Der Geheimtipp unter den diesjährigen Animations-Oscar-Kandidaten
Von Ulf LepelmeierIm Rennen um den Oscar für den besten Animationsfilm scheinen die Rollen auf den ersten Blick klar verteilt: Mit Netflix‘ Popkultur-Phänomen „KPop Demon Hunters“ sowie Disneys Milliarden-Megahit „Zoomania 2“ stehen gleich zwei omnipräsente Publikumsfavoriten bereit. Umso interessanter ist deshalb der Blick auf jene Filme, die ohne Unterstützung der großen Studios auf eine Nominierung hoffen dürfen und dabei im Idealfall womöglich sogar die Underdog-Erfolgsgeschichte des oscarprämierten lettischen Independent-Animationsfilms „Flow“ aus dem vergangenen Jahr fortschreiben könnten.
Zu diesen Hoffnungsträgern zählen in diesem Jahr gleich zwei französische Produktionen: der poetische Familienfilm „Little Amélie Or The Character Of Rain“ und „Arco - Eine fantastische Reise durch die Zeiten“, der beim Internationalen Animationsfilmfestival von Annecy mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. Sichtbar inspiriert von den Werken von Studio Ghibli („Chihiros Reise ins Zauberland“), erzählt der Debütfilm von Ugo Bienvenu eine in der Zukunft angesiedelte Zeitreisegeschichte für die ganze Familie. Im Zentrum des farbenfrohen Animationsfilms steht die Begegnung zweier Kinder, die zwar durch Jahrhunderte voneinander getrennt sind, aber dennoch eine tiefe Verbindung zueinander aufbauen. In ihrer Freundschaft finden beide Hoffnung – und einen neuen Blick auf ihr eigenes Leben.
Wild Bunch Germany
Im Jahr 2932 können Menschen mithilfe von Regenbogenumhängen und speziellen Kristallen in die Vergangenheit reisen. Arco (Stimme im Original: Oscar Tresanini), ein aufgeweckter 10-jähriger Junge, lebt mit seiner Familie auf einer über den Wolken gelegenen Plattforminsel. Während sich seine Eltern und seine ältere Schwester regelmäßig auf Zeitmissionen begeben, muss Arco zu Hause bleiben, weil Zeitsprünge erst ab dem zwölften Lebensjahr erlaubt sind.
Als seine Familie nach einer längeren Abwesenheit wieder auf die grüne Plattform zurückkehrt, fasst Arco deshalb einen folgenschweren Entschluss: Er stiehlt einen Kristall, schnappt sich das Cape seiner Schwester und fliegt los – ohne zu wissen, wie Zeitreisen eigentlich genau funktionieren. Schließlich landet Arco im Jahr 2075 in einem Wald, wo er beim Aufprall seinen Kristall verliert. Zudem gerät er ins Visier von drei sonderbaren Verfolgern. Zum Glück trifft er auf die gleichaltrige Iris (Margot Ringard Oldra), die ihn bei sich aufnimmt und ihm dabei helfen will, seinen Weg zurück nach Hause zu finden…
Die Zukunftswelt, in der Arco lebt, besteht aus einzelnen Plattformen hoch über den Wolken, die als autarke Ökosysteme für jeweils eine Familie fungieren. Nur beiläufig wird erwähnt, dass es sich tatsächlich um die Erde handelt, deren Oberfläche jedoch fast komplett unter Wasser steht. Die Menschheit hat sich daher in luftige Höhen zurückgezogen. Auf der Plattform von Arcos Familie treffen futuristische Technologien auf eine ländliche Ästhetik: Schwebende Schlafkapseln existieren neben Nutzpflanzen, Hühnerställen und weiteren Bauernhoftieren in einem grünen Refugium.
Diese visuelle Verbindung von Hightech und Natur verleiht der Welt einen organischen, greifbaren Charakter. Arco ist ein neugieriges, aber auch ungeduldiges Kind. Sein Entschluss, allein in die Vergangenheit zu reisen, ist Ausdruck einer tiefen Sehnsucht nach Nähe und familiärer Geborgenheit. Schließlich will er unbedingt seine Familie begleiten und nicht erneut allein zu Hause zurückbleiben. Die tatsächlichen Folgen seines unerlaubten Ausflugs entfalten sich erst zum Ende des Films als emotionaler Schlusspunkt.
