Liebesdreieck im Jenseits
Von Michael BendixSich mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen, ist für die meisten Menschen eher keine sonderlich amüsante Beschäftigung. Trotzdem – oder vielleicht auch gerade deswegen – hat die Frage, ob es so etwas wie ein Leben nach dem Tod gibt und wie genau das eigentlich aussehen könnte, schon zahlreiche Komödien beflügelt. In den meisten davon landen die Figuren erst einmal in einer Art Zwischenreich, bevor endgültig festgelegt wird, wo es hingeht – in den Himmel oder in die Hölle. Die ernüchternde Erkenntnis: Auch nach dem allerletzten Atemzug setzen sich die Bürden des irdischen Daseins fort – weitere existenzielle Entscheidungen müssen getroffen werden, längst vergessene Handlungen aus der Vergangenheit werden ganz genau auf den Prüfstand gestellt, und die bürokratischen Mühlen mahlen erbarmungslos weiter.
So muss etwa der Frauenheld in Ernst Lubitschs „Ein himmlischer Sünder“ (1943) im Vorzimmer der Hölle eine umfängliche Lebensbeichte ablegen, um dem Fegefeuer mit etwas Glück doch noch zu entgehen. Im Powell/Pressburger-Meisterwerk „Irrtum im Jenseits“ (1946) wird ein Pilot zum Opfer eines himmlischen Verwaltungsfehlers – und kämpft, tödlich verunglückt, vor dem Jenseitsgericht um eine zweite Chance. In „Rendezvous im Jenseits“ (1991) wiederum verlieben sich Albert Brooks und Meryl Streep nach ihrem Ableben in einer äußerst sprechend „Judgement City“ genannten Transitzone. In eine ganz ähnliche Kerbe schlägt nun auch „Eternity“, in dem Regisseur David Freyne seinem aus dem Leben geschiedenen Personal sogar noch einmal größere Hürden aufbürdet.
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Zu Beginn vertreiben sich Joan (Betty Buckley) und Larry (Barry Primus), ein Ehepaar in den fortgeschrittenen 80ern, die Autofahrt zur Gender Reveal Party ihres Enkelsohnes mit sichtlich alterseingespielten Kabbeleien. Auf der Feier angekommen, wird Larry mit einem alten Foto von Joan und ihrem ersten, einst im Krieg gefallenen Ehemann Luke (Callam Turner) konfrontiert – und verschluckt sich daraufhin tödlich an einer Brezel. Als er die Augen wieder öffnet, kann Larry zunächst schwer greifen, was ihm da eigentlich widerfahren ist: Er irrt – im Körper eines Mittdreißigers (Miles Teller), denn im Jenseits werden alle wieder zu denen, die sie in ihrem glücklichsten Moment gewesen sind – durch einen pastellfarbenen Saal irgendwo zwischen Bahnhofsvorhalle und dem Wartebereich einer Behörde.
Erst die Begegnung mit Anna (Da’Vine Joy Randolph), die sich als die für ihn zuständige Jenseitskoordinatorin vorstellt, bringt allmählich so etwas wie Klarheit: Larry ist tatsächlich tot – und hat nun die Aufgabe, zwischen einer Vielzahl an möglichen Jenseits-Optionen zu wählen. Der Knackpunkt: Hat man sich einmal entschieden, in welcher Welt man seine persönliche Ewigkeit verbringen möchte, gibt es kein Zurück mehr. Bald schon steht die ebenfalls verjüngte Joan (Elizabeth Olsen) vor ihm, die nur kurze Zeit später ihrem Krebsleiden erlegen ist. Doch die Erleichterung über die unverhoffte Wiedervereinigung währt nur kurz: Denn der nette Barkeeper, der Larry gerade noch einen Drink zubereitet hat, entpuppt sich als niemand Geringeres als Luke, der seit seinem Tod im Koreakrieg vor 65 Jahren auf die Ankunft seiner Ehefrau wartet…
In der ersten Hälfte verwendet Regisseur David Freyne erst einmal viel Zeit und Energie darauf, die Regeln seiner Jenseitswelt zu etablieren und sich einen Spaß aus ihren Möglichkeiten zu machen. Wie in einem Wimmelbild versteckt er im kontrollierten Chaos der metaphysischen Empfangshalle mehr Details, Gags und Verweise, als man im ersten Moment aufnehmen kann. Die Todesursachen vieler der übrigen Neuankömmlinge lassen sich so an ihrem Äußeren ablesen – und die auf Werbetafeln angepriesenen Jenseits-Realitäten reichen von Krankenhaus-Soaps über eine Weimar-Welt („Jetzt mit 100 Prozent weniger Nazis“) bis hin zu einer Kapitalisten-Ewigkeit (die genau was von unserer wirklichen Welt unterscheidet?). Selbst wenn die Qualität der Witze schwankt und „Eternity“ seine zum Teil nicht mehr ganz taufrischen Ideen etwas zu sehr ausstellt, erinnert das an die Fabulierlust besserer Pixar-Produktionen – allen voran den thematisch verwandten, wenn auch etwas abstraktionsfreudigeren „Soul“ (2020).
Auch die Dreiecks-RomCom funktioniert lange hervorragend, weil Freyne sie angenehm klassisch inszeniert und auf die Chemie seiner drei Hauptdarsteller*innen vertraut. Man versteht nur zu gut, in welcher Zwickmühle sich Joan befindet: Mit Larry ist es lustig, unkompliziert, vertraut; mit Luke frisch, aufregend, voller erotischer Versprechen – beide Paarungen hätten ihren eigenen Film verdient. Einmal scheint gar etwas zwischen den rivalisierenden Männern zu entstehen, aber so weit, eine Beziehungsform abseits der heterosexuellen Zweierkonstellation zumindest ernsthaft zu denken, wagt sich „Eternity“ dann doch nicht hervor – so wie er sich auch für das übrige vertrackte Potenzial seines selbst aufgeworfenen Dilemmas abseits des Offensichtlichen nicht besonders interessiert.
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Schließlich rührt der Film mit seinem Was-wäre-wenn-Szenario an komplizierten Fragen: Ist Liebe in letzter Konsequenz immer austauschbar? Ist eine Verbindung es wert, eingegangen zu werden, selbst wenn sie immer nur die zweitbeste Option bleiben wird? Wie konstituiert sich Nähe und wie geht man mit einander widerstrebenden Bedürfnissen um, wenn nur eins davon tatsächlich erfüllt werden kann? „Eternity“ entscheidet sich für den bequemen Weg, indem er sein verwickeltes Liebesgeflecht auf eher simple Wahrheiten zusteuert – gerade seine Endlichkeit ist es, die das Leben lebenswert macht, und zu Hause ist es im Zweifelsfall am schönsten.
Bevor es so weit ist, schlägt der Tonfall des Films in ein Melodram um, das manchmal etwas schwerfällig das Für und Wider jedes erdenklichen Ausgangs abwägt – und dadurch kein Ende finden will. Trotzdem macht dieser durchaus ambitionierte, seine Budgetgrenzen verspielt kaschierende Entwurf einer agnostischen Fantasy-RomCom lange Spaß, indem er sich auf zeitlose Screwball-Tugenden besinnt, die so souverän nicht mehr allzu oft ihren Weg auf die Leinwand finden.
Fazit: „Eternity“ zerfällt in zwei Hälften: Die beschwingte Screwball-Komödie im Jenseits wird von einem etwas zerdehnten Melodram abgelöst, das es sich in letzter Konsequenz ein bisschen zu einfach macht. Freude kann man mit dieser farbenfroh-verspielten Dreiecks-RomCom trotzdem haben.