Das überraschend blutrünstige Prequel zu einer Kinderserie
Von Thorsten HanischIn Deutschland sind die zugrundeliegenden Mangas von Shigeru Mizuki zwar erst zwischen 2021 und 2023 veröffentlicht worden, aber in Japan kennt den seit mehr als sechs Jahrzehnten existierenden Popkultur-Mythos jedes Kind: „GeGeGe No Kitaro“ erzählt von den humorvollen Abenteuern des einäugigen Yōkai-Jungen Kitaro, Sohn einer vertriebenen Mumie und eines Menschen, der versucht, zwischen der Welt der Yōkais und der Welt zu Menschen zu vermitteln. Aus dem Manga wurde im Laufe der Jahre ein großes Multimedia-Franchise und „The Birth Of Kitaro – Das Geheimnis von Gegege“ von Go Koga („Digimon Universe: App Monsters“) ist nun das Kino-Prequel zur bereits siebten (!) Serien-Adaption, die zwischen 2018 und 2020 erstmalig in Japan ausgestrahlt wurde.
Wer hier allerdings einen ähnlichen Tonfall wie bei den bisherigen Adaptionen oder gar den zugrundeliegenden Mangas erwartet, wird nicht schlecht staunen: „GeGeGe No Kitaro“ stand zwar schon immer mit einem Bein im Horror und war dank der sanft morbiden Atmosphäre und der an amerikanische Gruselcomics angelehnten Gestaltung ebenso für Jugendliche und Erwachsene nicht uninteressant, hatte aber stets primär Kinder als Zielpublikum im Blick. „The Birth Of Kitaro – Das Geheimnis von Gegege“ ändert jetzt überraschend die Marschroute und präsentiert sich als überwiegend düstere, erstaunlich blutrünstige Mischung aus Mystery-Krimi und Dark-Fantasy-Action, die zwar durchaus mitreißt, aber erzählerisch etwas holprig bis überladen ausfällt.
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Im Jahr 1956 reist der Kriegsveteran Mizuki als Angestellter der kaiserlichen Blutbank in ein abgelegenes Dorf zur einflussreichen Familie Ryuga. Dessen Familienoberhaupt, Chef eines großen Pharmakonzerns, ist kürzlich verstorben – und Mizuki soll nun Informationen zu einem geheimen Serum des Unternehmens sichern. An seinem Ziel angekommen, wird er aber erst einmal Zeuge von familieninternen Streitereien: Das Testament ist anders ausgefallen, als wohl so manches Familienmitglied erwartet hat.
Es bleibt aber nicht bei verbalen Schlagabtäuschen, stattdessen kommt es zu einem ersten, grausamen Mord. Parallel dazu macht sich Gegerō auf den Weg ins Dorf, weil er auf der Suche nach seiner verschwundenen Frau ist. Dort freundet er sich schon bald mit Mizuki an und kommt mit ihm gemeinsam den dunklen Geheimnissen der Ryugas auf die Spur...
Die 1959 gestartete Manga-Reihe wurde zwischen 1965 und 1970 in einem der bis heute erfolgreichsten Manga-Magazine Japans publiziert. Die dank einer Auflage von bis zu 1,5 Millionen Exemplaren extrem breite Leserschaft liebte Mizukis Schöpfung – und der Erfolg führte nicht nur zur enormen Popularisierung der sogenannten Yōkais, also Wesen und Geister des japanischen Volksglaubens, die ebenso in anderen Werken Mizukis eine große Rolle spielen, sondern auch zu sieben Anime-Serien, zwölf Anime-Spielfilmen, zwei Realverfilmungen sowie 15 Videospielen.
„The Birth of Kitaro – Das Geheimnis von Gegege“ basiert nun auf einer 1966 erstveröffentlichten Geschichte der Manga-Reihe, allerdings nur sehr lose und im Tonfall – wie bereits angesprochen – völlig anders. Die geänderte Gangart wirkt auch deswegen merkwürdig, da mit einem angehängt wirkenden, in der heutigen Zeit spielenden Prolog versucht wird, eine Verbindung zur sehr wohl kindertauglichen Serie von 2018 zu schaffen. Wer den Einstieg hinter sich bringt, wird nach einem Wechsel ins Jahr 1956 aber schnell in eine bildstarke, sehr atmosphärische Dorfwelt gezogen, die von allerhand sonderbaren Gestalten bevölkert wird.
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Doch der anfängliche Mystery-Krimi offenbart mit zunehmender Laufzeit Drehbuchschwächen: Es gibt viel zu viele Figuren und Verstrickungen, wodurch das Geschehen zeitweise auf der Stelle tritt. Was den Film aber schlussendlich rettet, ist der Umstand, dass das Ganze nach etwa der Hälfte mehr und mehr in blutigste Action-Gefilde kippt – besonders der Kampf Gegeros gegen ein Horde ninjartiger Kämpfer auf der Spitze eines mehrstöckigen Turms beeindruckt mit einer stilvollen, kinetischen Inszenierung.
In den letzten 20 Minuten werden die Zügel dann vollends fallen gelassen und „The Birth Of Kitaro – Das Geheimnis von Gegege“ wird zum enorm abwechslungsreich umgesetzten, höllischen Irrsinn (unter anderem spielt ein dämonischer Kirschblütenbaum eine größere Rolle). Das wirkt wie eine abgefahrene Entschuldigung für das zuvor noch so maue Drehbuch.
Fazit: Mit „The Birth Of Kitaro – Das Geheimnis von Gegege“ erreicht der japanische Kult endlich die deutschen Kinoleinwände – und dank der tollen, bildgewaltigen Inszenierung sollten sich Anime-Interessierte den Film gerade auf der großen Leinwand nicht entgehen lassen. Ob sich der vor allem in der ersten Hälfte mit Drehbuchschwächen kämpfende Film, der inhaltlich an den Anfang des Franchise zurückgeht, nur um sich gleichzeitig an ein deutlich älteres Zielpublikum als gewohnt zu richten, allerdings zum Einstieg in die wunderbare Welt von „GeGeGe No Kitaro“ eignet, ist allerdings fraglich.