß erhebliche Kürzungen. Storms Rahmenhandlung um einen Reisenden, der sich bei der Einkehr in ein Gasthaus die tragische Geschichte von Hauke Haien von einem Einheimischen erzählen lässt, fehlt in der Neuverfilmung etwa komplett. Eine sehr sinnvolle Maßnahme, um sich auf das Kerngeschehen am Deich konzentrieren zu können. Generell gerät Léonie-Claire Breinersdorfers Drehbuchadaption sehr lose, doch anders als in den bisherigen Verfilmungen spielt etwa Haiens stumme Tochter Wienke (als Kind: Elina Leitl, als Erwachsene: Imke Siebert) darin eine zentralere Rolle: Sie fungiert im Prolog und Epilog auch als Erzählerin aus dem Off und wird zur personifizierten jungen Generation, die das klimaschädliche Verhalten ihrer Vorfahren wird ausbaden müssen.
Alle übrigen wichtigen Figuren der Novelle bleiben ebenfalls mehr oder weniger erhalten – sieht man einmal davon ab, dass Haukes Vater Tede und der alte Deichgraf in der Verfilmung zu einer einzigen Person verschmelzen und es im Film allein Elke ist, die einleitend den Tod ihres geliebten Vaters verkraften muss. Die Frau an Haukes Seite kommt zugleich viel emanzipierter und engagierter daher als die unterwürfige Figur im Roman, die für ein heutiges Publikum auch kaum funktionieren würde: Meist ist es Elke, die sich in hitzigen Wortgefechten mit den engstirnigen Einheimischen aufreibt. So zeitgemäß und begrüßenswert diese Frauenfigur ist, birgt das einen erheblichen Nebeneffekt: Der titelgebende „Schimmelreiter“ und Visionär Hauke Haien strahlt in der Verfilmung bei Weitem nicht die Kompetenz und Autorität aus, die ihn im Buch auszeichnet. Elke läuft ihm oft den Rang ab.
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Der zentrale Konflikt ist dabei zweistufig: Während der Rückbau des Deichs und das Fluten des Koogs zur Milderung der Wassermassen plausibel klingt, wird es im nächsten Schritt von Haukes Masterplan abstrus. Er fantasiert vom „amphibischen Wohnen“ und schlägt ernsthaft vor, sein friesisches Heimatdorf in einen See (!) zu verlegen – dort sei es schließlich am besten geschützt. Die Alternative sei allein eine Verlegung des Dorfes um mehrere 100 (!) Kilometer ins Landesinnere, wenn der Meeresspiegel erst einmal gestiegen sei – also quasi von der Nordseeküste nach Sachsen-Anhalt. Man hat die Umsiedlung ganzer Dörfer im Zuge des Braunkohletagebaus in Deutschland schon erlebt – aber allen Unannehmlichkeiten zum Trotz in einem halbwegs humanen Maße und binnen weniger Kilometer. Haukes Idee hingegen liest sich nicht visionär, sondern weltfremd: Welchem Menschen wäre bitte zu vermitteln, dass er ab sofort in einem Haus auf Stelzen in einem See wohnen muss?
Das hat etwas unfreiwillig Komisches, weil es tatsächlich ernst gemeint ist – und auch beim pausenlosen Clash zwischen den Kernelementen der Storm-Vorlage und moderner Technik kann man sich das Kopfschütteln bisweilen nicht verkneifen. Beim großen Sturmflut-Finale etwa tagt das Rescue-Team in einem standesgemäß eingerichteten Krisenzentrum mit Headsets und riesigen Bildschirmen – zeitgleich reitet Hauke wie im 19. Jahrhundert auf seinem Schimmel über den Deich und rettet einen Hund aus den Fängen der Bauarbeiter, die das Tier aus Aberglauben lebendig im brüchigen Deich vergraben wollen. In der Küche der Haiens wiederum hängt antiquiertes Interieur aus Nachkriegszeiten, während auf dem Wohnzimmertisch der Laptop surrt und man zum Smartphone greift – das passt schon rein optisch hinten und vorne nicht zusammen.
Der Pressetext zum Film verspricht indes eine „bildgewaltige Literaturverfilmung“ – ein Versprechen, dass der Film nur selten einlöst, denn mehr Bildgewalt als ein Usedom-Krimi im öffentlich-rechtlichen Fernsehen liefert „Der Schimmelreiter“ erst auf der Zielgeraden. Da können die Filmschaffenden noch so penetrant die Unterwasserbilder eines strampelnden Schimmels einstreuen, die hier auf Knopfdruck für Mystery-Atmosphäre sorgen sollen. Das Leinwandformat geht der Verfilmung über weite Strecken ab, die Ästhetik und die CGI-Effekte (etwa die bei der berühmten Jevershallig-Sequenz samt Auferstehung eines Pferdegerippes) entsprechen denen von größeren TV-Produktionen. Hinzu kommt, dass der norddeutsche Dialekt der Darstellenden oft gekünstelt wirkt und sich zudem nicht konsequent durch die vielen Dialoge zieht.
Was die jüngste „Schimmelreiter“-Verfilmung zu einer großen Enttäuschung macht, sind aber auch die schwachen Figuren. Letzteres offenbart sich vor allem an Haukes fiesem Erzrivalen Ole: Das schmierige Ekelpaket fährt natürlich einen Sportwagen, flirtet mit Elke und lässt keine Gelegenheit aus, die rückwärtsgewandten Dorfbewohner zu mobilisieren. Eine Figur, so flach wie nordfriesische Radwanderwege – und auch Annette Frier in ihrer Rolle als menschgewordene Schnittstelle zur Politik bedient schon oft erzählte Stereotypen. Rollt die Ministerin schließlich zur Einweihung an, geht es der Politikerin allein um Rampenlicht und gute Presse, während sie die Folgen der Klimakrise kleinredet – so viel Klischee muss sein. Und auch der mahnende Zeigefinger kann gar nicht häufig genug erhoben werden: Schlussbotschaft des Films ist ein kitschiger Off-Text, der auch aus einer Naturdokumentation stammen könnte – beim Kampf gegen den Klimawandel müssten jetzt endlich Taten folgen und nicht nur Worte. Wohl wahr.
Fazit: Wenn der Schimmelreiter auf die Klimakrise trifft, ist das eine in der Theorie spannende Neuinterpretation des Theodor-Storm-Klassikers – aber noch lange kein guter Film. Schwache Figuren, handwerkliche Mängel und eine abstruse Story lassen die Neuverfilmung unterm Strich zur großen Enttäuschung werden.
Wir haben „Der Schimmelreiter“ bei den 47. Biberacher Filmfestspielen gesehen.