If I Had Legs I'd Kick You
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
If I Had Legs I'd Kick You

Ein schwarzes Loch

Von Kamil Moll

Wenn wir am Anfang von Mary Bronsteins „If I Had Legs, I’d Kick You“ die Therapeutin Lisa (Rose Byrne) bei einer Gruppensitzung sehen, bewegt sich die Kamera in so engem Abstand an ihrem Gesicht entlang, dass von einer Nahaufnahme zu sprechen geradezu eine Untertreibung wäre. Während sie über das Pflegebedürfnis ihrer Tochter spricht, bewegen sich ihre Grübchen, schieben sich die Brauen immer wieder zusammen, treten die Augen selbst entschlossen aus den schier abgründigen Höhlen heraus, als wollten sie das Gesprochene aktiv unterstreichen. Ihre Worte drücken Zuversicht aus, aber ihr ganzer Körper signalisiert eigentlich allumfassende Überforderung.

Lisas Tochter, die im Verlauf des Films überwiegend aus dem Off zu hören sein wird und meistens nur kurz im Bild auftaucht, mal eine Haarsträhne, ein Ohr, Füße, die unterhalb der Toilette baumeln, leidet an einer nicht näher bekannten Krankheit, die es erfordert, dass sie an eine Magensonde angeschlossen ist, durch die ihr Flüssignährstoffe zugeführt werden. Eine große Apparatur ist dafür notwendig, die nachts pumpenden und stöhnenden Lärm erzeugt und ihr Zimmer in ein albtraumhaftes Licht taucht.

Lisa leidet auch deshalb an ausdauernder Schlaflosigkeit, verbringt die Zeit bis zum Morgengrauen im Freien, trinkt Wein und dreht sich Joints – ihr Ehemann, ein Seekapitän (Cameo von Christian Slater), ist dabei kaum zu Hause. Aber nicht mal dieses eh schon fragile Arrangement hält: Eines Tages flutet Wasser das Dachgeschoss des Hauses und bricht sich Bahn, reißt ein riesiges Loch in die Decke des Wohnzimmers. Mutter und Tochter sind gezwungen, in ein Hotelzimmer zu ziehen und damit nimmt Lisas überspanntes Martyrium erst ihren wahren Anfang.

Lisa (Rose Byrne) ist eigentlich schon längst am Ende – und trotzdem kommt immer noch eine weitere Katastrophe dazu. Logan White / A24
Lisa (Rose Byrne) ist eigentlich schon längst am Ende – und trotzdem kommt immer noch eine weitere Katastrophe dazu.

Ganze 17 Jahre hat es gedauert, bis Mary Bronstein ihrem Regiedebüt „Yeast“ nun ein neues Werk folgen ließ. 2008 brachte sie in hypernervösen, auf Mini-DV gedrehten Bildern die unmittelbare Intensität des sogenannten Mumblecore-Kinos jener Zeit, einer Welle von mit ultraniedrigen Budgets gedrehten amerikanischen Independent-Filmen, mit am prägnantesten auf den Punkt. Zu verdanken war das nicht nur einer fiebrigen, weitestgehend spontan entstandenen Ästhetik, sondern auch Bronsteins Talent für geradezu schmerzhaft direkte Performances – zu denen in „Yeast“ auch die der späteren „Barbie“-Regisseurin Greta Gerwig gehörte.

Von einem keine Zurückhaltung kennenden Schauspielstil ist nun auch „If I Had Legs, I’d Kick You“ gekennzeichnet. Über knapp zwei Stunden treibt der Film die gehetzt Rose Byrne voran, als würde die Geschichte durch ein kurzes Innehalten sofort aus ihrem Rhythmus gedrängt werden. Nicht von ungefähr erinnert das zunächst auch recht deutlich an die Filme von Josh und Benny Safdie (mit denen Bronstein seit vielen Jahren eng befreundet ist), also etwa an die manische Überlebensenergie von Robert Pattinson in „Good Time“ oder Adam Sandler in „Der schwarze Diamant“.

Alles für die Überforderung

Leider kann „If I Had Legs, I’d Kick You“ mit diesen Meisterstücken der nervösen Getriebenheit und emotionalen Überregung jedoch in keiner Weise Schritt halten. Dazu ist der Film trotz aller durchaus gekonnten kinetischen Rasanz schlichtweg zu überladen und symbolschwanger: Aufdringlich versenkt sich die Kamera immer wieder in die Untiefen des allzu sprichwörtlich verstandenen Lochs, und um bedeutungsschwer küchenpsychologische Einblicke in eine versehrte Psyche zu gewähren, wird die Wasserflut in der Wohnung als geradezu ein Schiffbruch emotionaler Stabilität überdeterminiert.

Immer wieder aufs Neue muss sich der Film dabei strecken, um die letztlich ins Leere laufende Intensität am Laufen halten zu können: Eine von Lisas Patientinnen verschwindet plötzlich während einer Sitzung und lässt ihr Baby in der Praxis zurück, ein aggressiv tobender Hamster verursacht ein Verkehrschaos, ein von dem großartigen Rapper A$AP Rocky gespielter Hotelgast versucht sich glücklos als sich selbst verletzender Handwerker. Lediglich der ehemalige Talkshow-Moderator Conan O’Brien sorgt als kühl verspannter Psychotherapeut („Es ist kein Rat, es ist ein Vorschlag“) für einen etwas hintersinnigeren, komödiantischen Ton.

Aber dennoch: Auch Rose Byrnes beseelter Schauspielperformance zum Trotz besteht „If I Had Legs, I’d Kick You“ im Kern nur aus Kunststückchen, die eines nach dem anderen aus dem Hut gezaubert werden, bis zum Schluss nichts mehr übrig bleibt.

Fazit: In „If I Had Legs, I’d Kick“ treibt Mary Bronstein eine von Rose Byrne beseelt gespielte Mutter in einen emotionalen Ausnahmezustand, den der Film jedoch nur mit zahlreichen Tricks und küchenpsychologischen Banalitäten aufrechterhalten kann.

Wir haben „If I Had Legs, I’d Kick“ im Rahmen der Berlinale 2025 gesehen, wo er als Teil des offiziellen Wettbewerbs gezeigt wurde.

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