The Idiot(s)
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
The Idiot(s)

Die Geburtsstunde eines Jahrtausendromans

Von Christoph Petersen

Gerade für ein deutsches Publikum gibt es gleich zu Beginn eine schöne Pointe: Der 1869 fertiggestellte Roman „Der Idiot“ ist zwar eine skalpellscharfe Abrechnung mit der gehobenen Gesellschaft von St. Petersburg, aber wie wir nun in „The Idiot(s)“ – basierend auf dem Sachbuch „The Gambler Wife: A True Story of Love, Risk, and the Woman Who Saved Dostoyevsky“* von Andrew D. Kaufman – erfahren, hat sich Fyodor Dostojewski (Johnny Flynn) dafür ausgerechnet von seiner Zeit in Baden-Baden inspirieren lassen.

Schon bei seiner Ankunft stellt der kurz vor dem Bankrott stehende Autor trocken fest, dass die Bergluft stinke und die Kirchenglocken flach klängen. Seine Frau Anna Dostoevskaya (Aimee Lou Wood) versucht unterdessen verzweifelt, einen gewissen Restoptimismus zu bewahren – schließlich plant das Paar (schon aus finanzieller Notwendigkeit), im baden-württembergischen Kurort nicht weniger als den besten Roman aller Zeiten zu schreiben.

"The Favourite" mit Netz und doppeltem Boden

Dabei geben Malgorzata Szumowska und Michal Englert („Frau aus Freiheit“) gerade zu Beginn noch einigermaßen Gas. In seinen besten Momenten erinnert „The Idiot(s)“ an das zehnfach oscarnominierte Meisterwerk „The Favourite“ – selbst wenn das polnische Regieduo im Vergleich zu seinem griechischen Kollegen Yorgos Lanthimos immerzu mit angezogener Handbremse zu agieren scheint:

Aus schierer Unkenntnis europäischer Sanitärgewohnheiten wird in die Badewanne gekackt – und später direkt aus dem Fenster uriniert, nachdem die seit Generationen weitervererbte Bettpfanne im Pfandhaus versetzt wurde. Am Morgen nach einer rauschhaften Feier schleicht ein Mann im Häschenkostüm durch die ausgeknockte Aristokratie-Festgesellschaft, die sich vor lauter Langeweile nur noch mit russischem Roulette von der eigenen Lebendigkeit überzeugen kann.

Im Kurort Baden-Baden stellt sich ernsthaft die Frage: Sind wir nicht am Ende alles Idioten? Gold Rush Pictures, Hype Studios
Im Kurort Baden-Baden stellt sich ernsthaft die Frage: Sind wir nicht am Ende alles Idioten?

Während der britische Folk-Sänger Johnny Flynn („Emma.“) trotz eines masochistischen Fußfetisches hinter seinem russischen Rauschebart eher blass bleibt, begeistert „The White Lotus“-Star Aimee Lou Wood als kecke Ehefrau, die später einmal als erste weibliche Verlegerin in die russische Literaturgeschichte eingehen wird. Ihre oft betont heutig klingenden trockenen Kommentare passen zu einer ganzen Reihe von anachronistischen Einsprengseln, die vor allem die erste Hälfte von „The Idiot(s)“ durchziehen – vom wiederholten Anklingen des Popklassikers „Take On Me“ der norwegischen Gruppe A-ha bis zu Dostojewskis Aktzeichnungen, deren Stil eher an moderne Erwachsenen-Mangas erinnert.

Worauf genau Szumowska und Englert damit hinauswollen, wird zwar nicht ganz klar – aber gerade die groteskeren Abschweifungen verleihen dem Film in den ersten Kapiteln zumindest einen gewissen unberechenbar-chaotischen Schwung. Dazu trägt auch „The Zone Of Interest“-Star Christian Friedel als Dostojewskis schön schleimiger Gegenspieler Ivan Turgenev bei, dessen Rivalität schließlich sogar in einem für alle beteiligten Männer eher peinlich endenden Duell mündet – wobei die mysteriöse Natasha F (Vicky Krieps in einer trotz Bezug auf die „Der Idiot“-Heldin Nastasya Filippovna weitestgehend verschenkten Rolle) angesichts des ausbleibenden Blutflusses sichtlich enttäuscht von dannen eilt.

Alles Interessante tritt nach und nach in den Hintergrund

Doch mit jedem Gang ins Baden-Badener Casino schwindet die Energie – und zwar nicht nur bei Anna, die sich und ihren Ehemann jedes Mal wieder von Neuem aus dem Sumpf ziehen muss, sondern auch beim Publikum, für das sich der repetitive Jede-kleine-Summe-wird-sofort-wieder-verspielt-Ablauf irgendwann zieht wie Kaugummi. Dostojewski ist hoffnungslos spielsüchtig – und opfert selbst dann noch den letzten Taler seinem „unfehlbaren System“, wenn seine Frau gerade daheim ihr erstes Kind zur Welt bringt.

So wandelt sich „The Idiot(s)“ in der zweiten Hälfte immer mehr zum klassischen Suchtdrama mit der bekannten Abwärtsstrudel-Dramaturgie, bei dem man sich angesichts des Titels irgendwann die Frage stellt, ob wirklich nur der wie sein Romanheld unter epileptischen Anfällen leidende Dostojewski hier der Idiot ist – oder nicht auch Anna, die ihrem literarischen Genie trotz all seiner selbstzerstörerischen Egotrips weiter den Rücken freihält.

Fazit: „The Idiot(s)“ beginnt als absurdistische Abrechnung mit der dekadenten aristokratischen Gesellschaft – opfert dann aber die meisten seiner experimentelleren Ansätze für ein Suchtdrama von der Stange, dem schon lange vor der Fertigstellung von Fyodor Dostojewskis Jahrtausendroman die Puste ausgeht.

Wir haben „The Idiot(s)“ auf dem Filmfest Hamburg 2026 gesehen, wo er als Eröffnungsfilm seine Europapremiere gefeiert hat.

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