Shaun das Schaf - Spuk im Kürbisfeld
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Shaun das Schaf - Spuk im Kürbisfeld

Ein zuckersüßer Einstieg ins Horror-Genre

Von Stefan Geisler

Die Mossy Bottom Farm ist ein magischer Ort: Hinter der verschlafenen Bauernhof-Fassade versteckt sich ein wilder Knet-Kosmos, in dem in Wahrheit die Schafe den Takt angeben und ihrem Bauern seit nunmehr fast 20 (!) Jahren auf dem Kopf herumtanzen. Dass es der Kinder-TV-Held Shaun das Schaf inzwischen auch auf die große Leinwand gebracht hat, ist nur logisch, denn die clevere Woll-Bande begeistert mit ihrem knuffigen, liebenswerten und manchmal sogar anarchischen Charme längst ein Publikum über alle Altersgruppen hinweg.

Mit „Shaun das Schaf – Spuk im Kürbisfeld“ folgt nun der Kinoausflug Nummer 3 – und nach geheimnisvollen Alien-Sichtungen in „Shaun das Schaf 2: UFO-Alarm“ wird es dieses Mal sogar ein wenig unheimlich. Das neueste Abenteuer kommt nämlich nicht nur pünktlich zu Halloween heraus, es ist ganz offensichtlich auch von allerlei klassischen Horrorfilmen inspiriert. Natürlich wird es nie richtig schaurig, dennoch eignet sich der Film durchaus als zuckersüßer Einstieg ins Grusel-Genre, bei dem Eltern vorsichtig überprüfen können, ob der Nachwuchs Spaß an der Materie hat.

Shaun treibt es dieses Mal endgültig zu weit! StudioCanal
Shaun treibt es dieses Mal endgültig zu weit!

Es herrscht ausgelassene Halloween-Stimmung auf der Mossy Bottom Farm. Während Shaun und seine Gang im Geheimen Kürbisse züchten, bereitet sich der Farmer auf die große Feiertagssause vor, die in Mossingham steigen soll. Als durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle das Kürbisfeld verwüstet wird, droht das Schauerfest jedoch ins Wasser zu fallen. Glücklicherweise hat Shaun eine Idee – und entwickelt mithilfe eines Chemiebuchs eine außergewöhnliche Wachstumsformel.

Doch statt die Dinge wieder in Ordnung zu bringen, setzt er eine Kette unvorhersehbarer Ereignisse in Gang: Plötzlich verschwindet der Farmer spurlos und in den Wäldern von Mossingham treibt ein mysteriöses, haariges Wesen sein Unwesen. Gemeinsam mit seinen wolligen Freunden versucht Shaun, das Rätsel hinter den seltsamen Vorkommnissen zu lösen. Dabei muss er erkennen, dass er offenbar selbst das Monster erschaffen hat, das nun im ruhigen Städtchen für viel Chaos sorgt …

Knet-Kunst zum Niederknien

Gleich der Einstieg in „Shaun das Schaf – Spuk im Kürbisfeld“ macht deutlich, dass sich das neueste Stop-Motion-Abenteuer aus dem Hause Aardman wirklich als kinderfreundlicher Horrorspaß versteht. Die sonst so friedliche Mossy Bottom Farm liegt hier in graue Nebelschwaden gehüllt – und irgendwo schlägt ein Gatter quietschend gegen die Halterung. Ein unheimliches und vor allem ungewohntes Bild im sonst so farbenfrohen Knet-Universum, das jedoch direkt wieder entschärft wird, wenn Shaun und seine Gang aus der Scheune stürmen und Michael Jacksons „Thriller“-Choreographie zum Besten geben – während im Hintergrund Schafe als Klopapier-Mumien über den Hof stapfen.

Tatsächlich illustriert diese Eröffnung die größte Stärke des Films, denn „Spuk im Kürbisfeld“ gelingt es, atmosphärische Szenarien zu erschaffen, diese jedoch durch geschickt platzierte Gags abzumildern. Das Ganze kreiert ein absolut kinderfreundliches, aber dennoch schauriges und vor allem wunderschön anzusehendes Leinwandvergnügen. Gerade Bilder wie die alte Mühle vor Vollmondkulisse, die Shaun kurzerhand in ein Laboratorium umfunktioniert, möchte man sich am liebsten direkt über den Kamin hängen.

Kann das Halloween-Fest doch noch steigen? StudioCanal
Kann das Halloween-Fest doch noch steigen?

Ohnehin ist „Spuk im Kürbisfeld“ prall gefüllt mit Anspielungen auf das klassische Monster- und Gruselkino. Während „Frankenstein“ direkt zitiert wird, lassen sich auch Verweise auf „King Kong“ oder das Mumien- und Zombiegenre finden. Highlight ist aber eine angedeutete Werwolf-Verwandlungsszene, die gerne noch etwas ausführlicher hätte ausfallen dürfen. Viele der Referenzen werden dabei zwar über die Köpfe der jüngsten Zuschauer*innen hinweggehen, das macht aber fast gar nichts, denn die Witze funktionieren auch ohne das entsprechende Filmwissen. So etwa, wenn sich die Schafe vor dem Monster in der Dusche verstecken – und plötzlich der aus Hitchcocks „Psycho“ bekannte schrille Streichersound zu hören ist. Die Pointe: Das Geräusch stammt nicht vom Soundtrack, sondern von einem Schaf, das sich das Gebiss mit Zahnseide reinigt.

