Dieser Film erschüttert wirklich das Actionkino!
Von Björn Becher„Ich mache einen Actionfilm, der die Welt erschüttern wird“, erklärte der einflussreiche Filmproduzent Bill Kong („Tiger & Dragon“, „Hero“, „Kung Fu Hustle“) bei der Ankündigung von „The Furious“ und schob vollmundig noch nach: „Wenn wir scheitern, wird es nur so gut wie ‚The Raid‘“. Ausgerechnet einen der für viele besten Martial-Arts-Filme des Jahrtausends als niedrigste Messlatte auszurufen? Das kann doch eigentlich nur schiefgehen? Doch Kong und sein Team um Regisseur Kenji Tanigaki („Enter The Fat Dragon“) und Action-Choreograf Kensuke Sonomura („Ghost Killer“) haben abgeliefert: „The Furious“ ist das Martial-Arts-Spektakel des Jahres!
Ein sensationeller Kampf reiht sich an den nächsten, bei denen die Talente der Spezialisten Tanigaki und Sonomura, allen voran ihre Liebe für eine klare Raumgeografie, voll zum Tragen kommen. Möglich ist dies auch, weil sie auf einen herausragenden Cast zurückgreifen können, der aus Leuten besteht, die wirklich und das noch extrem physisch kämpfen können. Dass diese alle verschiedene Kampfstile haben, sorgt für die nötige Abwechslung und dazu wird man immer wieder überrascht, was da für ein verdammt genialer Einfall als nächstes kommt – bis hin zu einem imposanten Fünferkampf im Finale, der bereits jetzt seinen Platz im Olymp der besten Actionszenen aller Zeiten sicher hat.
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Irgendwo in Südostasien treibt ein Kinderhändlerring, hinter dem mächtige Drahtzieher stehen und der vom lokalen Polizeichef gedeckt wird, sein Unwesen. Trotz seiner aus einer mysteriösen Vergangenheit stammenden Martial-Arts-Fähigkeiten kann der stumme Handwerker Wang Wei (Miao Xie) nicht verhindern, dass seine kleine Tochter Rainy (Enyou Yang) das nächste Opfer und auf offener Straße entführt wird. Als er merkt, dass ihm die Polizei nicht helfen wird, tauscht er die Flip-Flops gegen seine Arbeitsschuhe mit Stahlkappen und begibt sich auf eine gnadenlose Suchmission.
Dort steht er bald Navin (Joe Taslim) gegenüber und muss nach einer kurzen Auseinandersetzung erkennen, dass sie auf derselben Seite sind. Auch Navin ist auf der Suche. Seine Frau (JeeJa Yanin) kam als Journalistin den Verbrechern ganz nah, bevor sie spurlos verschwand. Nun versucht er, ihre Arbeit fortzusetzen und stand gerade davor, sich in die Organisation einzuschleusen, bevor Wang Wei die Bildfläche betrat. Jetzt werden sie zu Verbündeten, die keinen Kampf scheuen, um sich bis zu den Hintermännern vorzuprügeln und Rainy zu finden.
Vor allem mit der Action-Choreografie und Stunt-Arbeit bei der insgesamt fünfteiligen Manga-Adaption „Rurouni Kenshin“ hat Kenji Tanigaki bewiesen, dass nur wenige auf der Welt so gut Action in Szene setzen können. Doch ausgerechnet bei seinen eigenen Regie-Arbeiten ließ der ursprünglich aus der Hongkong-Schule rund um Donnie Yen stammende Japaner bislang viel davon vermissen. Nicht nur macht viel Leerlauf zwischen den Kämpfen diese ziemlich zäh. Selbst bei den stärksten Actionmomenten in „Enter The Fat Dragon“ blieb der Eindruck zurück, nur einen Auszug eines noch viel eindrucksvoller inszenierten Kampfes gesehen zu haben. Wie begegnete Tanigaki diesem Problem, wo er doch nun den Auftrag hatte, nicht nur einen sehr guten, sondern den ultimativen Actionfilm abzuliefern? Er holte sich seinen Landsmann Kensuke Sonomura an Bord.
