Ein Film zum Verlieben – zumindest bis zum dämlichen Ende
Von Thorsten HanischDer deutsche Starttermin der koreanischen Produktion „Hear Me: Our Summer“ von Sun-ho Cho wurde mit Anfang April gut gewählt: Der Frühling setzt sich langsam durch, vielleicht fühlen sich einige Tage sogar bereits sommerlich an. Das führt zu vermehrter Ausschüttung von Glückshormonen, Östrogen und Testosteron, sorgt für die berühmten Frühlingsgefühle – und natürlich steigt von Woche zu Woche die Freude auf den endgültigen Sommerdurchbruch. „Hear Me: Our Summer“ ist der perfekte Film für diese Übergangszeit: hell, luftig-leicht, fröhlich.
Die Stars Hong Kyung und Roh Yoon-seo sind echte Charismabomben und lassen während ihrer Romanze die Funken nur so sprühen. Da ist schnell vergessen, dass das Remake des taiwanesischen Films „Hear Me“ von 2009 eigentlich nur einen einzelnen originellen Einfall hat: Es gibt kaum gesprochene Dialoge, die meisten Zeit finden die Konversationen nur via Gebärdensprache statt – was den Film aber nur noch süßer macht. Hätten die Macher*innen nicht noch einen dümmlichen Twist in den letzten Minuten platziert, hätten wir es hier wohl mit einem perfekten Wohlfühlfilm zu tun.
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Yong-jun (Hong Kyung) hat zwar die Schule abgeschlossen, weiß aber trotzdem nicht so recht, was er mit seinem Leben eigentlich anfangen soll. Also arbeitet er erstmal als Lieferjunge im Restaurant seiner Eltern. Eines Tages bringt er eine Bestellung in ein Schwimmbad und stößt dort auf eine Gruppe gehörloser Mädchen, zu denen auch Yeo-reum (Roh Yoon-seo) gehört. Yong-jun ist sofort hin und weg von Yeo-reum. Zufälligerweise treffen sich die beiden kurz darauf auf der Straße wieder:
Ihr Roller ist kaputt und der junge Mann, der ebenfalls die Gebärdensprache beherrscht, weiß Abhilfe. Kurzerhand werden erst einmal die Fahrzeuge getauscht: Sie fährt mit seinem Roller, er bringt ihren zu einem befreundeten Mechaniker. Doch es bleibt nicht bei der Pannen-Hilfe: Die beiden verstehen sich immer besser, unternehmen viel miteinander, kommen sich allmählich näher und realisieren, dass sie an ähnlichen Punkten in ihrem Leben stehen. Doch eines Tages zieht sich Yeo-reum plötzlich und – wie es scheint – ohne Grund von Yong-jun zurück …
Es gibt keinen Antagonisten, keine allzu große dramatische Entwicklung, selbst die kleine dramatische Spitze im letzten Drittel löst sich schnell auf. „Hear Me: Our Summer“ widmet einen großen Teil seiner Laufzeit stattdessen der langsam aufblühenden Beziehung zwischen Yong-jun und Yeo-reum. Dass einen das Geschehen trotz der prinzipiellen Simplizität schnell emotional abholt und einfach irre gut unterhält, liegt maßgeblich an der erwähnten Verwendung der Gebärdensprache, die die Darsteller*innen zwingt, weitaus stärker mit ihrer Mimik zu arbeiten. Während bei der gesprochenen Sprache Gesichtsausdrücke nur eine Begleiterscheinung sind, stehen sie hier essenziell im Zentrum. Sie vermitteln all das, was sonst mit der Stimme ausgedrückt wird.
Sprich: Die (untertitelten) Worte werden hier auf eine andere, intensivere Ebene gehoben. Natürlich ist Gebärdensprache im Film an sich nichts Neues. Da „Hear Me: Our Summer“ aber derart konsequent auf Gebärden setzt, wird dennoch ein ganz neues Gefühl für die Schönheit dieser Art der Konversation vermittelt. Es tritt dabei zudem so schnell eine Art Gewöhnung ein, dass man fast schon ein wenig irritiert ist, wenn dann doch wieder mal in einer Passage gesprochen wird.
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Auch die schicke Inszenierung begeistert: Eine der schönsten Szenen spielt in einem Club, in den Yong-jun seine Freundin und ihre Leistungsschwimmer-Schwester Seo Ga-eul (Kim Min-ju) ausführt. Als das Trio eintritt, wird die laute Musik nahezu komplett ausgeblendet, es sind nur noch dumpf die Frequenzen der Bassdrum zu hören. Man taucht regelrecht ein in die akustische Welt Gehörloser. Nach einem Abstecher an die Bar führt Yong-jun die Frauen zu den Boxen und fordert sie auf, die Hände auf die Membran zu legen und die Musik zu fühlen. Da wird der Sound auch fürs Publikum wieder hochgefahren, bevor sich das Trio auf die Tanzfläche begibt.
„Hear Me: Our Summer“ könnte so durch und durch wunderbar sein, ein herzerwärmender, großartig gespielter Gute-Laune-Film. Nur leider gibt es kurz vor Ende noch einen „Twist“, der nicht nur wenig schlüssig wirkt, sondern zudem die Frage aufwirft, wie ernst man es mit dem authentischen Porträtieren gehörloser Menschen zuvor eigentlich wirklich genommen hat.
Fazit: Schade, schade und nochmals schade. Selbst wenn er sicherlich nicht in jeder Hinsicht originell ist, hätte „Hear Me: Our Summer“ trotzdem definitiv das Zeug zu einem großartigen Wohlfühl-Liebesfilm gehabt. Leider hinterlässt das nicht nur überraschende, sondern auch überraschend dämliche Ende einen schalen Nachgeschmack.