A Prayer For The Dying
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,0
lau
A Prayer For The Dying

Wenn's endlich interessant wird, ist es auch schon vorbei

Von Björn Becher

Schon mehr als ein Jahrzehnt lang trug Dara Van Dusen die Idee mit sich herum, Stewart O'Nans 1999 veröffentlichten Roman „A Prayer For The Dying“ (deutscher Titel: „Das Glück der Anderen“) zu verfilmen. Womöglich hatte schließlich auch die Corona-Krise ihren Anteil daran, dass die Regisseurin das im Jahr 1870 angesiedelte Western-Drama endlich realisieren konnte. Schließlich haben wir inzwischen alle hautnah erlebt, wie eine Pandemie eine Gesellschaft erschüttern und auf die Probe stellen kann. Auch O'Nan nahm eine reale Krise als Vorlage für seinen Roman: In den Neunzigerjahren des 19. Jahrhunderts führte eine Diphtherie-Epidemie zum Zusammenbruch der gesellschaftlichen Ordnung in der Kleinstadt Black River Falls – bis hin zu mehreren Morden.

Sowohl der Roman als auch die Verfilmung interessieren sich aber weniger für diesen Zerfall einer Gemeinschaft als für die schuldbehaftete Hauptfigur, die angesichts fortwährender Schicksalsschläge immer mehr mit ihrem Glauben an Gott ringt. Die Romanvorlage ist dabei in der seltenen Du-Form geschrieben. Lesende werden direkt angesprochen und so Teil der Entscheidungen des Protagonisten: „Du hast das getan“, heißt es da, wenn er eine schwere Abwägung treffen muss. Dara Van Dusen schafft es allerdings nicht, eine filmische Entsprechung für diese Stilmittel zu finden. So bleiben wir lange Zeit – auch mangels eines interessanten Widerparts – teilnahmslos Beobachtende eines langweiligen inneren Ringens. Erst am Ende ändert sich das...

Jacob (Johnny Flynn) und der Doc (John C. Reilly) stehen vor einer schier unlösbaren Aufgabe. Łukasz Bąk
Jacob (Johnny Flynn) und der Doc (John C. Reilly) stehen vor einer schier unlösbaren Aufgabe.

Wisconsin im Jahr 1870: Jacob (Johnny Flynn) versucht seine Vergangenheit als Soldat im Bürgerkrieg zu vergessen, indem er stattdessen der Kleinstadt Friendship dient. Als Sheriff, Priester und wenn nötig auch Bestatter in Personalunion hat er sich mit Frau Marta (Kristine Kujath Thorp) und einem kleinen Baby ein neues Leben aufgebaut. Er fühlt sich für den Ort und alle Bewohner*innen verantwortlich – sogar für eine im Wald hausende, misstrauisch beäugte Sektengemeinschaft. Jacob ist fest entschlossen, immer das Richtige für alle zu tun. Aber das ist gar nicht so leicht, als die Leiche eines in der Stadt unbekannten Mannes gefunden wird.

Nach der Untersuchung ist der örtliche Doktor (John C. Reilly) überzeugt, dass Schlimmeres im Anmarsch ist. Zusätzlich zu einer den Ort schon länger plagenden Dürre droht eine Diphtherie-Epidemie. Ein Abschotten ist zwar nötig, um nicht auch noch die Nachbargemeinden zu infizieren – doch eine offizielle Quarantäne könnte zu einer panischen Flucht führen und damit genau das Gegenteil erzielen. Wie also handeln? Während am Horizont mit einem massiven Waldbrand bereits die nächste Katastrophe aufzieht, muss Jacob realisieren, dass jede seiner Entscheidungen nur die Wahl zwischen zwei Übeln ist …

Ein Film der vielen Ideen

Die in New York geborene, in Polen an der Filmschule ausgebildete, aber seit vielen Jahren in Norwegen lebende und arbeitende Regisseurin Dara Van Dusen konnte ihr Langfilmdebüt erst nach langem Kampf realisieren. Möglich war dies dank der Unterstützung zahlreicher Produktionsfirmen und Filmförderfonds aus halb Europa – samt einem Dreh in der kostengünstig den amerikanischen Westen doubelnden Slowakei. Wir wissen zwar nicht, wer von den zahlreichen Geldgeber*innen am Ende auch aktiv mitsprechen wollte, aber „A Prayer Of The Dying“ fühlt sich über weite Strecken so an, als wäre hier und dort noch die ein oder andere Idee pflichtschuldig mit untergebracht worden.

