Rami Malek liefert eine laute Performance in einem leisen Film
Von Björn BecherEine Schlüsselszene von „The Man I Love“ ist mit dem deutschen Schlager „Die Liebe ist ein seltsames Spiel“ unterlegt – und womöglich wäre das fast noch der passendere Titel. Denn der neue Film von „Passages“-Regisseur Ira Sachs kreist immer wieder um diese Unberechenbarkeit der Liebe, die Trost spenden, aber auch blind machen kann. Der tatsächliche Titel – benannt nach dem weltberühmten Song von George und Ira Gershwin aus den 1920ern, der im Film ebenfalls eine prominente Rolle besetzt – ist allerdings ähnlich geeignet.
So oder so steht die Liebe im Zentrum dieses ungemein zärtlichen Dramas, in dem Lieder nicht nur zur Stimmung beitragen. Immer wieder fungieren die Songs auch als Kommentare oder Sehnsuchtsformeln. Diese sanft dahingleitende Erzählung wird allerdings vom Hauptdarsteller ausgehebelt. „Bohemian Rhapsody“-Oscarpreisträger Rami Malek gibt dem Affen als HIV-positiver Schauspieler so richtig Zucker. Es passt zur Rolle, und wer exaltiertes Viel-Schauspiel feiert, sieht darin womöglich eine preiswürdige Performance. Trotzdem wünscht man sich mitunter, er hätte sich mehr an den übrigen Cast-Mitgliedern orientiert.
Jac Martinez
New York in den 1980er-Jahren: Der aus Großbritannien stammende Vincent (Luther Ford) bezieht ein WG-Zimmer direkt unter der Wohnung des schillernden Performance-Künstlers Jimmy George (Rami Malek). Zwischen den beiden Männern entwickelt sich eine leidenschaftliche Affäre. Dabei ist Jimmy eigentlich mit Dennis (Tom Sturridge) liiert, der seinen HIV-positiven Lebensgefährten aufopferungsvoll pflegt. Obwohl Vincent immer wieder gewarnt wird, vorsichtig zu sein, stürzt er sich Hals über Kopf und vor allem ungeschützt in die intensiven sexuellen Abenteuer mit seinem älteren Nachbarn.
Jimmy ist derweil als Schauspieler eine lokale Größe. In seiner Szene wird er verehrt, auch wenn seine New Yorker Underground-Filme außerhalb dieser Blase kaum jemand gesehen hat. Jetzt bereitet er sich auf ein Comeback und seine vielleicht letzte Rolle vor. Nach langem Krankheitsausfall will er noch einmal auf der Bühne stehen. Mit seiner experimentellen Theatergruppe arbeitet er an einer Live-Bühnenversion von „Il Était Une Fois Dans L’Est“ – einem queeren französisch-kanadischen Film aus dem Jahr 1974, der auf dem Schaffen des Kult-Autors Michel Tremblay basiert. Doch kann Jimmy die zentrale Rolle als Drag-Queen überhaupt noch meistern, wenn er immer öfter unter Erinnerungslücken leidet?
Jimmys Schwester Brenda (Rebecca Hall) bedankt sich herzlich bei Dennis dafür, wie aufopferungsvoll er sich um ihren Bruder kümmert. Für sie ist die zurückgekehrte Lebensfreude ein Moment der Hoffnung. Als Zuschauer*in ahnt man hier allerdings schon, dass dieser Zustand nicht anhalten wird. Als ihr Mann Gene (Ebon Moss-Bachrach) die möglichen nächsten Krankheitsentwicklungen ansprechen möchte, weil er seinen Sohn auf den zu erwartenden Schicksalsschlag vorbereiten will, wird er abgewürgt. Diese Verdrängung zieht sich wie ein roter Faden durch den Film.
Die Figuren wissen oder ahnen, dass das Glück nicht stabil ist. Umso stärker fokussieren sie sich auf die Momente der Leichtigkeit und Lebensfreude, die vor allem das gesellige Zusammensein mit sich bringt. Es ist immer wieder herausragend schön, wie Sachs speziell vermeintlich kleine Momente zelebriert, dabei aber die Tragik am Horizont andeutet. Die Liebe wird in diesem zärtlich-romantischen Film in solchen Szenen besonders intensiv, gerade weil ihr Ende bereits spürbar ist.