So arbeiten an „The Furious“ gleich zwei Action-Maestros, die von der Stunt-Arbeit kommen und sich als Choreografen den Ruf erarbeitet haben, zu den besten der Welt zu gehören, Hand in Hand. Beide verbindet ein auch die Choreografie von „The Furious“ dominierendes Dogma: An erster Stelle steht eine klare Raumgeografie. Hier wird nicht chaotisch geschnitten, sondern in den längeren Einstellungen weiß man immer, wo die Figuren stehen, wie sie sich bewegen, wer wen angreift und warum ein Treffer funktioniert. Dafür sorgt auch die Kamera, die permanent in Bewegung bleibt, sich durch die Kämpfe schlängelt, mal den Figuren nähert oder im perfekten Moment zurückweicht, um den nächsten Treffer voll zur Geltung zu bringen. Sonomuras Liebe für harte Körperlichkeit und das Zeigen der brutalen Wirkung von Treffern ergänzt sich wunderbar mit Tanigakis präzisem Timing und einem Rhythmus, der Action auch mal zum Tanz macht
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Das zeigt sich vor allem im herausragenden Finalkampf, in welchem gleich fünf Personen mit völlig unterschiedlichen Stilen aufeinandertreffen. Nicht nur durch die Anzahl, sondern auch ihre Aufteilung auf drei Fraktionen entspinnt sich ein wildes Hin-und-Her. Auseinandersetzungen laufen dabei parallel ab und Konfrontationen verändern sich im Sekundentakt. Eben prügeln noch zwei Figuren Seite an Seite auf einen gemeinsamen Feind ein, im nächsten Moment gehen sie sich gegenseitig ans Leder. Trotzdem weiß man in diesem Chaos jederzeit, was vor sich geht – und kommt dabei aus dem Staunen nicht heraus. Immer wieder nimmt der Kampf eine neue Richtung, ständig überraschen die Beteiligten mit neuen Ideen. Und wie man es von Tanigaki kennt, wird die komplette Umgebung Teil der Action.
Doch aus Spoilergründen wollen wir nicht viel mehr über diesen finalen Kampf verraten, den man ohnehin am besten selbst erleben muss. Schließlich ist auch der Weg dahin schon hochklassig. Fast ununterbrochen liefert „The Furious“ Action, die immer weiter in Komplexität und Brutalität eskaliert. Kaum ein Moment lässt einen Durchatmen, was hier aber nicht wie bei anderen Martial-Arts-Spektakeln ermüdend wirkt. Die permanente Bewegung und die ständige Energie elektrisiert vielmehr. Weil der Dreh für die maximale weltweite Vermarktbarkeit größtenteils in englischer Sprache war, leiden die kurzen Story-Zwischensequenzen zwar etwas unter holprigen Dialogen, und einige Nebenfiguren (wie der Polizeichef) sind sehr simpel gezeichnet. Doch trotzdem entwickelt „The Furious“ auch hier viel Herz und eine emotionale Wirkung.
Das liegt auch am starken Zusammenspiel zwischen Miao Xie und Enyou Yang, die bereits in „Eye For An Eye 2“ harmonierten. Dass die beim Dreh nur zehn Jahre junge Nachwuchsdarstellerin nach ihrer Entführung nicht aus dem Film verschwindet, sondern ihre Rettung parallel zur Suche ihres Vaters selbst in die Hand nimmt, liefert dabei eine fesselnde zweite Perspektive. Der im traditionellen chinesischen Martial-Arts-Kino geschulte Wushu-Kämpfer Miao Xie stand derweil zwar schon als Kind mit Action-Legende Jet Li in „Master der Shaolin“ vor der Kamera und hat 50 Rollen in seiner Vita. Trotzdem dürften viele durch „The Furious“ erstmals richtig auf ihn aufmerksam werden. Dass Wang Wei stumm ist, kaschiert nicht bloß Sprachbarrieren, sondern passt perfekt zu einem Film, der ohnehin lieber über Bewegung und Action erzählt als über Worte.
