Die vergessene Fußball-WM
Von Björn SchneiderFrauenfußball erfreut sich hierzulande vor allem seit den 2000ern, als die deutschen Fußballerinnen zweimal den WM-Titel holten (2003 und 2007), einer immer größeren Beliebtheit. Aber auch wenn die Geschichtsschreibung des internationalen Profi-Frauenfußballs für die FIFA erst mit der ersten offiziellen WM in China beginnt, fand in Wahrheit bereits zwei Dekaden zuvor, im Jahr 1971, eine Weltmeisterschaft für Frauen-Nationalteams in Mexiko statt.
Von diesem Turnier wissen aber vermutlich nur eingefleischte (Frauen-)Fußball-Fans. Das Sportereignis, das damals hunderttausende Fans live in den Stadien sehen wollten, hätte der Startschuss für die weltweite Akzeptanz des Frauenfußballs werden können – doch es kam anders. Das Turnier und mit ihm alle Aufnahmen und Fotos verschwanden in den Annalen der Fußballgeschichte. Die Copa 71 geriet in Vergessenheit. Die gleichnamige Dokumentation erzählt nun von diesem außergewöhnlichen Sport-Spektakel und den beteiligten Sportlerinnen, die ihrer Zeit offensichtlich voraus waren.
Rachel Ramsay und James Erskine haben für „Copa 71“ rare Originalaufnahmen des Turniers ausgegraben – in Farbe. Es handelt sich dabei um beachtliches Filmmaterial, darunter TV-Bilder und privates Super8-Material, das 50 Jahre versteckt in den Archiven lagerte. Es sind beeindruckende Szenen von einem Frauenfußballturnier, das die Menschen begeisterte. Sechs Teams nahmen an der WM teil, am Ende siegte Dänemark gegen die Gastgeber-Nation Mexiko mit 3:0 – und zwar vor mehr als 112.000 Menschen im legendären Aztekenstadion in Mexiko-City. Es ist bis heute das meistbesuchte Frauensportevent aller Zeiten.
Ramsay und Erskine präsentieren grandiose Momente und Highlights aus den wichtigsten Spielen. Darunter das mitreißende Endspiel sowie die übrigen Finalspiele, von denen besonders das torreiche Halbfinale zwischen Dänemark und Argentinien herausstach (die Skandinavier besiegten die Südamerikaner am Ende mit 5:0). Wir sehen wunderschöne Tore zum Staunen, begeisternde Tricks und Dribblings, hitzige und körperbetonte Kämpfe um den Ball. Und auf den Tribünen: Menschenmassen, die den Sportlerinnen frenetisch zujubeln. Wüsste man nicht, dass man Aufnahmen von der Frauenfußball-WM sieht, hielt man das Gezeigte für Spielszenen von der Männer-WM, die nur ein Jahr zuvor in Mexiko vor ebensolchen Jubelkulissen ausgetragen wurde.
Grandfilm
Die Filmemacher unterlegen die Spielszenen mit atmosphärischen O-Tönen und Audiomaterial direkt vom Ort des Geschehens: von lauten Menschenmengen vor dem Stadion über Fangesänge und Torjubel bis hin zu Original-Kommentaren der (internationalen) Reporter. Zu hören sind auch Statements etlicher WM-Teilnehmerinnen von einst, die ausgewählte Spielmomente kommentieren und sich anekdotenreich an ein außergewöhnliches, die Nationen und Kulturen verbindendes Megaereignis unter der mexikanischen Sonne zurückerinnern.