Auch sonst spielt das Jonglieren mit Horror-Tropen eine zentrale Rolle. So wird Wachhund Bitzer in einer Szene anscheinend von dem Monster verfolgt. Also flüchtet er sich in seinen Transporter. Da er jedoch Fahranfänger ist, dauert es noch einmal doppelt so lange, bis er sein Vehikel auch endlich starten kann. Schließlich müssen noch Spiegel gecheckt und die „Learner“-Aufkleber vorsichtig befestigt werden. Eine schweißtreibende Angelegenheit, wenn sich im Hintergrund ein haariges Ungeheuer unerbittlich nähert – doch natürlich geht selbst in der größten Gefahr die Straßensicherheit vor! Die anschließende Verfolgungsjagd, in der auch noch eine Schubkarre mit gestapelten Schafen eine Rolle spielt, bietet dann aber wieder den gewohnten temporeichen Wahnsinn.

Was hat es mit dem haarigen Monster auf sich? StudioCanal
Was hat es mit dem haarigen Monster auf sich?

Die leichte Horror-Atmosphäre wird dabei nicht nur visuell aufgebaut, sondern spiegelt sich auch im Soundtrack wider. Neben den sonst so fröhlichen „Shaun das Schaf“-Melodien mischen sich hier auch mal unheilverkündende Männerchöre oder Synthesizer-Einlagen in den Score. Und selbst der obligatorische Filmsong ist in diesem Fall thematisch treffend gewählt. Die britische Rockband The Automatic darf eine seichtere Variante ihres Hits „Monster“ zum Besten geben.

Natürlich erklingt die Textzeile „What's that coming over the hill? Is it a monster?“ genau dann, wenn das behaarte Ungetüm zum ersten Mal auf dem Hügel vor der Mossy Bottom Farm erscheint. Das ist stimmig – und trifft perfekt den Vibe des Films. Das hat er sogar „Shaun das Schaf 2: UFO-Alarm“ voraus, denn in dem fühlten sich die Einbindungen generischer Popsongs noch wie Fremdkörper an.

Weiterentwicklung bekannter Figuren

In „Shaun das Schaf“ wird bekanntermaßen nicht gesprochen. Dementsprechend universell können die Geschichten funktionieren. Umso erstaunlicher ist es da, dass die Erzählungen durchaus vielschichtig daherkommen. Das liegt einfach daran, dass die Macher*innen im Laufe der Jahre das visuelle Storytelling perfektioniert haben. Statt alles lang und breit auszubuchstabieren, reicht manchmal ein clever gewählter Bildausschnitt, eine bestimmte Geste, ein vielsagender Blick oder ein einzelnes Geräusch, um komplexe Sachverhalte simpel zu erklären. Und so werden nicht nur unterhaltsame Geschichten erzählt, sondern sogar altbekannte Figuren noch einmal um neue Facetten erweitert.

Insbesondere den schlauen Shaun erleben wir hier noch einmal in einer neuen Rolle. Der clevere Herdenkopf verschätzt sich in „Spuk im Kürbisfeld“ nämlich mehrfach ganz gewaltig, verfällt sogar ein kleines bisschen dem Größenwahn und versucht sich an Dingen, denen seine Schaf-Familie eher mit Misstrauen gegenübersteht. Statt als Retter des Tages aufzutreten, ist er schuld an der ganzen Misere. Ein ungewohntes Gefühl für den Überflieger, was sogar zu einem sehr emotionalen Selbsterkenntnismoment führt. Dass mithilfe der vereinten Herdenkraft dann doch alles wieder geradegerückt werden kann, versteht sich natürlich von selbst.

Einen leichten Kritikpunkt muss sich der Film dennoch gefallen lassen. Nach dem rasanten Einstieg schleichen sich im finalen Abschnitt leichte Längen ein – gerade in den Momenten, in denen nicht das Chaos regiert, sondern die Geschichte um das Schein-Monster spürbar vorangetrieben und zu einem Ende gebracht werden soll. Das ist aber komplett verschmerzbar – und trübt das Filmvergnügen nur minimal.

Fazit: „Shaun das Schaf – Spuk im Kürbisfeld“ hat sich wie der direkte Vorgänger „Shaun das Schaf 2: UFO-Alarm“ erneut komplett einem Genre verschrieben – weiß dessen Elemente aber deutlich besser für sich zu nutzen. Das neueste Knet-Abenteuer aus dem Hause Aardman sieht nämlich nicht nur umwerfend aus, sondern feuert auch ein spektakuläres Zitate-Feuerwerk voller Liebe für das klassische Horrorkino ab. Doch keine Sorge, natürlich wird sich bei dem niedlichen Schauer-Vergnügen niemand wirklich gruseln. Kurzum: der perfekte Halloween-Spaß für die ganze Familie.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren