Zugabe mit Finger im Po
Von Pascal ReisNachdem sie eine Gallone Milch hinuntergestürzt hatten, ließen sich Steve-O und seine Weggefährten auf ein Karussell schnallen, das unter Paintballbeschuss immer höhere Drehzahlen erreichte. Schwall um Schwall Erbrochenes flog durch die Luft, schließlich hatte sich die Truppe in „Jackass Forever“ vorgenommen, ein letztes Mal die Grenzen des guten Geschmacks auszureizen. Begleitet von einem lärmenden Pyro-Finale mündete das Ganze schließlich in einen von Nostalgie getragenen Abspann.
„Jackass Forever“ sollte 2022 den Schlusspunkt unter ein Franchise setzen, dessen popkultureller Stellenwert mit den Jahren eher gewachsen als verblasst ist. Vielleicht auch deshalb, weil selbst das Internet und die unzähligen YouTube-Nachahmer-Kanäle der Truppe nie wirklich etwas entgegensetzen konnten. Dass „Jackass 5: Einer geht noch“ nun als WIRKLICH letzter Nachschlag nicht ganz frei von kommerziellem Kalkül daherkommt, liegt auf der Hand. Doch schon nach wenigen Minuten weiß man wieder, warum man mit diesen Jungs auch nach all den Jahren noch so erstaunlich gern Zeit verbringt.
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Bevor die Crew im Intro in einer mit Rollbandböden ausgestatteten Vernissage zu Bonnie Tylers „I Need A Hero“ nach allen Regeln der Kunst auf die Fresse bekommt (oder wahlweise auf denkbar unangenehmste Weise in Kakteen befördert wird), eröffnet „Jackass 5“ mit einer Szene, der MTV Ende der 1990er-Jahre völlig zu Recht die Ausstrahlung verwehrt hat: Johnny Knoxville steht auf einer Lichtung und schießt sich mit einem Revolver selbst in die Brust. Zwar trägt er eine Schutzweste und hat sich als zusätzlichen Puffer einige Zeitschriften unter das T-Shirt gestopft. Dennoch bleibt nach dem Stunt vor allem eines: ungläubiges Kopfschütteln – und die Erleichterung darüber, dass dieser ebenso haarsträubende wie strunzdoofe Einfall nicht tödlich geendet ist.
Es gibt noch mehr von solch unveröffentlichtem Material, das seinerzeit nie ausgestrahlt wurde, entweder weil es schlicht unzumutbar erschien oder ein zu hohes Nachahmungsrisiko barg (wie etwa Knoxvilles Treppenkissen-Stunt, bei dem er sich in einen Karton verpackt eine Treppe hinunterbefördern ließ und dabei gleich zwei Bandscheibenvorfälle erlitt). Darüber hinaus setzt sich der Nachklapp-Film aus den größten Momenten der früheren Kinoauftritte und der TV-Serie sowie eigens neu gedrehten Stunt-Szenen zusammen. Wer bei dieser Mischung vermutet, die Truppe würde es inzwischen etwas ruhiger angehen lassen, irrt jedoch gewaltig: Auch im fortgeschrittenen Alter zeigen sich die „Jackass“-Jungs bemerkenswert resistent gegen Vernunft – zum Glück!
Tatsächlich gelingt es „Jackass 5“, nahtlos an den Irrsinn und den Ekelfaktor seiner Vorgänger anzuknüpfen. Vor allem Steve-Os Prostatauntersuchung dürfte sich langfristig einen festen Platz im Kanon der denkwürdigsten Momente der Reihe sichern. Dabei ist die Grundidee keineswegs neu: Dass sich ein Mitglied der Crew Gegenstände aller Art einführt, gehört seit jeher zum Markenkern von „Jackass“. Folgerichtig erinnert der Film auch noch einmal an das legendäre „Arschröntgen“ von Ryan Dunn, der sich im ersten „Jackass“-Film ein Spielzeugauto in den Allerwertesten schob – und damit einige der fassungslosesten Gesichtsausdrücke provozierte, die jemals in einem Röntgenraum zu beobachten waren.
