Im Spiegel meiner Mutter
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Im Spiegel meiner Mutter

Meisterwerk mit Moorleiche

Von Gaby Sikorski

Jutta Brückner, Jahrgang 1941, gilt trotz ihres schmalen Oeuvres als Ikone des feministischen Filmschaffens. Mit ihren beiden autobiografisch geprägten Hauptwerken, dem dokumentarischen Filmessay „Tue recht und scheue niemand“ über das Leben ihrer Mutter und dem Spielfilm „Hungerjahre“ über ihre eigene Jugend, machte sie weibliche Standpunkte radikal sichtbar. Und zwar – im Sinne der zweiten Frauenbewegung der 1970er Jahre – nach der Devise: „Das Private ist politisch!“ Also verwebt sie in ihren Filmen historische und gesellschaftliche Entwicklungen mit individuellen Geschichten von Frauen. „Im Spiegel meiner Mutter“ vollendet diese Trilogie mit einer einnehmenden Meisterschaft.

Gespenstisch ragen Baumskelette aus dunklen Wasserflächen, geheimnisvolle Lichter flackern im Hintergrund. Sie scheinen den Weg zu weisen zu einer kleinen Insel im Moor. In diese Szenerie platzt das Piepen eines Weckers. Kurz bevor die Schlafende im Sumpf versinkt, ruft eine weibliche Stimme energisch: „Wach auf, du Schlafmütze! Das Leben wartet auf dich mit all seinen Scheußlichkeiten.“ Ursula (Corinna Harfouch) erwacht. Sie hat gerade ihre Mutter (Hildegard Schmahl) verloren, die in einem Pflegeheim gestorben ist. Nun ist sie mit allem allein: mit ihrer Trauer, mit dem Nachlass und mit der Auflösung des Haushalts. Wie erstarrt läuft Ursula durch ihr Elternhaus mit den weiß zugedeckten Möbeln und den Unmengen an Vorräten in der Speisekammer, betritt selbst ihr altes Kinderzimmer nur zögernd.

Als eines der berühmtesten Symbole der Film- und Literaturgeschichte spielt der titelgebende Spiegel auch im neuen Werk von Jutta Brückner eine zentrale Rolle. X-Verleih
Als eines der berühmtesten Symbole der Film- und Literaturgeschichte spielt der titelgebende Spiegel auch im neuen Werk von Jutta Brückner eine zentrale Rolle.

Das stille Haus steht im Gegensatz zu der lärmenden Umgebung, in der Ursula arbeitet: Das Institut, an dem sie als Archäologin tätig ist, erweist sich als chaotische Dauer-Baustelle – und jetzt soll sie auch noch ihr Büro aufgeben. Dort wartet bereits die neue studentische Hilfskraft Melanie (Carla Juri), die sofort mit einer heiklen Aufgabe betraut wird: Ursula hält im Keller der Universität eine illegal ausgegrabene Moorleiche versteckt, die die frischgebackene Assistentin säubern soll. „Und zu niemandem ein Wort!“, mahnt Ursula und quartiert Melanie in ihrem alten Kinderzimmer ein; eine eigene Wohnung kann sich das akademische Proletariat schließlich nicht leisten. In Bildern zwischen Wirklichkeit, Fantasmagorie und Traum, die manchmal einen geradezu magischen, surrealen Charme entfalten, entwickelt Jutta Brückner so das Porträt einer einsamen Frau ohne Privatleben und Familie, die sich nach dem Tod der Mutter mit den Traumata ihrer Kindheit konfrontiert sieht und gleichzeitig ihren Alltag bewältigen muss.

Die erdrückende Liebe ihrer Mutter verfolgt sie weiter – und es ist eine Liebe, die sie selbst nicht erwidern konnte oder wollte. Dass die Protagonistin Ursula Scheuner heißt, ist dabei kein Zufall – so hieß auch schon die junge Heldin in Jutta Brückners „Hungerjahre“, die darin von einer Mutter erzogen wird, die sich machtlos der restriktiven Frauenrolle der 1950er Jahre ergibt. Die Ursula aus „Im Spiegel meiner Mutter“ ist unterdessen in den 1970er Jahren aufgewachsen – und trotzdem hat sich wenig geändert. Mittlerweile hat sie sich zumindest nach außen hin emanzipiert und widmet sich beruflich den Darstellungen der „Magna Mater“ – Skulpturen und Abbildungen von Frauen und Göttinnen seit der Steinzeit. Privat hadert Ursula hingegen noch immer mit ihrer Mutter und der eigenen Kindheit. „Du hast noch eine Rechnung mit mir offen, aber ich auch eine mit dir“, sagt Ursula zu ihrem Spiegelbild, in dem sie sich neben ihrer zunehmend dement gewordenen Mutter sieht.

