Sloweniens große Oscar-Hoffnung
Von Ulf LepelmeierDer Titel des slowenischen Oscar-Kandidaten für den Besten internationalen Film 2026 greift Sonic Youths Song „Little Trouble Girl” auf, der am Ende aus den Kopfhörern der Protagonistin ertönt. Ansonsten dominieren Urška Djukićs von sinnlichen Naturbildern durchzogenen Debütfilm jedoch kirchliche Choräle – erzählt er doch vom ersten sexuellen Erwachen eines Mädchens in einem streng religiösen Umfeld. Dabei weiß „Little Trouble Girls“ mit einem gelungenen audiovisuellen Konzept durchaus zu begeistern. Doch leider verliert sich der Film zunehmend in einer beliebigen Storyentwicklung.
Kurz vor einem Schulchor-Wochenende in einem Kloster in Cividale del Friuli nahe Triest freundet sich die introvertierte 16-jährige Lucija (Jara Sofija Ostan) mit der selbstbewussten Ana-Marija (Mina Švajger) an. Bei dem Ausflug lassen die sommerliche Stimmung und das rigide Regelwerk in der bislang völlig unerfahrenen Jugendlichen neue Gefühle und innere Konflikte aufkommen. Während der anspruchsvolle Chorleiter (Saša Tabaković) volle Konzentration von den Mädchen erwartet, beginnt Lucija erstmals, ihre erwachende Sexualität wahrzunehmen und ihren Glauben zu hinterfragen.
Grandfilm
„Little Trouble Girls“ findet schöne, allerdings auch arg strapazierte Metaphern für das innere Verlangen und die christlichen Schranken: Kreuze, der Kuss einer marmornen Marienfigur oder Blumen, die von Bienen bestäubt werden. Subtil ist Djukićs Erstling nicht gerade. Dafür übersetzt er die überhöhte Sinneswahrnehmung der Protagonistin konsequent in seine Form. Nicht nur die Bilderebene vermittelt dabei das visuelle Empfinden der mit ihren Gefühlen hadernden Jugendlichen, auch die Tonspur spiegelt die Sprunghaftigkeit und Ruhelosigkeit des Innenlebens von Lucija.
Diese folgt mal dem Chorleiter und dann einer Fliege oder lässt uns auf einmal die Geräusche eines Baches oder das Wispern von Lucijas Chorgefährtinnen übertrieben laut wahrnehmen. Kameramann Lev Predan rückt derweil die sommerliche Schönheit der Natur und die allgegenwärtigen christlichen Kulturdenkmäler ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Zudem empfindet er die Blicke der jungen Protagonistin nach, die sich erstmals erlaubt, sinnliche, gar lüsterne Gedanken zu entwickeln, während sie mit ihren Augen die Lippen oder den Bauch ihrer Freundin oder die muskulösen Körper der mit der Renovierung des Konvents beschäftigten Handwerker entlangfährt.
Grandfilm
Letztlich bleibt die von Jara Sofija Ostan mit großer Neugier und Naivität ansprechend verkörperte Lucija aber im Korsett gesellschaftlicher Normen gefangen und erlebt nur das erste Aufflackern von Sehnsüchten. Glücklicherweise wird sie aber aufgrund ihrer spät erwachenden Sexualität und ihrer völligen Unerfahrenheit nicht von den anderen Mädchen aufgezogen oder ausgegrenzt. Vielmehr findet sie in der bereits erfahrenen Ana-Marija eine Freundin, die sie mitzieht und es sich scheinbar zur Aufgabe macht, Lucija auf ihrem Weg der Selbstfindung zu begleiten – zumal Lucija beim nächtlichen Flaschendrehen selbst zugibt, noch nicht genau zu wissen, wonach sie sich eigentlich sehnt.
Ihre tastenden Blicke gelten dabei beiden Geschlechtern; ob diese dabei reines Interesse, Bewunderung oder echte Anziehung bedeuten, wird offen gelassen. Dass diese neuen Sehnsüchte im Widerspruch zu den allgegenwärtigen christlichen Werten stehen, ist Lucija dabei stets sehr bewusst. Ana-Marija wird im starken Kontrast zu ihr als kokette Jugendliche gezeichnet, die ganz genau weiß, wie sie auf andere wirkt. Im Gegensatz zur unerfahrenen Protagonistin erscheint Ana-Marija dabei fast wie eine provokante Verführerin – eine Zuspitzung, die ihre Figurenzeichnung stellenweise etwas schematisch wirken lässt.
Das sexuelle Erwachen wird, wenn man von dem beschriebenen audiovisuellen Ansatz absieht, erzählerisch eher traditionell behandelt. Da bietet der ebenfalls die ersten Erfahrungen auf einer christlichen Schule und die Proben eines Kirchenchores einfangende „Los Domingos“, der im selben Jahr mit der Goldenen Muschel in San Sebastián ausgezeichnet wurde, einen spannenderen Ansatz – gerade weil sich die Protagonistin hier eben nicht einfach gegen die christlichen Vorstellungen auflehnen will, sondern sich im Gegenteil aus eigenen Stücken mit 17 Jahren einem Konvent anschließt und dafür sogar von ihrer eigenen Familie Unverständnis erntet.
So stark sich „Little Trouble Girls“ auf die Empfindungsebene der Protagonistin konzentriert, so wenig interessiert sich die Inszenierung dafür, mögliche Handlungswege wirklich auszuspielen. Weder eine sich entwickelnde Liebe zwischen Schülerinnen, noch eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Chorleiter oder eine Annäherung an die Handwerker werden erzählerisch vertieft. Die Sommertage im italienischen Kloster ziehen ohne große Dramatik vorbei und werden nur in Lucijas Wahrnehmung mit einer prägenden Kraft aufgeladen, ständig zwischen dem Wunsch nach Ausprobieren und keuscher Zurückhaltung pendelnd. Vor diesem Hintergrund wirkt ihre überraschend direkte Frage an eine Nonne – wie diese denn mit einem Leben ohne Intimität zurechtkomme – bereits wie ein radikaler Moment der Infragestellung der christlichen Agenda.
Fazit: Urška Djukićs Spielfilmdebüt fängt das sexuelle Erwachen einer Sechzehnjährigen auf einem sommerlichen Schulchor-Wochenende ein. Während die audiovisuelle Umsetzung der ruhelosen Gedankenwelt der Jugendlichen hervorragend gelingt, verläuft die Geschichte mit ihrer übertriebenen Bildmetaphorik etwas zu ziellos, um im Coming-of-Age-Genre wirklich herauszustechen.
Wir haben „Little Trouble Girls“ auf dem Filmfestival von Sevilla gesehen.