Jane Austen und das Chaos in meinem Leben
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Jane Austen und das Chaos in meinem Leben

Humor und Romantik mit einem Hauch von Bridget Jones

Von Gaby Sikorski

„Janeites“ – so nennen sich weltweit die Fans der englischen Schriftstellerin Jane Austen, die vor mehr als 200 Jahren starb. Ihre Werke, die stets anonym und lediglich mit dem Vermerk „by a lady“ erschienen sind, wurden zum britischen Kulturgut – ihr Hauptwerk „Stolz und Vorurteil“ („Pride and Prejudice“) gehört zu den absoluten Klassikern der englischsprachigen Literatur. So wie viele ihrer Romanheldinnen war auch Jane Austen selbst eine Angehörige der „Gentry“ – also des gehobenen Bürgerstandes, den sie in ihren Romanen mit kritischem Blick und durchaus humorvoll durchleuchtet. Eines ihrer wichtigsten Themen wurde die Problematik, wie Frauen sich einerseits Freiheiten nehmen und bewahren können, während sie andererseits den Anforderungen der damaligen Gesellschaft gerecht werden müssen.

Für die Französin Agathe (Camille Rutherford, „Club Zero“), die alles von Jane Austen gelesen hat, gilt Ähnliches. Allerdings ist sie in praktisch sämtlichen Dingen des Lebens so unsicher und ungeschickt, dass sie mit Mitte 30 immer noch nicht so richtig weiß, was sie will. Sie jobbt in einer englischen Buchhandlung in Paris, was sie auch der Tatsache verdankt, dass sie fließend Englisch spricht. Als Einzelgängerin, die sich am wohlsten fühlt, wenn sie alleine ist, tanzt sie schon mal zwischen den Bücherregalen, aber sie käme vermutlich niemals auf die Idee, zum Abtanzen einen Club zu besuchen. Ihr bester, weil einziger Freund ist ihr Kollege Félix (Pablo Pauly, „Akropolis Bonjour – Monsieur Thierry macht Urlaub“), Typ: guter Kumpel in allen Lebenslagen. Sie vertraut ihm sogar ihre Schreibversuche an, nämlich die ersten Kapitel eines Romans, zu dem sie durch einen fantastischen Tagtraum mit einem exotischen Mann inspiriert wurde.

Hobby-Schriftstellerin Agathe (Camille Rutherford) würde am liebsten den ganzen Tag allein mit ihren Büchern verbringen – doch das Leben hält andere Pläne für sie bereit! Splendid Film GmbH
Hobby-Schriftstellerin Agathe (Camille Rutherford) würde am liebsten den ganzen Tag allein mit ihren Büchern verbringen – doch das Leben hält andere Pläne für sie bereit!

Allerdings ahnt Agathe nicht, dass Félix ihr Manuskript heimlich bei einem Schreibwettbewerb einreicht – und tatsächlich gewinnt Agathe einen der Hauptpreise: zwei Wochen Schreiburlaub in der Jane Austen Residency in England. Sie freut sich irgendwie, aber vor allem findet sie sofort eine Unzahl von Ausreden, warum eine Teilnahme für sie absolut nicht in Frage käme. Mit vereinten Kräften gelingt es ihrer lebenslustigen Schwester Mona (Alice Butaud, „The Returned“) und Félix, sie davon zu überzeugen, dass sie unbedingt nach England reisen sollte.

Dort begegnet ihr gleich nach ihrer Ankunft der gut aussehende, aber extrem schnöselige Oliver (Charlie Anson, „Tod auf dem Nil“), der sich als Urururur-Großneffe von Jane Austen vorstellt. Er macht sich bei Agathe sofort unbeliebt, weil er die literarische Bedeutung seiner Ahnfrau nicht nur herunterspielt, sondern sich auch über sie lustig macht. Umgekehrt gelingt es Agathe durch ihr tollpatschiges Verhalten, dass sie sich ihm gegenüber schrecklich blamiert. Diese erste Begegnung müsste nach allen Gesetzen der romantischen Komödie richtungsweisend für den Ausgang der Geschichte sein und nichts anderes bedeuten als: Die beiden sind füreinander bestimmt. Doch es kommt anders, jedenfalls ein bisschen – glücklicherweise!

Tiefer als man zunächst glaubt!

