Was hat sich wirklich verändert?
Von Christoph PetersenDurch die geöffnete Badezimmertür erspähen wir einen nackten Mann, der im Stehen pinkelt. Nach einem Kameraschwenk ist er plötzlich verschwunden. Kein Wunder, schließlich ist der Mann bereits vor einigen Tagen verstorben – und Leyla Bouzids dritter Langfilm „In A Whisper“ spielt während der mehrtägigen Trauerfeierlichkeiten in Tunesien.
Es ist längst nicht die einzige Stelle, an der sich splitterhafte Erinnerungen auf überraschende Weise in die heutigen Bilder hineindrängen. Ein Blick in den Rückspiegel, ein Wegdämmern, ein drohendes Ertrinken im Meer – alles kann Anlass sein, das Tor zur Vergangenheit zu öffnen. Aber wie viel hat sich seitdem tatsächlich getan?
UNITÉ
Der Tote war der Onkel der Protagonistin Lilia (ganz toll: Eya Bouteraa). Und er war homosexuell, was zwar jeder wusste, worüber – wenn überhaupt – jedoch nur mit ganz leiser Stimme (so auch der französische Originaltitel „À Voix Basse“) gesprochen wurde. Als Todesursache wurde ein Herzinfarkt ausgemacht. Weil die Leiche nackt gefunden wurde, ermittelt die Polizei aber dennoch weiter.
Für die erfolgreiche Ingenieurin Lilia ist es das erste Mal seit Langem, dass sie aus Frankreich in ihre Heimat zurückkehrt. Und der Tod ihres Onkels geht ihr auch deshalb so nahe, weil sie sich in ihm wiedererkennt: Sie selbst lebt schließlich mit ihrer Partnerin Alice (Marion Barbeau) zusammen, ohne dass ihre Mutter Wahida (gewohnt stark: Hiam Abbass) oder der Rest der Familie etwas davon erfahren darf.
In ihrem bislang besten Film, „Eine Geschichte von Liebe und Leidenschaft“ aus dem Jahr 2021, erzählt Leyla Bouzid („As I Open My Eyes“) von einem jungen Franzosen algerischer Herkunft, der mit repressiven muslimischen Moralvorstellungen aufgewachsen ist, aber dann mit jahrtausendealter arabischer Erotik-Literatur konfrontiert wird – und darüber sein ganzes Weltbild infrage stellt. Ein spannender Konflikt, den man so im Kino noch nicht gesehen hat, ganz im Unterschied zur zentralen Konstellation aus „In A Whisper“.
Dass jemand nach langer Abwesenheit in die Heimat zurückkehrt und dort mit (dunklen) Familiengeheimnissen konfrontiert wird, scheint inzwischen so etwas wie der Go-to-Plot im internationalen Festival-Kino zu sein. Und Leyla Bouzid tut zu wenig, um diesem Eindruck des Altbekannten entgegenzuwirken. So wirken die rein funktionalen Szenen mit einem korrupten Polizisten bei einer Straßenkontrolle oder einem homophoben Schwager in einem Restaurant fast schon wie Klischees, selbst wenn genau so etwas natürlich tagtäglich tausendfach geschieht.
Ähnliches gilt für die Momente, in denen Lilia auf eigene Faust weiterermittelt. Denn auch die homosexuellen Männer, denen sie dabei begegnet, kommen kaum über den Status von Stichwortgebern hinaus – sie scheinen nur dazu da zu sein, das Schicksal der Protagonistin (überdeutlich) zu spiegeln. Sehr viel spannender ist da schon die Beziehung zur Mutter, wenn Lilia langsam mitbekommt, dass sich diese stets für ihren Onkel und einen offeneren Umgang mit seiner Sexualität eingesetzt hat. Aber heißt das wirklich, dass sie sich ihr mit ihrem Lesbischsein ebenfalls „gefahrlos“ öffnen kann?
Wenn das irgendwann – obwohl zunächst auch nicht ganz freiwillig – tatsächlich geschieht, dann hat es definitiv etwas befreiend kathartisches, wie Lilia immer mehr Selbstbewusstsein entwickelt. Das geht hin bis zur fahrlässigen Provokation, wo man selbst als Zuschauer*in plötzlich nicht mehr sicher ist, ob man sie weiter anfeuern oder nicht auch zur Vorsicht aufrufen soll – eine angenehme Ambivalenz. Zugleich bleibt das Verhältnis zur Mutter in einer brüchigen Schwebe. Da tut Leyla Bouzid auf jeden Fall gut daran, das Publikum nicht allzu versöhnt und mit Schleife drum aus dem Kinosaal zu entlassen.
Fazit: Das Eindringen der Vergangenheit in die Gegenwart gelingt immer wieder überraschend, auch das schwebende Ende ist stark. Aber ansonsten wirkt zu vieles zu offensichtlich gebaut, um seinen vollen Impact zu entfalten.
Wir haben „In A Whisper“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.