Überhaupt machen die Interviews mit den Ex-Spielerinnen einen großen Reiz von „Copa 71“ aus. Einige von ihnen lernen wir näher kennen, zum Beispiel die Mexikanerin Silvia Zaragoza und die Britin Carol Wilson. Daneben kommen weitere Fußballerinnen zu Wort, die zwar nicht an der Copa 71 teilnahmen, aber dennoch zu einer Zeit aktiv waren, als Frauenfußball längst nicht so bekannt und akzeptiert war wie heutzutage. So etwa die Verteidigerin Ann Stengård, die ihr Debüt in der dänischen Nationalelf Mitte der 70er-Jahre gab. Sie bringt es mit einem der wichtigsten Sätze des Films auf den Punkt: „Ich will nicht in eine Schublade gesteckt werden.“
Wir verfolgen den Weg des dänischen und der anderen Frauenfußball-Nationalteams, dramaturgisch klug montiert, von den ersten Spielen bis ins Finale – und fühlen uns dabei ins Jahr 1971 zurückversetzt. Eine Zeit, die stark von gesellschaftlich gewachsenen, antiquierten Ansichten, (scheinbar) starren Geschlechterrollen und harschen Ressentiments geprägt war. Gerade gegenüber Frauen. Davon künden einige Straßen-Interviews und Passanten-Statements aus den 60er- und 70er-Jahren. „Das ist eine Kuriosität“ oder „Das bringt mich zum Lachen“, lauten die harten, aber zu jener Zeit weit verbreiteten Urteile einiger Männer, die zum Thema „Frauenfußball“ befragt werden.
Fußball spielende Frauen, die sich im Dreck wälzen und einem Ball hinterherjagen? Für viele Männer damals unvorstellbar. Und ebenso für die (natürlich ausschließlich männlich besetzte) Führungsetage des Fußball-Weltverbandes Fifa. „Copa 71“ arbeitet nämlich auch heraus, wie sich die Fifa und einige nationale Fußballverbände nach dem Erfolg des Turniers von 1971 quer stellten. Sie wollten die globale Ausbreitung des Frauenfußballs und damit den entscheidenden Schritt in Richtung weltweiter Akzeptanz blockieren. Mit Erfolg: Nach dem Turnier hagelte es Verbote für Frauenteams oder man untersagte ihnen, weiterhin in Stadien vor größerem Publikum zu spielen.
Grandfilm
Und in Deutschland? Zwar gab es kein Verbot, aber vom DFB trotzdem teils hanebüchene Vorgaben: Frauen mussten mit einem Jugendball spielen, Stollenschuhe waren nicht gestattet, die Halbzeiten waren kürzer als bei den Männern. Auch in anderen Ländern taten die Fifa und die nationalen Landesverbände alles, um dem Frauenfußball die Anziehungskraft und Attraktivität zu rauben. Und so geriet die Copa 71 im Laufe der Jahrzehnte allmählich in Vergessenheit. Die Fifa hat das Turnier bis heute nicht offiziell anerkannt. Schade ist nur, dass „Copa 71“ einige spannende Themen und interessante Fragestellungen, zum Beispiel nach der finanziellen Gleichstellung der Geschlechter im Profifußball, nur kurz anreißt.
Bisweilen wirkt zudem die instrumentale musikalische Untermalung der Spielausschnitte und Fotos vom Turnier etwas dominant und emotionalisierend. Andererseits setzen Ramsay und Erskine auf gut gewählte, passende Evergreens. Zu hören sind Empowerment-Klassiker der 60er- und 70er-Jahre mit Botschaft. Sie stammen von starken, selbstbewussten Frauen der Rock- und Pop-Geschichte, darunter Carole King („I Feel The Earth Move“) und Nancy Sinatra („These Boots Are Made For Walking“).
Fazit: Ohne die Copa 71 wäre die erste offizielle Frauen-WM 1991 in China nicht möglich gewesen, sagt die ehemalige US-Nationalspielerin Alex Morgan – und trifft mit dieser Äußerung, im wahrsten Sinne, voll „ins Schwarze“. Denn die Spielerinnen der WM 1971 waren ihrer Zeit voraus und leisteten Pionierarbeit, das zeigt „Copa 71“ nachdrücklich und auf fesselnde Weise.