The Loneliest Man In Town
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
The Loneliest Man In Town

Die Wiener Antwort auf Aki Kaurismäki

Von Kamil Moll

Im Keller hat sich der alte Wiener Bluesmusiker Al Cook vor vielen Jahren das ultimative Man Cave aufgebaut: analoges Aufnahmestudio und Musikhörzimmer zugleich. Bilder der Blueslegenden Robert Johnson und Charley Patton hängen an den Wänden, seine Vinylsammlung spielt Cook auf einem holzgetäfelten Victrola-Schallplattenspieler ab, neben dem eine kleine Elvis-Büste steht. Genüsslich hört er ein paar Aufnahmen, mit wiegendem Körper und verklärt in die Ferne schauendem Blick, bevor er sich mit einem gerade gekauften Weihnachtsbaum einige Stockwerke höher wieder in seine Wohnung aufmacht.

Gebürtig heißt Al Cook eigentlich Alois Koch. Mit seiner penibel frisierten, durch Spray old-school hochtoupierten Haartolle und der aus der Zeit gefallenen Liebe zum archaischen amerikanischen Blues des frühen 20. Jahrhunderts war er viele Jahre eine populäre Sensation in Österreich. Mit „The Loneliest Man In Town“ haben Tizza Covi und Rainer Frimmel ihm nun eine wehmütige filmische Hommage geschenkt: als fiktionalisierte, auf 16mm-Filmmaterial gedrehte Geschichte, in die mit eleganter Hand immer wieder Cooks langes, bewegtes Leben dokumentarisch eingeflochten und weitererzählt wird.

Al Cook hat sich ausgerechnet in Wien eine Karriere als Blues-Musiker aufgebaut. Vento Film
Al Cook hat sich ausgerechnet in Wien eine Karriere als Blues-Musiker aufgebaut.

Es hat einen Grund, warum Weihnachten als die „loneliest season“ – die einsamste Zeit des Jahres – für jene bezeichnet wird, die allein sind. Ausgerechnet an Heiligabend bricht in Cooks Wohnung, als er sich gerade ein Glas Sekt einschenken möchte und dem Porträt seiner verstorbenen Frau zuprostet, der Strom zusammen. Zu dieser Stunde kann auch ein Notdienst nicht mehr aushelfen: Erst nach den Feiertagen könne sich wieder jemand darum kümmern, wird ihm da am Telefon gesagt. „Ich habe Kerzen und das reicht für die feierliche Stimmung aus“, erwidert er mit gemütvollem Wiener Dialekt und verbluest auf der Slide-Gitarre stattdessen, um seine Stimmung wieder zu heben, erst mal den Weihnachtsklassiker „Stille Nacht, heilige Nacht“.

Doch am nächsten Tag stehen plötzlich zwei wenig vertrauenswürdige Typen vor der Tür. Einer im Auftrag der Hausverwaltung, der andere zu dessen psychologischer, also Nachdruck ausübender Unterstützung: Cook sei längst der letzte noch wohnende Mieter und solle sie bald räumen, damit das Haus endlich sachgerecht abgerissen werden könne. Ansonsten würden dem abgedrehten Strom bald weitere Schikanen folgen, wenn er nicht freiwillig auf seine Mietrechte verzichtet. Und ernst damit machen die beiden Ganoven schon recht bald, tauchen morgens zum Frühstück auf („Dein Wurstbrot esse ich“) und kampieren sich mit Jägermeister und Bierdosen in Cooks Bude ein. Elektrisch rasieren kann sich der alte Musiker bald nur noch im Gasthaus ums Eck.

Alois Koch, wie Cook eigentlich heißt, spielt sich in „The Loneliest Man In Town“ selbst – und setzt sich nicht zuletzt mit seiner eigenen Vergangenheit auseinander. Vento Film
Alois Koch, wie Cook eigentlich heißt, spielt sich in „The Loneliest Man In Town“ selbst – und setzt sich nicht zuletzt mit seiner eigenen Vergangenheit auseinander.

In einer alten VHS-Aufzeichnung sieht man den Künstler auf seinem Höhepunkt mit 35 Jahren. In einer TV-Dokumentation erzählt er einnehmend von seiner Abneigung gegen die industriellen Wegwerfprodukte der Musikindustrie und setzt dem seine passionierten Liveauftritte und Aufnahmen entgegen: Wenn er spiele, sagt er, reiße er sich das Herz heraus und werfe es auf den Bühnenboden. Das kleinkarierte Österreich wolle er möglichst bald hinter sich lassen. Doch es kommt anders: Wien und seine Wohnung im dritten Bezirk verlässt Cook nie, spielt stattdessen Jahrzehnte lang in den Bluesklubs der Stadt mit amerikanischen Musikern auf der Durchreise zusammen, schließt so Freundschaften mit den von ihm verehrten Legenden. Anstelle des Mississippi-Deltas werden die Seitenarme der Donau zu seiner schöpferischen Inspiration.

Von diesem langen Leben erzählt „The Loneliest Man In Town“ mit einem lakonischen Witz, der mitunter an das Kino des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki („Fallende Blätter“) erinnert – einer filmischen Welt, die ebenfalls von einsamen Lebekünstlern und der Liebe zur Musik längst vergangener Zeiten bevölkert wird. Mit bedächtigem, aber niemals dösig werdendem Tempo sieht man ein gegenwärtiges Wien, in dem die einstigen Lebensfreiräume im Verschwinden sind und dem sprichwörtlichen Abriss ausgesetzt werden. Unterwegs und heimatlos geworden, trifft Al Cook auf Menschen aus seiner Vergangenheit: Eine Frau, mit der er vor 50 Jahren zusammen gewesen ist, sieht er auf der Straße vorübergehen. Warum sie ihn damals plötzlich verlassen habe und ohne ein Wort zu sagen in die Straßenbahn gestiegen sei, fragt er. Nun ja, erwidert sie, was sei ihm auch damals eingefallen, einem Beatles-Fan wie ihr eine Elvis-Schallplatte schenken zu wollen?

Melancholisch, aber niemals wehleidig

Einen tief melancholischen Ton, der nicht ins nostalgisch Verklärende oder Weinerliche abgleitet, zu finden, fällt vielen Filmen schwer. Tizza Covi und Rainer Frimmel ist es mit dieser wunderbaren Dokufiktion (einem Erzählformat, in dem die beiden schon seit Jahren arbeiten) vollends gelungen. Zu verdanken ist das sicherlich auch dem Hauptdarsteller, dessen Haltung von einer unbeugsamen Sanftmut geprägt ist: Wenn man aus dem Haus, in dem man vor vielen Jahren geboren wurde, herausgeekelt wird, kann man selbst im hohen Alter ja immer noch das One-Way-Ticket nach New Orleans lösen, von dem man ein ganzes Leben lang geträumt hat.

Fazit: Ein melancholischer, zutiefst berührender Abgesang auf ein Künstlerleben zwischen Trotz und Zärtlichkeit: Mit der Dokufiktion „The Loneliest Man In Town“ setzen Tizza Covi und Rainer Frimmel dem Wiener Blues-Urgestein Al Cook ein ebenso lakonisches wie warmherziges Denkmal.

Wir haben „The Loneliest Man In Town“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.

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