Sex In The Kleinstadt
Von Susanne Gietl„Die Scham muss die Seiten wechseln!“, verlangte die Französin Gisèle Pelicot 2024, als sie ihren spektakulären Vergewaltigungsfall vor Gericht öffentlich machte. Und es scheint fast so, als würde Regisseurin Hille Norden („Heimat sucht Seele“) gemeinsam mit der Protagonistin ihres autobiografischen Spielfilms „Small Town Girl“ genau dasselbe einfordern: Aus Sicht einer vermeintlichen Femme fatale deckt Norden verborgene psychologische Mechanismen auf und blickt in den Kopf eines Missbrauchsopfers, das wild um sich schlägt, statt in der Opferrolle zu verharren. Die leisen Töne hört man erst spät, aber dann dröhnen sie dafür umso lauter.
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Die Herrenschneiderin Nore (Dana Herfurth) kennt kein Mittelmaß. Sie trinkt, feiert und hat so viel Sex, wie es ihr passt. Als sie Jonna (Luna Jordan) in ihrer Lieblingsbar kennenlernt, ist Nore gerade auf der Suche nach der nächsten Übernachtungsmöglichkeit – Sex gerne inklusive. Nach ein paar Bier in Jonnas Wohnung zieht Nore bei ihr ein und Jonna versteht, dass sich das Mädchen, das sie noch vom Schulhof kennt, gar nicht so sehr verändert hat: Schon als Teenagerin machte Nore mit erwachsenen Männern herum. Jetzt ist sie Mitte 20 und lebt ein exzentrisches, chaotisches Leben in vermeintlich-vollkommener Freiheit.
Sie schläft – wann sie will, wo sie will und mit wem sie will. Sex gehört zu ihrem Leben wie der Katerkaffee am nächsten Morgen. Deshalb sieht man sie vor allem an allen möglichen Orten vögeln. Die Nacktszenen sind allerdings nie sexy, sondern wirken wie ein mechanischer Akt. Rein. Raus. Da ist die Tür. Einmal fragt Jonna sie, was man tun soll, wenn man keine Lust mehr hat. Nores Antwort: „Weitermachen.“ Dann isst Nore genüsslich einen Apfel, raucht eine Zigarette und duscht danach alles weg. Nore lebt in einem falschen Pragmatismus, der keinen Platz für Schmerz lässt – denn Nores Welt ist eine Scheinwelt…
Die Filmsprache ist so poppig-bunt, dass sie auch einem 90er-Jahre-Musikvideo entstammen könnte. Das Produktionsdesign (Alina Dunker) und die Kostüme (Hanna Pulkkinen) sind flauschig-tüllig. Die Kleidung von Nore, gespielt von „Call My Agent: Berlin“-Shootingstar Dana Herfurth, besteht fast nur aus bunten Prinzessinnenkleidern – manchmal sogar mit Krönchen. Sie lebt quasi einen Kleinmädchentraum Deluxe. Statt „Sex And The City“-Freiheit kommt ein ungutes Gefühl auf, wenn Jonna Nore nacheifert und auch mal einen Wegwerfmann testet – denn man versteht schnell, dass all das doch kein Spaß ist. Nore hat blaue Flecken, die sie ignoriert – und sie lächelt nur, weil sie nicht weinen kann.
Sie achtet auch nicht auf ihre eigenen Bedürfnisse. Statt Spaß am Sex gibt sie sich dem Trugbild hin, dass neuer Sex inneren Schmerz heilen kann. „Ich bin Nore, ich habe immer Lust“, hat sie schon so oft gesagt, dass sie inzwischen bereits als „Du bist Nore, Du hast immer Lust“ angesprochen wird. Dass Nores Konstrukt nicht ewig halten wird, versteht sich fast von selbst, aber das macht den Film nicht weniger spannend.
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Regisseurin Hille Norden benutzt Nore als Projektionsfigur für alles, was frau widerfährt. Dana Herfurth zeigt sich als Nore so kalt wie verletzlich. Erst später versteht man, wie bedeutungsvoll die Frage war, die Nore anfangs Jonna stellte: „Was haben wir mit den Kindern zu tun, die wir damals waren?“ Sehr viel. Als Nore Jonna in ihre Gefühlswelt lässt, bekommt Hille Nordens Erzählung regelrecht fantastische Züge. Aus der Küche heraus besucht Nore mit Jonna eine Teenager-Nore (Vera Fay) bei ihrem ersten Freund (Campbell Caspary). Statt die schmerzhafte Szene zu zeigen, hört man Nore nur leise schluchzen.
Dass selbst Jonnas Freund Michel (Jakob Geßner) viele Ambivalenzen in sich trägt, macht ihn menschlich, manchmal aber auch unsympathisch. Durch ihn erfährt man, wie Männer mit Missbrauchsopfern umgehen. Kompromisse geht Hille Norden in ihrem Spielfilmdebüt nicht ein. Mit den Männern, mit denen Nore schläft, beschäftigt sich Norden nicht weiter. Man lernt sie nur beim Sex kennen, dann sind sie wieder passé. Sie sind nicht handlungsrelevant, also wirft Norden sie wieder raus. Die Dialoge sind schonungslos und fühlen sich verdammt real an. Nicht jedes Gespräch passt auf jedes Frauenschicksal, aber irgendeines passt fast immer.
Fazit: „Small Town Girl“ ist „Sex And The City“ im MeToo-Gewand. Zieht man es aus, dann zeigt sich die ganze dreckige, nackte Wahrheit.
Wir haben „Small Town Girl“ auf dem Filmfest Hamburg 2025 gesehen.