Steven Spielbergs Tochter hat einen Horrorfilm gedreht!
Von Thorsten HanischWenn der eigene Vater zu den mächtigsten Kreativen aller Zeiten zählt und das moderne Blockbusterkino wie sonst niemand geprägt hat, dann ist es nicht leicht, sich da als Sprössling aus dem Schatten des Familiennamens herauszukämpfen. Gut möglich also, dass sich Destry Allyn Spielberg, Tochter der Hollywood-Legende Steven Spielberg, auch aus diesem Grund dazu entschieden hat, direkt mit ihrem Debüt so weit wie möglich auf Abstand zu ihrem Vater zu gehen. So macht sie gleich von Anfang an klar, dass sie einen ganz eigenen Weg einschlagen will. Bei „A Quiet House“ – der viel schönere Originaltitel lautet „Please Don’t Feed The Children“ – handelt es sich um ein kleines, unabhängig produziertes Semi-Horrorkammerspiel, das man so wohl kaum mit dem Namen Spielberg in Verbindung bringen würde.
Inhaltlich dreht sich alles um eine Gruppe von Teenager*innen, die während einer Zombie-Apokalypse in die Fänge einer hochgradig gestörten Ex-Krankenschwester geraten. Der klar erkennbare Wille, auf eigenen Beinen stehen zu wollen, ist löblich und sympathisch. Aber leider ist der erste Film der Spielberg-Tochter nur Mittelmaß: Dass man das alles schon ganz ähnlich kennt, etwa von „28 Days Later“ oder „Misery“, ließe sich an sich vielleicht noch verschmerzen – doch das Drehbuch ist nicht nur nicht besonders gut, sondern an manchen Stellen nicht mal richtig schlüssig.
Plaion Pictures
Zumindest ist die Prämisse gegenüber den üblichen Zombie-Plots ein wenig abgewandelt: Ein mysteriöses Virus hat den größten Teil der erwachsenen Bevölkerung in untote Kannibalen verwandelt. Forscher*innen sind inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass Kinder und Jugendliche die Überträger*innen des Virus sind, weshalb nun alle Minderjährigen in Lagern weggesperrt werden sollen (was als Konzept sicher nicht ganz zufällig an die Corona-Schulschließungen bei weiterhin geöffneten Büros erinnert).
Doch einige Kids sind gewitzter als die Älteren – und so entwischt Mary (Zoe Colletti), die sich auf ihrer Flucht Jeffy (Dean Scott Vazquez), Ben (Andrew Liner), Vicky (Regan Aliyah), Seth (Joshua Melnick) und Crystal (Emma Meisel) anschließt. Wohin die sechs teils etwas zu alt aussehenden Teenager*innen fliehen wollen, wird dank des etwas beliebigen Umgangs des Drehbuchs mit Orten nicht so ganz klar, spielt aber auch keine große Rolle. Ben wird auf der Flucht schwer verletzt – und so landen die Jugendlichen bei der Ex-Krankenschwester Clara (Michelle Dockery), die in einem abgelegenen Landhaus wohnt und nicht daran denkt, die Besucher*innen wieder ziehen zu lassen. Gerade auf Mary scheint sie es aus einem unbekannten Grund besonders abgesehen zu haben …
Zumindest sobald die enttäuschend blass gezeichneten Teenager*innen im titelgebenden Haus angekommen sind, entwickelt „A Quiet House“ eine stimmige Atmosphäre – und „Downton Abbey“-Star Michelle Dockery schultert mit ihrer ruhigen, kontrollierten Psychopathin-Performance gefühlt den kompletten Film. Das ist genug für einen regnerischen Sonntagnachmittag, aber nicht unbedingt für einen Gang ins Kino – das sah man wohl auch in den USA so, wo der Film nach seiner 2024er Premiere auf dem Fantasy-Filmfest im spanischen Sitges bereits im Sommer 2025 auf der kostenlosen Streaming-Plattform Tubi veröffentlicht wurde.
Die Prämisse von „A Quiet House“ ist dabei im Grunde ein auf die Spitze getriebener Generationenkonflikt – mit auf der Hand liegenden Covid-Pandemie-Parallelen: Die Jungen machen die Alten hier im wahrsten Sinne des Wortes rasend. Allerdings belässt es Destry Allyn Spielberg nicht dabei, denn selbst unter den Teenager*innen gibt es keine Solidarität. Stattdessen herrscht auch unter den Jugendlichen ein ständiges Misstrauen – also das genaue Gegenteil der typischen Achtzigerjahre-Amblin-Produktionen von Steven Spielberg (allen voran „E.T. – Der Außerirdische“ und „Die Goonies“).
Plaion Pictures
Die paranoide Stimmung wird in dem von den Setdesigner*innen überzeugend gestalteten Haus wirkungsvoll verdichtet, nur leider wird anschließend wenig daraus gemacht. Der Plot folgt mit dem Eintritt in Claras Domizil sattsam bekannten Mustern und verärgert zudem durch das seltendämliche Verhalten der Opfer, das sich selbst in Anbetracht der extremen Stresssituation so kaum rechtfertigen lässt.
Wobei die Jugendlichen aufgrund der dünnen Figurenzeichnungen ohnehin relativ blass bleiben. Der unbestrittene Star ist und bleibt so Clara, die zwar ein wenig zu offensichtlich anmutet wie eine Schwester von Annie Wilkes aus „Misery“, aber den Film trotzdem bis zum Abspann trägt.
Fazit: Trotz des bekannten Nachnamens hat es in diesem Fall schon seine Gründe, warum das Regiedebüt von Steven Spielbergs Tochter Destry Allyn erst verspätet (die Premiere war bereits im Oktober 2024) deutsche Ufer erreicht. „A Quiet House“ rettet sich zwar dank einer stimmigen Atmosphäre und einer toll aufspielenden Michelle Dockery über die Ziellinie, aber nach dem Rollen des Abspanns wird er sich trotzdem kaum länger im Gedächtnis halten können.