Diesmal lässt sich Steve-O den Finger von dem grandios kodderschnauzigen humanoiden Roboter Larry in den Hintern schieben. Zwar wird dem Blechmann dabei noch ein Kondom übergestreift, damit es besser flutscht, allerdings darf Larry seinen Finger dann auch noch einmal ausgiebig durch ein Glas Erdnussbutter ziehen – natürlich schön crunchy! Und als hätte sich Steve-O dabei nicht schon zur Genüge die Lunge aus dem Hals geschrien, muss er danach auch noch einen Handjob von Larry über sich ergehen lassen, der wirklich so fern aller Erotik liegt, wie man es sich nur vorstellen kann. Außer natürlich, man mag es, wenn einem beim Liebesspiel der Penis ohne jede Rücksicht auf Verluste zerquetscht wird.
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Ohnehin merkt man den neu gedrehten Szenen deutlich an, dass „Jackass 5“ als Schlusspunkt der Reihe gedacht ist. Mit welchem entwaffnenden Enthusiasmus sich die Crew ein letztes Mal in Schmerz, Demütigung und Chaos stürzt, nötigt einem absoluten Respekt ab. So lässt sich Poopies ohne Betäubung Hyaluronsäure in die Lippen spritzen und sieht anschließend wie ein gescheiterter Z-Promi aus einem Trash-TV-Format aus. Zach wiederum muss sich ausgerechnet die äußerst empfindliche Brustwarze von einem durch Stromschläge malträtierten Steve-O tätowieren lassen. Und dass Ehren nach dem „Escape Room aus der Hölle“ die Reißleine zieht und im wahrsten Sinne des Wortes die Flucht ergreift, ist absolut nachvollziehbar.
Wer sich „Jackass 5“ im Kino anschaut, sollte auf einen bis auf den letzten Platz gefüllten Saal hoffen, schließlich entfaltet sich der anarchische Hau-Drauf-Humor unter Gleichgesinnten am besten. Auf das frische Material ebenso wie auf die bislang unveröffentlichten Aufnahmen darf man sich dabei uneingeschränkt freuen. Ein kleiner Ratschlag sei allerdings erlaubt: Die vorherigen Filme sollte man sich unmittelbar vor dem Kinobesuch besser nicht noch einmal ansehen. Als Vorbereitung erscheint das zunächst naheliegend, doch da „Jackass 5“ einen beträchtlichen Teil seiner Laufzeit den Highlights der Vorgänger widmet, könnten sich gewisse Ermüdungserscheinungen einstellen. Liegt die letzte Begegnung mit Knoxville und Co. hingegen schon etwas zurück, macht das nostalgische Schwelgen definitiv mehr Vergnügen.
Hat man bereits nach „Jackass Forever“ den Kinosaal mit feuchten Augen verlassen, besiegelt „Jackass 5“ die Gewissheit endgültig: Einen sechsten Teil wird es mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr geben. Gleich zweimal wird Johnny Knoxville im Film darauf angesprochen, dass dieses Kapitel das Ende einer Reise markiert, die über Jahrzehnte hinweg Generationen geprägt hat. Beide Male kämpft er mit einem dicken Kloß im Hals gegen die Tränen an, weil ihm bewusst ist, dass auch er sich von einem zentralen Abschnitt seines Lebens verabschieden muss.
Knoxville in dieser ungewohnt verletzlichen Verfassung zu erleben, verleiht dem Film eine emotionale Grandezza. Umso eindringlicher wirkt die Erkenntnis, dass auch seine Zeit als furchtloser Stuntman ihrem Ende entgegengeht. Spätestens seit seiner folgenschweren Begegnung mit einem wutschnaubenden Bullen in „Jackass Forever“, nach der es keine weiteren Kopfverletzungen mehr geben darf, sind die körperlichen Grenzen unübersehbar geworden. Wenn „Jackass 5“ etwas deutlich macht, dann, wie sehr einem diese Ansammlung liebenswerter Trottel über die Jahre ans Herz gewachsen ist – und wie schwer der Abschied tatsächlich fällt.
Fazit: Mit „Jackass 5: Einer geht noch“ findet das Franchise seinen würdigen Abschluss. Das bislang unveröffentlichte Material sorgt bisweilen für Fassungslosigkeit, während die neu gedrehten Stunts einmal mehr genüsslich Volldampfnarrheiten zelebrieren. Die ausgedehnte Rückschau mag das Tempo gelegentlich drosseln, ist aber wesentlich für die emotionale Wirkung. Und wenn im Abspann zu „Shine A Light“ von den Rolling Stones noch einmal durch die Geschichte von „Jackass“ gestreift wird, dürfte jeder hartgesottene Fan mit den Tränen kämpfen.