So schön unverklemmt kann deutsches Kino sein!
Von Jochen WernerMit jemandem wie Zora (Jella Haase) ist keine Utopie zu machen. Ohne jemanden wie Zora aber vermutlich auch nicht – und so fängt das mit der Kommune unter griechischer Sonne schon kompliziert an. Denn als Zora, Klara (Lena Urzendowsky), Alexandros (Andronikos Korakas) und Junis (Joshua Hupfauer) beschließen, ihren Sommer bei Alexandros‘ Familie auf einer zauberschönen griechischen Insel zu verbringen, kommen sie erst einmal als zwei ganz klassische heteronormative Paare an. Menschen ihrer Generation, eindeutig: klimabewegt, mehr oder weniger vegetarisch – und uneins darüber, wie schlimm eigentlich mangelnde Konsequenz in Sachen Ernährungsregeln ist, wenn doch das Schwein auf dem Tisch der Gastfamilie vom Ökobauern persönlich totgestreichelt wurde. Dass alle ziemlich abgefuckt sind vom kapitalistischen Unterdrückungssystem, darin jedenfalls ist man sich einig.
Bewegung in die konservativ-monogamen Pärchen-Konstellationen von „Kinder der Sonne“ kommt trotzdem erst, als Zora die Initiative ergreift, weil sie eigentlich auch ganz gern mal mit dem Liebsten ihrer Freundin schlafen möchte. Freie Liebe und offene Beziehung – das finden dann eigentlich alle ganz gut. Aber der Impuls dazu ist erst mal nicht aus dem Geiste von Freiheit, Vertrauen und dem freiwilligen Verzicht auf Besitzdenken geboren. Stattdessen nimmt sich Zora schlicht, was sie im Moment gerade begehrt, ohne darauf zu achten, ob sie irgendwen damit verletzen könnte. Nicht die stabilste Basis, möchte man meinen, aber doch eine, auf der die vier Freund*innen fortan eine Art Hippie-Community aufbauen.
Kineo Filmproduktion
In die kapitalistische Ausbeutungsgesellschaft möchte jedenfalls niemand von ihnen zurück – und so beschließen die vier, einfach weiter in Griechenland zu zelten, ihre Handys wegzuschmeißen und dort fortan von den Früchten des Landes sowie von Luft und Liebe zu leben. Vor allem von Liebe, denn das verblüffendste Element des neuen Films von „Kokon“-Regisseurin Leonie Krippendorff ist tatsächlich seine beeindruckende (und überraschend unverklemmte) Freizügigkeit. Insbesondere die erste Hälfte von „Kinder der Sonne“ ist im Grunde ein wundervoll hedonistischer Softsexfilm unter mediterraner Sonne. Natürlich ahnt man von vornherein, dass die Utopie so nicht von Bestand sein wird. Aber das Schönste an diesem ohnehin oft visuell berauschenden Film ist, wie vorbehaltlos er sich zunächst hineinwirft in all die Träume von der freien Liebe und dem alternativen Leben.
Gut, ein bisschen lächerlich machen sich die Protagonist*innen manchmal dabei, aber das weiß der Film auch. Zunächst jedenfalls. Denn Aussagen wie jene, dass sie sich ja gar nicht mehr als Touristen fühlen würden in ihrem vermeintlichen Aussteigerparadies, werden von den Einheimischen durchaus mit den angebrachten spöttischen Seitenblicken bedacht. Irgendwann rutscht allerdings auch dem Film die zunächst bezaubernde Leichtigkeit weg, und von diesem Zeitpunkt an werden dann ganz wichtige Themen mit etwas zu verkniffener Gravitas rauf- und runterdebattiert. Um Kobaltbergbau geht es dann statt um nichtmonogame Liebe, und eben immer mehr um das kapitalistische Schweinesystem und was man eigentlich dagegen machen kann.
Davon erholt sich „Kinder der Sonne“ dann leider nicht mehr so richtig, und so trudelt, was als einer der überraschendsten deutschen Filme seit einer gefühlten Ewigkeit begann, als eher schwerfälliger und allzu arg gewollter Themenfilm aus. Einen jedenfalls kleinen Knalleffekt gibt es aber trotzdem noch – und da kommt dann auch wieder Zora ins Spiel. Denn mit jemandem wie Zora mag keine Utopie zu machen sein, oder jedenfalls keine, in der Vertrauen, Achtsamkeit und gegenseitige Rücksichtnahme eine Rolle spielen.
Aber wenn man Revolution machen will, ist die wiederum nicht ohne eine Zora (oder viele) zu machen. Und die Frage, vor der die vier Aussteiger*innen in „Kinder der Sonne“ letztendlich stehen, ist ja eine ganz existenzielle: Rückzug ins Private? Oder das System in Brand stecken? Die Klaras und die Zoras stehen für unterschiedliche Antworten auf diesen Zwiespalt, den Leonie Krippendorff schlussendlich ins Zentrum des Films rückt.
Fazit: Eine großartige erste Hälfte – und eine allzu themenschwer verlaberte zweite. „Kinder der Sonne“ fällt leider ein Stück weit auseinander, aber allein aufgrund der ersten Stunde muss man Leonie Krippendorffs Film anschauen! Denn derart sexuell befreit – und dabei völlig unverklemmt und ungezwungen – kam buchstäblich seit Jahrzehnten kein deutscher Film mehr daher. Die sexuelle Revolution im Kino – sie könnte hier beginnen.
Wir haben „Kinder der Sonne“ im Rahmen des Filmfest Hamburg gesehen, wo er in der Sektion Große Freiheit seine Weltpremiere gefeiert hat.