Spieglein, Spieglein

Der Spiegel galt und gilt als Tor in eine andere Realität – durchaus auch im Sinne eines Zugangs zur Innenwelt. Im Film wird er zum Symbol für die verstreichende Zeit und für die Veränderung der Mutter von einer gepflegten älteren Dame zur hilflosen Greisin, die zwar ihre Tochter noch im Spiegel erkennt, aber nicht mehr sich selbst. Wie Ursula sich der Mutter erst nach ihrem Tod annähert, wie sie über diese Reflexion auch die Beziehung zum Vater wiederentdeckt, das ist ebenso Thema des Films wie Ursulas berufliche und persönliche Auseinandersetzung mit der Mutterrolle. Die Moorleiche hatte ein Kind bei sich. Warum wurde diese Frau und Mutter vor vielen hundert Jahren zum Opfer einer Mehrfachtötung? Könnte Melanie so etwas wie Ursulas nie geborene Wunschtochter sein? „Ich bin ein Engel zweiter Klasse, der sich seine Flügel verdienen muss“, sagt Melanie augenzwinkernd.

Auch die selbstbewusste, kesse Melanie ist ein Symbol. Sie steht für die jungen, mutigen Frauen von heute, die sich nehmen, was sie wollen und was ihnen zusteht. Symbole spielen ohnehin eine große Rolle in diesem vielschichtigen, klug ausgedachten Drama, in dem sich wie in einem Vexierspiegel die Realität bricht. Da zerfließen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart ebenso wie zwischen Realität und Traum – zum Beispiel, wenn ein kleines Mädchen, unschwer als Ursula zu erkennen, durch die Gänge des Pflegeheims hüpft. Die Universität als Baustelle steht dabei für den Umbruch der Gesellschaft und für das alltägliche Chaos. In diesem Lärm können keine Diskussionen stattfinden. Die Kommunikation wird immer schwieriger. Ein Student ist zwischen Verklemmtheit und Frauenhass gefangen und wird zur Bedrohung. Eine Studentin, die Mutter geworden ist, hat niemanden zum Reden und kann nicht mehr schlafen.

Ursula (Corinna Harfouch) und ihre neue Assistentin Melanie (Carla Juri) haben buchstäblich eine (Moor-)Leiche im Keller liegen. X-Verleih
Ursula (Corinna Harfouch) und ihre neue Assistentin Melanie (Carla Juri) haben buchstäblich eine (Moor-)Leiche im Keller liegen.

Jutta Brückner war noch nie ein Fan der politischen Agitation – und darin bleibt sie sich weiter treu. Es sind die individuellen, gut beobachteten Frauenschicksale, die sie interessieren und die von äußeren Umständen genauso determiniert werden wie vor 50 oder 70 Jahren. Und sie erwartet viel Aufmerksamkeit, schon durch die zahlreichen Rückblenden und Erinnerungssequenzen. Auffällig sind dabei die in deutschen Filmen seltenen, sorgfältig komponierten Bilder. Dazu gehört nicht nur die Sumpflandschaft vom Anfang, sondern auch das Motiv eines roten Schlauches, das sich auffällig unauffällig durch den Film zieht und die Farbgebung immer mehr beeinflusst. Manche filmischen Mittel erinnern an Horrorthriller, darunter der Einsatz der Musik: „La Paloma“ als Symbol für das Fernweh der Nachkriegsgeneration. Manches wirkt spielerisch in seinem lakonischen Realitätsbezug, so die Fundgeschichte der Moorleiche oder die Frage nach der Todesursache von Ursulas Mutter. Beides taucht immer wieder auf, so wie Ursulas Träume und Erinnerungen: beiläufig, ohne großes Trara.

Manches bleibt unklar, so wie auch im wahren Leben nicht alles erklärbar ist. Vielleicht ist es genau diese Kombination aus emotionalem und dramaturgischem Understatement, die den Film so besonders und so sehenswert macht. Die Stimmung bleibt dabei verhalten optimistisch, vielleicht mit einem Hauch von Melancholie. Corinna Harfouch („Kalter Hund“) spielt die Ursula mit hinreißender Sprödigkeit. Wie sie sich über die Mutter dem Vater annähert – dem Mann ihres Lebens –, das ist so unaufgeregt wie intensiv gespielt. Carla Juri („Feuchtgebiete“) als Melanie könnte Ursulas jüngeres und selbstbewusstes Alter Ego sein und setzt ihr die Unbekümmertheit der Jugend entgegen. Hier die sich stets hinterfragende Professorin, dort die spontane Studentin. Ist Melanie die Frau der Zukunft?

Fazit: Vom beinahe lyrischen Beginn bis zum überraschenden Schluss wird hier eine Mutter-Tochter-Beziehung in einer Atmosphäre zwischen Psychothriller und analytischem Drama verhandelt. Das ist sehr gut gelungen – nicht als Monument einer möglicherweise feministisch zu nennenden Filmsprache, sondern als mit weiblichem Scharfblick beobachtete Bestandsaufnahme einer Entwicklung, die noch lange nicht abgeschlossen ist.

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