Wild Bunch Germany
Iris’ im Jahr 2075 angesiedelter Lebensalltag nimmt einen Großteil des Films ein. Ihre Eltern arbeiten weit entfernt und nehmen nur noch als Hologramme am Familienleben teil. Iris und ihr jüngerer Bruder werden unterdessen vom liebevollen Haushaltsroboter Miki betreut, der weit mehr als eine funktionale Maschine ist. Er spielt mit den Kindern, liest ihnen vor, tröstet sie und ist emotional präsent, während die Eltern physisch abwesend bleiben. So eint Arco und Iris, deren Namenskombination auf Spanisch „Regenbogen“ bedeutet, insbesondere ihre Sehnsucht nach einem intensiveren Austausch mit ihren Eltern.
Regisseur Ugo Bienvenu, der zuvor bereits die Miniserie „Marvel’s Ant-Man“ sowie zahlreiche Musikvideos und Kurzfilme realisierte, nimmt seine jungen Held*innen ernst und zeichnet sie differenziert und altersgerecht. Dabei orientiert er sich deutlich an den Werken von Hayao Miyazaki. Liebevoll charakterisierte kindliche Protagonist*innen, grüne Welten in luftiger Höhe, detailverliebte Hintergrundanimationen und das klare Anliegen, die Schönheit der Natur zu vermitteln und ihre Schutzbedürftigkeit zu betonen, lassen deutliche Bezüge zu „Das Schloss im Himmel“ oder „Ponyo“ erkennen.
Im Jahr 2075 wird die Welt beständig von Waldbränden und Unwettern heimgesucht. Während transparente Schutzkuppeln über den Siedlungen die Menschen und ihre Häuser bewahren, leidet die Natur massiv unter den extremen Wetterumständen. Auch die drei Verfolger werden keinem eindimensionalen Gut-Böse-Schema untergeordnet. In der Tradition des Studio Ghibli handelt es sich bei ihnen um ambivalente Figuren, deren Beweggründe sich erst im Laufe der Zeit erschließen. So vermeidet der Film moralische Vereinfachungen und lässt Raum für Grautöne. Dystopische Züge einer kurz vor der Zerstörung befindlichen Welt schwingen mit, ohne dass der sehr farbenfroh gestaltete Film deshalb seinen kindgerechten, optimistischen Grundton verlieren würde.
Die Hintergründe begeistern mit ihrem Detailreichtum und bieten insbesondere in der Darstellung von Flora und Fauna stets Neues zu entdecken. Die Charakteranimationen sind hingegen bewusst reduziert und minimalistisch gehalten. Der gewählte Kontrast führt zu einem eigenwilligen, zugleich aber unverwechselbaren visuellen Stil. Immer wieder begeistern klug gesetzte Ideen innerhalb der schlüssig entwickelten Zukunftswelten. So gibt es bereits im Jahr 2075 ein völlig neues Unterrichtskonzept, bei dem die Kinder in thematischen Räumen selbst Teil des historischen oder wissenschaftlichen Lehrstoffs werden. Statt auf Action und hohes Tempo setzt „Arco - Eine fantastische Reise durch die Zeiten“ auf die liebevolle Zeichnung der Kinder und ihrer faszinierenden Welten. Gerade ihr freundschaftliches Band verleiht dem Film seine emotionale Tiefe und den bittersüßen Schlusspunkten ein besonderes Gewicht.
Fazit: „Arco - Eine fantastische Reise durch die Zeiten“ erzählt in farbenfroh-originellen Zukunftssettings von zwei Kindern, die sich nach ihren Eltern sehnen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Die einfühlsame Zeitreisegeschichte über Entdeckungsdrang und Freundschaft begeistert Kinder wie Erwachsene gleichermaßen und vermittelt auf warmherzige Weise gelebtes Umweltbewusstsein und familiären Zusammenhalt.
Wir haben „Arco - Eine fantastische Reise durch die Zeiten“ bei den Französischen Filmtagen in Leipzig gesehen.