The Invite
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
The Invite

Halb Hollywood wollte diesen Film unbedingt haben – zu Recht!

Von Christoph Petersen

Früher war es normal, dass bei größeren Filmfestivals regelmäßig Bieterkriege ausbrachen. Im Anschluss an besonders umjubelte Premieren telefonierten sich die Einkaufsteams der Hollywoodstudios die Finger heiß, um die Verwertungsrechte am neuesten Hype-Titel zu ergattern. Aber der Indie-Sektor liegt inzwischen brach und solche Nachrichten sind eine echte Seltenheit geworden. Selbst beim diesjährigen Cannes-Festival gab es mit „Club Kid“ und „La Bola Negra“ nur zwei Filme, die eine echte Marktbewegung auslösten. Vier Monate zuvor war es beim renommierten Sundance-Filmfestival sogar nur ein einziger Titel, bei dem die Gebote durch die Decke gingen – bevor schließlich das Kultstudio A24 („Marty Supreme“) die Konkurrenz von Apple TV, Netflix und Searchlight Pictures ausstechen konnte.

Aber man sollte jetzt nicht glauben, dass die Mitbietenden nur heiß auf die Stars waren. Denn selbst wenn die anregende Kammerspiel-Komödie „The Invite“ mit Penélope Cruz, Seth Rogen, Edward Norton und Olivia Wilde auftrumpft, sind die Zeiten, in denen ein namhafter Cast allein genug war, um das Interesse der Kinogemeinde zu wecken, ebenfalls vorüber. Stattdessen liefert Olivia Wilde mit ihrer dritten Regiearbeit nach „Booksmart“ und „Don’t Worry Darling“ einen waschechten Cringe-Crowdpleaser – der im selben Moment mit einer provokanten Schärfe lockt! „The Invite“ macht erst wahnsinnig neugierig – und entlässt einen dann ebenso befriedigt aus dem Kinosaal. Zumal der vierfach oscarnominierte Edward Norton eine der besten Leistungen seiner Karriere beisteuert.

Der Besuch des Nachbarspaares Piña (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton) entwickelt sich schnell in eine unerwartete Richtung … A24
Der Besuch des Nachbarspaares Piña (Penélope Cruz) und Hawk (Edward Norton) entwickelt sich schnell in eine unerwartete Richtung …

Joe (Seth Rogen) war früher mal für einen Sommer ein erfolgreicher Rockstar. Aber inzwischen kann sich der Gastprofessor kaum noch dazu aufraffen, seine gleichermaßen unmotivierten Musikstudent*innen zu unterrichten. Seit ihm seine Frau Angela (Olivia Wilde) ein Klapprad geschenkt hat, sind seine Rückenschmerzen nur noch schlimmer geworden – und so will er auch an diesem Abend einfach nur seine Ruhe haben. Aber dann kommt die Hiobsbotschaft: Angela hat das Nachbarspaar von oben, das beim Sex immer so unglaublich laut ist, zum Abendessen eingeladen.

Die Psychotherapeutin Piña (Penélope Cruz) und der auf Masseur umgeschulte Ex-Feuerwehrmann Hawk (Edward Norton) sind echt sympathisch. Aber auch sie spüren schnell, in was für eine angespannte Situation sie hier hineingestolpert sind. Ein wenig lockerer wird der Abend erst, als die Gäste über die Ursprünge des lauten nächtlichen Stöhnens auspacken. Die Geräusche stammen nämlich nicht zwingend nur von dem Paar selbst; stattdessen veranstalten Piña und Hawk offenbar regelmäßig Gruppensexpartys in ihrem Appartement …

Viel besser als das Original

Vor zwei Jahren kam „Der Vierer“ mit Florian David Fitz in die Kinos. Allerdings geriet die Neuauflage eines spanischen Originals derart piefig, dass die Genrebezeichnung „Sex-Komödie“ schon viel zu hochgegriffen wäre. Stattdessen gab es doch nur altbackenes Beziehungskisten-Einerlei. Auch „The Invite“ basiert auf einem spanischen Vorbild, der Boulevard-Komödie „Sentimental“ aus dem Jahr 2020. Aber Olivia Wilde verleiht dem Stoff in jeder Hinsicht eine ganz neue Qualität. Das fängt schon bei der Inszenierung an. Wo die Vorlage aussieht wie eine glattpolierte Komödie von der Stange, haben die Regisseurin und ihr Kameramann Adam Newport-Berra („Blink Twice“) auf analogem 35-mm-Material gedreht.

„The Invite“ mag zu 95 Prozent in einer einzigen Wohnung spielen – aber Hammer sieht der Film trotzdem aus! Schon die Splitscreens im Vorspann wecken sofort Assoziationen an das Indie-Kino der Siebziger – und tatsächlich erinnert „The Invite“ vom Vibe her vielmehr an den Swinger-Klassiker „Bob & Carol & Ted & Alice“ als an modernen Europa-Boulevard. Das Drehbuch von Rashida Jones und Will McCormack („Celeste & Jesse Forever“) passt sich den inszenatorischen Ambitionen an: Die beiden Paare sind nicht länger auf Klischees reduzierte Punchline-Ziele, sondern komplexe Figuren aus Fleisch und Blut – und gerade deshalb windet man sich bei den Peinlichkeiten der ersten Filmhälfte mitunter ganz schön im Kinosessel. Das Skript hat Biss – und der Cast trifft das Timing perfekt.

Angela (Olivia Wilde) und Joe (Seth Rogen) haben sich in den vergangenen Jahren immer weiter auseinandergelebt. A24
Angela (Olivia Wilde) und Joe (Seth Rogen) haben sich in den vergangenen Jahren immer weiter auseinandergelebt.

Aber fast noch wichtiger sind die Änderungen in der zweiten Hälfte, wenn der Swinger-Sex erst einmal als Möglichkeit auf dem Tisch liegt. „The Invite“ ist tatsächlich auch eine Einladung, immer wieder richtig laut loszulachen – aber das zum Glück nicht auf dem üblichen „hi, hi, die sprechen über Gruppensex“-Niveau. Stattdessen wirken die Reaktionen der Figuren – inklusive des überraschten Gastgeberpärchens – erfreulich erwachsen; und das nicht nur, weil ohne aufgesetzte Scham auch über Pegging & Co. gesprochen wird. So katapultiert dieser Abend auch eine Menge schlummernder Probleme an die Oberfläche, die einem für eine Komödie dieser Art erstaunlich stark zu Herzen gehen.

Fazit: Eine grandios gespielte, wahnsinnig unterhaltsame Cringe-Komödie mit einem wahrhaftigen emotionalen Kern, bei der man Tränen lacht, während das Schicksal der Charaktere im selben Moment aber auch ehrlich berührt.

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