Woman Unknown
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Woman Unknown

Nicht NUR der Gewinner des Goldenen Löwen!

Von Christoph Petersen

Im Gegensatz zu den Academy Awards, wo sich „Ben-Hur“, „Titanic“ und „Der Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs“ mit jeweils elf Oscars den Rekord teilen, liegt Filmfestivals daran, die Preise möglichst aufzuteilen. Es gibt deshalb meist Regeln, dass kein Film mehr als zwei Trophäen gewinnen darf – und wer den Hauptpreis bekommt, soll möglichst gar nichts anderes kriegen. Manchmal wollen Jurys aber neben dem Film unbedingt auch bestimmte Beteiligte ehren: So hat die von Steven Spielberg angeführte Cannes-Jury die Goldene Palme für „Blau ist eine warme Farbe“ nicht wie üblich an Regisseur Abdellatif Kechiche, sondern ganz explizit auch an die beiden Hauptdarstellerinnen Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos vergeben. So ähnlich hat offenbar auch die diesjährige Venedig-Jury unter Präsidentin Maggie Gyllenhaal („The Bride“) gedacht …

… und sich bei der doppelten Auszeichnung des dänischen Historien-Dramas „Woman Unknown“ einer Spezialregel bedient: Es ist möglich, neben dem Goldenen Löwen noch einen weiteren Preis an denselben Film zu vergeben, solange die Entscheidung einstimmig fällt – und so haben die sieben Jurymitglieder gemeinsam die Coppa Volpi für die beste Schauspielerin an Mathilde Arcel Fock verliehen. Zumindest dieser zweite Preis ist sicherlich hochverdient – der Film IST seine Protagonistin, und die ist absolut grandios gespielt. Darüber hinaus hätte es aber wohl verdientere Löwen-Gewinner gegeben – und für diese Einschätzung muss man nicht mal auf die misogyne Verschwörungstheorie einsteigen, dass „Woman Unknown“ von May el-Toukhy ja schon deshalb gewinnen MUSSTE, weil er der einzige Film von einer (Solo-)Regisseurin war.

Marie (Mathilde Arcel Fock) hat auf die harte Tour gelernt, einzustecken. Nordisk Film Production A/S
Marie (Mathilde Arcel Fock) hat auf die harte Tour gelernt, einzustecken.

„Woman Unknown“ spielt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Dänemark: Marie (Mathilde Arcel Fock) war bis vor Kurzem Magd und Kindermädchen, ist aber nun mit ihrem verwitweten Chef, dem wohlhabenden und strengstens auf sein Ansehen achtenden Textilfabrikanten Christian (Carsten Bjørnlund), verlobt. Wie sehr sich Marie an ihre erklommene, aber noch längst nicht gesicherte soziale Stellung klammert, spürt man, als sie unter dem Kopfkissen von Christians kleiner Tochter Leonora (Flora Yde Sander) ein Foto von deren toter Mutter entdeckt – und dieses sofort zerreißt.

Doch so richtig ins Wanken kommt ihre Position, als sie in der Straßenbahn zufällig einen alten Bekannten aus ihrer Heimatstadt trifft: Der Soldat Karl (Thorbjørn Hedegaard) war früher in Marie verliebt, bevor sie stattdessen etwas mit einem der Nazi-Besatzer hatte. Nun droht er, sie bloßzustellen – und tatsächlich erscheint schon kurz darauf ein mit roter Farbe gemaltes Hakenkreuz an der Haustür. Damit sind die Agenten des Widerstands auf den Plan gerufen – und Marie muss dringend eine Möglichkeit finden, den Verdacht von sich abzulenken …

Boxsack der Weltgeschichte

May el-Toukhy hat offenbar kein Interesse an Protagonistinnen, die moralisch eindeutig auf der richtigen Seite stehen. Das war schon in „Königin“ so, in dem Trine Dyrholm als Rechtsanwältin eine Affäre mit ihrem minderjährigen Stiefsohn beginnt. Im Fall von Marie wird nun wieder einmal ein Frauenkörper zum Spielball oder noch passender Boxsack der Weltgeschichte: Wir erfahren nie, wie freiwillig oder erzwungen ihre Affäre mit dem Nazi war. Aber es spricht eine deutliche Sprache, dass sie wegen ihrer schlecht vernarbten inneren Wunden jeden Abend Morphiumtropfen nehmen muss, bevor sie sich für den – regelrecht mechanisch ablaufenden – Beischlaf im Bett ihres Zukünftigen zurechtlegt.

Mehrfach gibt es zudem Szenen, in denen der Widerstand Frauen wegen (angeblicher) Nazi-Beziehungen auf offener Straße entblößt und ihnen die Haare abschneidet – eine sicherlich nicht zufällig besonders pornografische Form der Erniedrigung. Trotzdem ist Marie nicht nur Opfer. Sie hat auf der einen Seite gelernt, still alles zu ertragen, um nur genau die Frau zu sein, die sich Christian an seiner Seite wünscht. Aber in die Ecke gedrängt zögert sie auch nicht, andere zu opfern – und sei es eine völlig unschuldige alleinerziehende Nachbarin. Am Ende fällt es schwer, in diesem paranoid-misogynen Klima einer Nachkriegs-Hexenjagd noch über Richtig und Falsch zu entscheiden – aber im besten Fall haben wir verstanden, dass uns genau dieses Urteil aus dem gemütlichen Dunkel des Kinosaals heraus auch schlicht nicht zusteht.

Eine grandiose Protagonistin macht allein noch kein Meisterwerk

Mathilde Arcel Fock („Nachbeben“) verkörpert das fantastisch – nicht einfach nur als geschundenes Opfer, auf das immer weiter eingeprügelt wird, sondern als auf ihre stille Art hochgradig wachsame Person, die beim Betreten eines Raumes sofort jeden und alles mustert. Noch bevor man überhaupt weiß, worum es geht, reichen allein diese nervös-umhersuchenden Blicke, um sich Maries Vergangenheit in groben Strichen ausmalen zu können. Eine faszinierende Hauptfigur – kongenial gespielt und allein den Eintritt wert. Allerdings wurde dieselbe Sorgfalt leider nicht auch auf die anderen Figuren verwendet, sie füllen meist kaum mehr als eine Funktion aus. Und auch inszenatorisch lässt sich May el-Toukhy letztendlich (zu) wenig einfallen, als dass sich „Woman Unknown“ vollends vom sonstigen Historien-Arthouse-Einerlei abheben würde.

Fazit: Mathilde Arcel Fock ist eine hochverdiente Gewinnerin des Preises für die beste Schauspielerin im Wettbewerb der Filmfestspiele in Venedig 2026. Für den Goldenen Löwen hätte es hingegen verdientere Vertreter wie „Possible Love“ oder „NAZA“ gegeben.

Wir haben „Woman Unknown“ beim Filmfestival in Venedig gesehen, wo er seine Weltpremiere als Teil des offiziellen Wettbewerbs gefeiert hat.

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