Die Legende des Wüstenkindes
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Die Legende des Wüstenkindes

Strauße, Füchse & Kitsch

Von Jörg Brandes

Gilles de Maistre kommt viel herum. Der französische Filmemacher hat schon an den verschiedensten Orten gedreht. Zuletzt meist mit Tieren, was sich schon in den Titeln seiner immens erfolgreichen Werke niederschlägt. „Mia und der weiße Löwe“ entstand in Südafrika, „Der Wolf und der Löwe“ in Kanada, „Moon der Panda“ in der chinesischen Provinz Sichuan. Und der erfolgreichste der Filme, „Ella und der schwarze Jaguar“ (mehr als 1,1 Millionen Besucher*innen allein in Deutschland), spielt zwar im Amazonasgebiet und in New York, wurde aber in Mexiko und Montreal aufgenommen.

Sein neues Abenteuerdrama „Die Legende des Wüstenkindes“ führt de Maistres Publikum nun in die marokkanische Sahara. Wie in den vorgenannten Filmen, an deren Drehbüchern de Maistres Frau Prune de Maistre stets zumindest mitbeteiligt war, geht es auch diesmal viel um die Verbindung von Menschen, Tieren und Natur. Das geschieht diesmal aber in besonders verklärender Weise.

Die in Gefangenschaft aufgewachsenen Füchse wurden nach den Dreharbeiten an ein Tierrefugium in Marrakesch übergeben. StudioCanal
Die in Gefangenschaft aufgewachsenen Füchse wurden nach den Dreharbeiten an ein Tierrefugium in Marrakesch übergeben.

Die erst 15-jährige Sun (Neige de Maistre, die Tochter des Regisseurs) ist für eine Preisverleihung in New York. Die Jungautorin wird für „Das Buch der Wüste“ ausgezeichnet, das von einer Geschichte inspiriert wurde, die sie einst von ihrem Großvater hörte. Die Story handelt von dem Jungen Hadara (als Zweijähriger: Nahil Bouazzaoui, als Sechsjähriger: Zayn Sekkat, als Zwölfjähriger: Nahel Tran), der seiner Mutter Fatma (Salma Sairi) bereits als Kleinkind in einem Sandsturm verloren geht. Er wird allerdings von einer Herde Strauße gerettet und freundet sich mit einem jungen Wüstenfuchs an, den er „Sahara“ nennt.

Inzwischen sei Hadara 160 Jahre alt und als „König der Wüste“ eine Legende. 160 Jahre? König der Wüste? „Blödsinn!“, entgegnet ihr das ebenfalls 15-jährige Nomadenmädchen Kharouba (Moon Ghazali), dessen Gemeinschaft Sun auf Einladung einer Nichtregierungsorganisation besucht. Ganz so einfach sei es nicht gewesen. Und: „Hadaras Geschichte ist unsere Geschichte!“ Kharouba sieht sich bemüßigt, Suns Buchstory zu modifizieren und zu ergänzen …

Langsame Gewöhnung der Füchse und Strauße

Das Thema „kulturelle Aneignung“ mag hier ein wenig mitschwingen, wird aber nicht weiter vertieft. Die Geschichte vom Überleben des Kindes in der Wüste soll einst von einem Sohn Hadaras der 1939 geborenen Schriftstellerin Monica Zak erzählt worden sein. Die Schwedin schrieb darüber ein Buch, das wiederum die de Maistres zu ihrem Film inspirierte. Aber egal wie viel oder wie wenig Wahrheitsgehalt in der Filmhandlung steckt: Obgleich der Hauptschauplatz die Sahara ist, erinnert sie ein wenig an Disneys „Das Dschungelbuch“ von 1967. Auch Mogli erschienen ja tierische Freunde und Überlebenshelfer. Und wie Mogli im Panther Baghira findet auch sein Wüstenpendant in der Wildnis einen Ersatzvater, zu dem das Verhältnis nicht immer einfach ist: Für Hadara ist es der männliche Strauß Hoc. Zudem bekommen beide Naturburschen irgendwann unweigerlich Identitätsprobleme.

Wie schon bei den Vorgängerfilmen von Gilles de Maistre wurde im Vorfeld viel Zeit investiert, um die eingesetzten Tiere an die Umstände der Dreharbeiten zu gewöhnen sowie den tierischen und den menschlichen Cast miteinander vertraut zu machen. So wurden etwa zehn Strauße von einer Zuchtfarm bezogen, zu denen eine Tiertrainerin langsam Beziehungen aufbaute. Die Arbeit hat sich ausgezahlt. Die beeindruckenden Vögel fügen sich bestens ein an der Seite der drei Hadara-Darsteller, von denen vor allem der älteste, Nahel Tran, begeistert. Nach Drehende wurden die eigentlich für die Lederwarenindustrie gedachten Strauße wie auch die beiden eingesetzten Wüstenfüchse, die zuvor eingesperrt bei einer Familie lebten, einem Tierrefugium in Marrakesch übergeben.

Hadara (Nahel Tran) schließt in der Wüste viele tierische Freundschaften. StudioCanal
Hadara (Nahel Tran) schließt in der Wüste viele tierische Freundschaften.

Achtsamkeit wurde also großgeschrieben. Das ist zu begrüßen, schützt den Film allerdings nicht vor einigen arg pathetischen Anwandlungen und anderen Ausrutschern. Da ist etwa im Zusammenhang mit dem Wüstenkind von einem „freien Wesen“, das abseits der Zivilisation aufgewachsen ist, die Rede. Mag ja sein. Andererseits kann Hadara von Glück sagen, dass er angesichts seiner widrigen Lebensumstände die ersten Jahre im Saharasand überhaupt überstanden hat. Und klar: Die Wüstenkulisse ist höchst eindrucksvoll. Gleichwohl kippen einige Bilder von Kameramann Vincent van Gelder schon hart in Richtung Kitsch. Eine Grenze, vor deren Überschreiten der Score von Armand Amar ebenfalls nur selten Halt macht.

Nicht frei von Ärgernissen ist auch der Handlungsstrang um einen Filmemacher namens Chris (Kev Adams), der trotz Vorbehalten seines einheimischen Assistenten Ibrahim (Faical El Kihel) mit dem Geld eines US-amerikanischen Produzenten mit dem zwölfjährigen Hadara ein Projekt realisieren will, das dem Jungen seelisch schaden könnte. Ein „weiser“ Beduine, der immer voll durchblickt, ein skrupelfreier Kapitalist, dem nur der eigene Wille Gesetz ist, und ein naiver, aber auch wohlmeinender und einsichtsfähiger Regisseur, der im Namen des Guten seine Karriere zu riskieren bereit ist: Mehr Klischee geht fast nicht.

Fazit: Bildstarke, am Ende durchaus anrührende Coming-of-Age-Story mit sehenswerten Tier-Mensch-Interaktionen. Allerdings hat „Die Legende des Wüstenkindes“ auch mit Pathos, Kitsch und Klischees zu kämpfen.

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