Was ist in der Box?
Von Lutz GranertTrautes Heim, Glück allein? Nicht so bei Filmemacher Bryan Bertino, der seit seinem berühmt-berüchtigten Debüt „The Strangers“ (2008) die Motive des Home-Invasion-Genres immer wieder ebenso einfallsreich wie garstig variiert: Während in „Play – Tödliches Spiel“ (2015) eine ungefragt zugesandte Videokamera für das heimische Grauen sorgt, drehte er in „The Dark And The Wicked“ (2020) das Genre gleich komplett auf links, weil hier nicht die Bewohner (die kürzlich verstorbenen Eltern), sondern die „Eindringlinge“ (die längst ausgezogenen Kinder) durch den Wolf gedreht werden.
Um eine Bedrohung in den eigenen vier Wänden kreist jetzt auch der mit Dakota Fanning prominent besetzte Horror-Thriller „Vicious – Ein teuflisches Geschenk“. Aber wenn Bryan Bertino auch einmal mehr sein Gespür für eine düstere Atmosphäre beweist, liefert der mit vielen Genreklischees gespickte Grusel-Budenzauber nur Durchschnittskost ohne herausstechende kreative Ideen. Das ist scheinbar auch den Verantwortlichen von Paramount aufgefallen, die den ursprünglichen Kinostart im Februar 2025 erst wegen der Suche nach einem „besseren Termin“ verschoben und sich letztendlich für eine direkte Auswertung auf dem hauseigenen Streamingdienst Paramount+ entschieden haben.
Paramount+
Kurz vor Weihnachten klingelt es abends an der Tür der alleinlebenden Polly (Dakota Fanning): Eine alte und scheinbar verwirrte Frau (Kathryn Hunter) versucht, das Haus ihres Sohnes zu finden. Nachdem Polly sie hereingebeten hat, stellt die alte Dame eine ominöse Holzschatulle auf den Tisch, die lediglich eine einzelne Sanduhr enthält – mit der Erklärung, dass sie noch diese Nacht sterben wird, sobald das letzte Körnchen durchgelaufen ist.
Ihre einzige Chance, dieses Schicksal noch abzuwenden, sei es, noch rechtzeitig drei Dinge in die Schatulle zu legen: etwas, das sie hasst, etwas, das sie liebt – und etwas, das sie braucht. Der merkwürdige Besuch verschwindet wieder und Polly vermutet dahinter zunächst nur einen schlechten Scherz – bis sie in ihrem großen Haus zunehmend unheimliche Vorkommnisse bemerkt...
„Vicious – Ein teuflisches Geschenk“ ist komplett auf Ex-Kinderstar Dakota Fanning („Krieg der Welten“) zugeschnitten, die den größten Teil des Films allein bestreitet – und dabei die zunehmende Angst und Verzweiflung ihrer psychisch angeknacksten Figur ebenso glaubhaft wie intensiv verkörpert. Eine Karriere als Scream Queen strebt sie nach dem Horror-Doppelschlag „They See You“ und „Vicious“ aber wohl nicht an: Die vielen Tränen, die sie beim Spielen ihrer Rolle vergießen musste, empfand sie als derart fordernd, dass sie ihren Genre-Kolleg*innen in Interviews bereits großen Respekt zusprach.
Bei ihrem qualvollen Solo-Höllentrip werden – von knarzenden Dielen und knarrenden Türen einmal abgesehen – nahezu alle Genreklischees artig abgehakt: Flackernde Lichter, wie von Geisterhand anspringende Elektrogeräte, gruselige Anrufe und im Hintergrund durchs Bild huschende Figuren sollen einem ebenso das Fürchten lehren wie ein eigensinnig agierendes Spiegelbild sowie ein paar zünftig-verstörende Gore-Einlagen samt abgetrennter Gliedmaßen. Diese Standardzutaten nutzt Bryan Bertino bei eher sparsamer Ausleuchtung seiner Sets zwar durchaus effektiv, um eine unheilvolle Gruselatmosphäre aufzubauen. Doch der Plot dahinter erweist sich als enttäuschend arm an Substanz.
Paramount+
Mit dem wiederholten Einspielen des Songs „Dedicated To The One I Love“ von The Mamas & The Papas sowie vielen freien Blicken auf die von Liebe und Verletzung geprägten Oberarm-Tattoos seiner Protagonistin (die unsinnigerweise auch im tiefsten Winter zu Hause im ärmellosen Oberteil herumläuft) eröffnet „Vicious“ zwar einen suggestiven Interpretationsraum rund um familiäre Entfremdung. Eine weitere Ausarbeitung abseits vager Andeutungen auf Anrufbeantworternachrichten oder bei Kurztelefonaten mit Mutti, die womöglich etwas zur Auflösung des reichlich nebulösen Szenarios beitragen könnten, bleibt jedoch aus.
Während im Horrorklassiker „Hellraiser“ schnell klar wird, dass der Puzzle-Würfel ein Tor zur Hölle öffnet und die Cenobiten herbeiruft, bleiben die sich aufdrängenden Fragen nach Herkunft und Funktionalität des optisch unscheinbaren Relikts in „Vicious“ komplett unbeantwortet. Nach einer Laufzeit von etwas mehr als einer Stunde könnte der Horror-Thriller nach Pollys nervenzehrendem Rätselraten um die drei Dinge, welche die wählerische Schatulle tatsächlich „schluckt“ (und welche entsprechend nicht), eigentlich schon zu Ende sein. Das verleiht dem letzten Akt um Pollys Schwester, deren Tochter sowie der Begegnung mit einer unbedarften Nachbarin den Beigeschmack eines recht willkürlichen Appendix – Anknüpfungsmöglichkeiten für eine inzwischen wohl kaum noch wahrscheinliche Fortsetzung inklusive.
Fazit: Dakota Fanning agiert als Quasi-Alleinkämpferin stark, aber der Plot bleibt trotz neugierig machender Prämisse arg unterentwickelt. So bietet der Horror-Thriller „Vicious – Ein teuflisches Geschenk“ zwar effektvollen, aber auch recht oberflächlichen Grusel.