Bisweilen reihen sich wahllos Szenen aneinander, die keine wirkliche Verbindung zueinander haben. Das Geschehen in der sicher auch aus budgetären Gründen nur mit einer Handvoll Häusern bebildern Mini-Stadt ist unglaublich spröde. Die Konflikte plätschern lange Zeit vor sich hin. Der trotz der Besetzung mit John C. Reilly als Figur nie das nötige Gegengewicht für Jacob erreichende, sondern vielmehr völlig belanglos bleibende Arzt will keine Quarantäne verhängen – dann ist es halt so. Die übrigen Bewohner*innen scheinen ohnehin nur durch ihre Existenz zu trotten. „A Prayer For The Dying“ ist bisweilen unglaublich zäh, weil sich zwar eigentlich so viel ereignet, aber alles so distanziert-trocken inszeniert ist, als würde das niemand etwas angehen.

Ein Elefant im Wilden Westen

Dabei spielt sich gerade im Haus von Jacob das große Drama ab. Doch Van Dusen lässt uns den Konflikt eines Mannes, der seiner eigenen Familie schadet, weil er glaubt, das Richtige für die größere Gemeinschaft zu tun, kaum fühlen. Immer geht es mit einem schnellen Schritt und einem neuen Szenario weiter.

Da schaut in einer bizarren Szene sogar ein Zirkus vorbei. Wie die zu Beginn noch etwas wahllos eingefügten Visionen von Jacob, die auf eine – im Gegensatz zur Vorlage nicht aufgelösten – Kriegstat des Ex-Soldaten verweisen, ist das zumindest eine der interessanteren Brechungen, die das sonst recht trockene Werk auflockern. Die Kamera schwenkt plötzlich wild durch das fahrende Volk inklusive eines künstlichen Elefanten – und weckt sogar kurzzeitig Assoziationen an einen Horrorfilm.

Immerhin die (Billig-)Apokalypse ist spannend!

Richtig in die Vollen geht die Regisseurin – abgesehen von einigen krassen Gewaltspitzen bei der Inszenierung des Diphtherie-Verlaufs gerade bei Jacobs Tochter – aber erst am Ende. Da haben wir schon längst verstanden, dass Jacob trotz seines biblischen Namens nicht der von Gott beschützte, sondern vielmehr ein Wiedergänger von Ijob ist – unnötigerweise wurde es in einem der vielen platten Dialoge auch noch ausbuchstabiert. Die finale Erkenntnis des mit Leid um Leid geplagten Protagonisten inszeniert Van Dusen als wilden, apokalyptischen Fiebertraum, der die bisherige Bildgestaltung völlig aus den Angeln hebt.

Dass bereits im Vorlauf zu diesem Finale Menschen in eher billig wirkenden CGI-Flammen aufgehen und eine riesige, ein wenig nach einem Pappmaschee-Konstrukt ausschauende Lokomotive eine zentrale Rolle spielt, schadet dabei nicht. Die sicher auch dem geringen Budget geschuldete Künstlichkeit erhöht vielmehr die Faszination eines Films, der endlich auf eine dringende benötigte surreale Ebene gleitet. Statt banaler Moralplattitüden folgt eine spannende Auseinandersetzung mit Schuld und Glauben. Doch leider ist „A Prayer For The Dying“ in dem Moment auch schon zu Ende.

Fazit: „A Prayer For The Dying“ ist ein ambitioniertes Western-Drama, dessen Wucht über weite Strecken unter einer spröden, distanzierten Inszenierung versteckt bleibt. Erst im surreal-apokalyptischen Finale findet Regisseurin Dara Van Dusen zu einer packenden Bildsprache – doch das kommt leider zu spät.

Wir haben „A Prayer For The Dying“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er in der Reihe Perspectives seine Weltpremiere gefeiert hat.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren