Das Sommerbuch
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Das Sommerbuch

Der perfekte Sommerfilm

Von Thorsten Hanisch

Die Wege der Filmverleiher sind manchmal untergründlich – wie sonst ist es zu erklären, dass die finnisch-britische Literaturverfilmung „Das Sommerbuch“ nach der Premiere im Oktober 2024 und nach erfolgreichen Kinoauswertungen in diversen skandinavischen Ländern sowie in den USA erst jetzt in Deutschland aufschlägt? Dabei liefert der Film mit der Autorin der Vorlage doch das perfekte Verkaufsargument – bei dieser handelt es sich nämlich um Tove Jansson, Schöpferin der auch hierzulande bestens bekannten „Mumins“-Bücher und -Comics, die den Grundstein für ein umfangreiches Franchise aus TV-Serien, Kinofilmen, Musikveröffentlichungen, Theaterstücken, Videospielen und Freizeitparks bildeten.

Ihr ursprünglich 1972 veröffentlichter, in Skandinavien oft als Schullektüre verwendeter Roman „Das Sommerbuch“ schlägt einen etwas anderen Tonfall an: Fabelwesen kommen hier nicht vor, Realismus wird großgeschrieben. Allerdings richtet er sich an ein ebenso breites Publikum. Kinder können sich mit der neunjährigen Protagonistin identifizieren, Erwachsene fühlen sich von Themen wie Trauerbewältigung angesprochen. Das ist auch bei der Verfilmung von Charlie McDowell („Windfall“) nicht anders. Diese hält sich zwar nicht punktgenau an die literarische Vorlage, besticht aber als eigenständige Adaption, die mit einer ungemein poetischen Bildsprache und zwei großartigen Hauptdarstellerinnen (Glenn Close und die absolut wunderbare Debütantin Emily Matthews) enorm punktet.

Sophia (Emily Matthews) und ihre Großmutter (Glenn Close) driften gemeinsam durch den Sommer. Film Kino Text
Sophia (Emily Matthews) und ihre Großmutter (Glenn Close) driften gemeinsam durch den Sommer.

Die sechsjährige Sophia (Emily Matthews) verbringt den Sommer mit ihrer Oma (Glenn Close) und ihrem Vater (Anders Danielsen Lie) auf einer Insel im Finnischen Meerbusen. Die Großmutter, deren Name im Film nicht genannt wird, besucht die Insel seit 47 Jahren regelmäßig. Sophias Vater ist seit dem Tod der Mutter schweigsam geworden und hat sich in seiner Arbeit als Illustrator vergraben. Seine Tochter deutet aus seinem Verhalten, dass er sie nicht mehr lieb hat – Großmutter steht zwischen den beiden und versucht zu vermitteln.

Sophia unternimmt viel mit ihrer rüstigen Großmutter, die an manchen Tagen, wenn ihre Enkelin etwas zu anstrengend wird, nach draußen flüchtet und raucht. Gemeinsam streifen sie durch die Natur, machen mit dem Boot einen Ausflug zu einer Nachbarinsel, sie besuchen einen verlassen Leuchtturm oder kümmern sich um eine Katze.

Ein nahezu meditatives Erlebnis

Janssons Buch ist in 22 kurze, fragmentarische Kapitel gegliedert, die tief in die Gedankenwelt der Protagonistinnen abgleiten – das lässt sich filmisch natürlich nur schwer umsetzen. McDowells Film bietet folglich ein durchgängiges Narrativ. Er orientiert sich aber am Rhythmus des Buches, indem er langsam und ruhig umherdriftet; dramaturgische Spitzen gibt es kaum.

Im Fokus stehen die Großmutter und Sophia, deren Beziehung durch das kongeniale Schau- und Zusammenspiel der beiden Darstellerinnen schnell an Tiefe gewinnt. Altstar Close lässt Newcomerin Matthews in ihren gemeinsamen Szenen genug Raum zur Entfaltung ihres natürlichen Charismas, und das Drehbuch legt großen Wert auf ein perfekt austariertes Verhältnis zwischen den beiden zentralen Figuren. Höchstens der Vater gerät so etwas zu sehr in den Hintergrund, was einem aber auch erst auffällt, wenn man hinterher über den Film reflektiert.

Die idyllisch-schönen Naturbilder erzählen ihre eigene Geschichte. Film Kino Text
Die idyllisch-schönen Naturbilder erzählen ihre eigene Geschichte.

In „Das Sommerbuch“ geht es um Trauerbewältigung, um das Altern und um die fragile Beziehung zwischen den Generationen. Der Film buchstabiert diese Themen jedoch nicht bis ins Letzte aus, sondern vertraut auf die Ausdruckskraft seines Ensembles und die Schönheit der in goldgelbes Licht getunkten sommerlichen Natur. Diese Bilder erzählen zugleich noch eine weitere, große Geschichte, die uns allen nur zu schmerzhaft vertraut sein dürfte – eine Geschichte von der viel zu kurzen Zeit, die uns mit den Menschen bleibt, die wir lieben.

Fazit: Hervorragende, sehr einfühlsame Verfilmung eines skandinavischen Literaturklassikers, die im sonnendurchfluteten Ambiente existentielle Themen aufgreift und sich auf tolle Darstellerinnen sowie eindrucksvolle Bilder verlassen kann. Der ruhig erzählte Film entfaltet eine Sogwirkung, die einen mitunter vergessen lässt, dass jeder Sommer leider mal ein Ende hat.

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