Einer der positivsten Aspekte des Films besteht nämlich darin, dass es hier gar nicht vorrangig um eine Frau geht, die auf der Suche nach der großen Liebe ist. Das wäre nicht nur als Thema unangemessen und viel zu billig, sondern es hätte auch wenig Bezug zu Jane Austen. Anders als es in der Vermarktung dargestellt wird, ist „Jane Austen und das Chaos in meinem Leben“ nämlich gar keine locker-flockige, leichte und seichte RomCom, sondern eine ziemlich raffiniert konstruierte, witzige und durchaus anspruchsvolle Selbstfindungsgeschichte, ohne dass dies jemals offen ausgesprochen würde.

Die Raffinesse liegt zum Beispiel darin, dass der Film auch dann funktioniert, wenn sich Mann oder Frau einfach mal so im Kino amüsieren möchte. Und das ist im Grunde eines der Kennzeichen von guten Komödien: Wer möchte und sich angesprochen fühlt, kann sich über den tieferen Sinn dahinter Gedanken machen, und wer die Unterhaltung sucht, findet sie ebenfalls. Interessanterweise gibt es hinsichtlich dieses Ansatzes einige Parallelen zu den Werken von Jane Austen im Speziellen und – selbstverständlich – zu guten Romanen im Allgemeinen.

Französischer Charme trifft auf englischen Humor

Tatsächlich handelt der Film von einer künftigen Schriftstellerin, die hin- und hergerissen wird zwischen Identitätsssuche, ihrer Berufung, ihren Themen und ihrem Schreibstil. Dabei wird sie mehr oder weniger zufällig gleich mit zwei attraktiven Männern konfrontiert, Félix und Oliver. Doch so lange sie um sich selbst kreist, hat sie gar keinen Nerv für die Welt um sich herum. Sie merkt gar nicht, dass Félix in sie verliebt ist, oder es ist ihr egal. Wenn sie beginnt, sich für Oliver zu interessieren, ist das vor allem ein Zeichen dafür, dass sie auf dem Weg ist, sich psychisch zu stabilisieren.

Laura Piani hat ihr Regiedebüt in sanfte, herbstliche Farben gehüllt und stimmungsvoll mit viel Klaviermusik unterlegt. Ihr Drehbuch wimmelt von hübschen kleinen Gags, für die unter anderem zwei Alpakas und ein leicht dementer, liebenswürdiger alter Herr verantwortlich sind. Dabei vereint die französisch-britische Komödie in ihrer Vielschichtigkeit das Beste aus beiden Nationen: französischer Charme, englischer Humor – und vice versa. Das beginnt bei der Figur der Agathe. Camille Rutherford spielt sie mit liebenswerter Tollpatschigkeit, die auf den ersten Blick nicht zu ihrer eher herben viktorianischen Schönheit zu passen scheint: Sie ist eine hochkomplizierte Persönlichkeit praktisch ohne jedes Selbstvertrauen, die einiges mit sich herumschleppt, was in feiner Beiläufigkeit nach und nach enthüllt wird.

Félix (Pablo Pauly) ist Agathes einziger Freund – und am Ende vielleicht sogar noch mehr als das? Splendid Film GmbH
Félix (Pablo Pauly) ist Agathes einziger Freund – und am Ende vielleicht sogar noch mehr als das?

Ob sie sich für einen der beiden hübschen Kerle entscheidet, wird dabei fast zur Nebensache. Félix (knuffig: Pablo Pauly) bietet ihr Vertrautheit und Verständnis, mit Oliver (arrogant und lässig: Charlie Anson) kann sie sich intellektuell auseinandersetzen, wobei Charlie Anson sehr heftig Hugh-Grant’elt – bis in die kleinsten Gesten und Blicke. Immerhin gelingt es Anson dabei, auch einen gewissen eigenen Charme zu entwickeln. Spätestens beim alljährlichen Jane-Austen-Ball, der die drei Hauptpersonen in den Empire-Kostümen der Regency-Epoche zusammenbringt, hat Agathe dann die Gelegenheit, beide Männer direkt zu vergleichen. Sie tanzt mit Beiden – und nach den Regeln der RomCom müsste der Ausgang dann eigentlich ganz klar sein. Oder etwa nicht?

Fazit: Wen all das irgendwie an eine gewisse Bridget Jones erinnert: Volltreffer! Laura Pianis überzeugendes und sehr ansehnliches Kinodebüt ist eine aktualisierte Version von Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ – fantasievoll und witzig, gleichzeitig altmodisch und modern, geistvoll und rustikal. Eine liebevolle Hommage an Jane Austen und alle ihre ambitionierten Nachfolgerinnen inklusive Extra-Sternchen für unauffällige Raffinesse.

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