Ein Beispiel dafür ist Rainys Entführung, bei welcher ihr Vater erst in Flip-Flops und dann mit immer blutigeren Füßen einem Truck hinterher sprintet. Dass sich bei Kenji Tanigaki Figuren oft übermenschlich schnell bewegen, mag zwar besser zu den Schwertbewegungen eines wandernden Ex-Samurai in der mit Fantasy-Elementen spielenden Anime-Verfilmung „Rurouni Kenshin“ als zum rennenden Vater in „The Furious“ passen, doch am Ende geht es auf. Auch wenn die arg beschleunigte Szene für einen kurzen Moment absurd wirkt, erzählt der Filmemacher so direkt unglaublich viel über die Entschlossenheit dieses verzweifelten Mannes. Und so verwundert es dann auch nicht, dass selbst bei Normalsterblichen mindestens zu einem tagelangen Koma führende Niederschläge ihn nur kurz aufhalten.
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Ein wenig Überzeichnung darf in „The Furious“ nicht fehlen. Es lockert diesen düster-harten Film, der einen mit einer Entscheidung auch mal richtig schlucken lässt, an den richtigen Momenten auf. Dazu trägt auch Brian Le („Everything Everywhere All At Once“) als nicht totzukriegender Bösewicht-Handlanger bei, der seinen Körper als wuchtige Dampframme nutzt. Der bullige Amerikaner, der sich selbst Martial-Arts beibrachte, ein Internet-Stunt-Team gründete und mit YouTube-Videos die Filmindustrie auf sich aufmerksam machte, setzt dem präzisen Stil eines Miao Xie eine rohe Naturgewalt entgegen.
Für weitere Eleganz sorgt dagegen „Chocolate … süß und tödlich!“-Star JeeJa Yanin, die sich mit akrobatischen Bewegungen körperlich überlegenen Gegnern erwehrt und dabei alles als Waffe benutzt, was sie in die Finger bekommt. Dass das aus „The Raid“ bekannte Duo um Ex-Judoka Joe Taslim und Silat-Kämpfer Yayan Ruhian auch hier mal wieder großartig abliefern, überrascht ohnehin niemanden mehr, wobei Ruhian mit Pfeil und Bogen sowie Messern einmal mehr den psychopathischen Killer gibt.
Als Ober-Bösewicht ist Ex-Karate-Meister Joey Iwanaga („Alice in Borderland: Staffel 3“) die eigentliche Entdeckung. Auch wenn er bereits in früheren Arbeiten mit sowohl Tanigaki als auch Sonomura sein Talent unter Beweis stellen konnte, würde es uns nicht wundern, wenn sein Auftritt in „The Furious“ ihm bald eine große Hollywood-Fieslingsrolle einbringt. Der in Amerika aufgewachsene Japaner legt nicht nur eine eindrucksvolle Performance hin, mit der er vom sich hinter Schergen versteckenden Hintermann selbst zur wütenden, zornigen Furie wird, sondern liefert in seinen Kampfszenen reihenweise Trittsequenzen ab, bei denen man sich fragen muss, wie das jetzt möglich war. Er fügt sich perfekt in diesen Ausnahme-Cast aus Leuten ein, die wirklich kämpfen können.
Fazit: Getragen von langen Einstellungen, cleverer Kameraarbeit und einer kreativen Action-Choreografie, die ständig neue Ideen aus dem Ärmel schüttelt, ist „The Furious“ das Must-See-Action-Highlight des Jahres 2026. Mit purer Bewegungsenergie rollt dieser Film selbst über die wenigen kleinen Schwächen, die man bei genauerer Betrachtung sicher ausmachen kann, hinweg.