Getragen werden diese Augenblicke durch das zurückgenommene Spiel der Darsteller*innen. „The Bear“-Star Moss-Bachrach hat zwar kaum Dialoge, doch er sagt in seinen wenigen Momenten allein durch seine Körpersprache unglaublich viel. Der unter anderem aus der Netflix-Serie „Sandman“ bekannte Tom Sturridge und Neuentdeckung Luther Ford überzeugen als Männer, die Jimmy auf sehr unterschiedliche Weise lieben: der eine fürsorglich und um die Trauer in der Zukunft wissend; der andere impulsiv und körperlich. Doch obwohl „The Man I Love“ mit Neuankömmling Vincent beginnt und endet und er so etwas wie unser Wegweiser durch die Geschichte ist, dominiert am Ende „Mr. Robot“-Hauptdarsteller Rami Malek alles.
Sachs scheint dem Schauspieler völlige Freiheit gegeben zu haben, um diese schillernde Figur zu porträtieren. In vielen Momenten passt die übertriebene und manierierte Darstellung zu diesem Charakter, der selbst ständig zu performen scheint. Für die Außenwelt ist dieser Jimmy ein Niemand – er habe ja nicht mal einen „richtigen“ Film (womit ein Hollywood-Projekt gemeint ist) gedreht, merkt der Schwager einmal an. Doch in seiner kleinen Blase ist Jimmy ein Star und so verhält er sich auch. Er klammert sich an sein fragiles kleines bisschen Ruhm. Aber dann scheint doch auch Maleks eigene Performance immer wieder (zu sehr) durch. Er ist sichtlich bemüht, diese Künstlichkeit seiner Figur zu spielen, trägt damit aber selbst zu viel Theatralik in den Film.
Das beißt sich mit der sonst meist betont zurückgenommenen Inszenierung. Selbst in lauteren Szenen erzählt Sachs viel nebenbei. Eine Clubsequenz, in der Jimmy und Vincent erst entfesselt und erotisch auf der Tanzfläche agieren und es dann zum schnellen Sex auf der Toilette kommt, ist ein solcher Moment. Im Vordergrund stehen die elektrisierenden, in blaues Licht getauchten Bilder. Zugleich ist aber auch das Thema Verdrängung direkt wieder präsent. Vincent kennt die Gefahr, aber er scheint sie nicht wahrhaben zu wollen – vielleicht findet er es sogar romantisch, sich für seine Amour fou in Lebensgefahr zu begeben. Diese Szene steht auch sinnbildlich für den Umgang des Films mit AIDS.
Die Krankheit wird lange Zeit nicht direkt thematisiert, sondern stattdessen in Warnungen und vor allem in der aufopferungsvollen Fürsorge sichtbar, mit der Dennis jede Woche Jimmys Medikamente organisiert. Sachs überlässt seinem Publikum eine ähnliche Entscheidung wie seinen Figuren: Man kann sich immer wieder bewusst machen, was wohl zwingend folgen wird – oder man kann es so lange wie möglich ausblenden und mit Jimmy die Zeit genießen, in der es um Liebe und Körperlichkeit, um seine Kunst und Musik sowie das letzte Zusammensein einer Gemeinschaft geht. Erst gen Ende ermöglicht der Regisseur diese Verdrängung nicht mehr, wenn „The Man I Love“ ein letztes Mal auf das subtile Erzählen verzichtet, um Rami Malek die ganz große Bühne zu bereiten.
Fazit: Ira Sachs hat mit „The Man I Love“ einen zärtlichen Film über Liebe und Verdrängung gedreht. Der ist wunderschön inszeniert und entfaltet als AIDS-Drama, das sich wenig über die Krankheit selbst definiert, große emotionale Kraft. Rami Maleks sehr manierierte Darstellung drängt sich dabei allerdings so stark in den Vordergrund, dass sie die feinen Zwischentöne überlagert.
Wir haben „The Man I Love“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo er seine Weltpremiere im offiziellen Wettbewerb gefeiert hat.