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    Pinocchio
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Pinocchio
    Von Ulrich Behrens
    Als Carlo Lorenzini – später Carlo Collodi nach dem Dorf, aus dem seine Mutter stammte – 1881 seine „Geschichte einer Marionette“ und „Pipi oder das rosafarbene Äffchen“ in den ersten Nummern der Kinderzeitschrift „Il giornale per i bambini“ veröffentlichte, konnte er noch nicht ahnen, welchen Welterfolg diese Geschichten später unter dem Titel „Die Abenteuer von Pinocchio“ haben sollten. Walt Disney zauberte 1940 einen Animationsfilm aus der Geschichte Collodis, und bis heute zählt das Buch zu den Bestsellern in der Kinderliteratur. Jetzt wagte sich Roberto Benigni („Das Monster“, 1994; „Das Leben ist schön“, 1997) an den Stoff und übernahm selbst die Hauptrolle. Benignis Frau Nicoletta Braschi spielt die Fee und produzierte den Film. In Italien wurde Benignis Interpretation zu einem Riesenerfolg. Auf 45 Mio. Dollar sollen sich die Produktionskosten belaufen. Allein, überzeugen konnte mich Benignis Pinocchio kaum.

    Die blaue Fee (Nicoletta Braschi) saust mit ihrer Kutsche, gezogen von einer Schar Mäuse, durch einen kleinen Ort, und kurz darauf fällt ein Baumstamm von einem Wagen, rast durch den ganzen Ort und landet vor dem Haus von Geppetto (Carlo Giuffré). Der schnitzt aus dem guten Holz eine Marionette, und siehe da, das Ding bewegt sich von selbst und spricht. Geppetto nennt seinen hölzernen „Sohn“ Pinocchio. Der, kaum dass er sich bewegt, macht allerlei Unsinn in des Meisters Stube, läuft davon, um den Ort zu erkunden, kehrt zurück – und wird von einer sprechenden Grille (Peppe Barra) ermahnt, ein braver Junge zu sein und in die Schule zu gehen. Pinocchio ist das gar nicht recht und er erschlägt die Grille mit einem Hammer. Geppetto verkauft seine Jacke und von dem Geld kauft er eine Fibel, damit Pinocchio am nächsten Tag in die Schule gehen kann. Der allerdings sieht auf dem Weg zur Schule ein Marionettentheater, verkauft die Fibel, um den Eintritt zahlen zu können.

    Als er einen Feuerfresser (Franco Javarone) daran hindern kann, eine Marionette zu verbrennen, ist der so gerührt, dass er ihm ein paar Goldstücke schenkt. Die will Pinocchio voller Stolz Geppetto bringen. Doch auf dem Heimweg begegnen ihm ein Fuchs und eine Katze (Max Cavallari und Bruno Arena), die auf das Geld scharf sind und ihm von einem Feld erzählen, auf dem man seine Goldstücke nur vergraben müsse, um innerhalb kürzester Zeit mehr davon zu haben. Pinocchio, der den beiden Gaunern glaubt und sogar ihr Abendessen bezahlt, merkt, das Katze und Fuchs plötzlich verschwunden sind. Ohne sie erkennen, wird er von den beiden überfallen, und nachdem sie das Gold bei ihm nicht finden können, weil es Pinocchio noch rechtzeitig versteckt hat, hängen sie ihn an einem Baum auf. Die Fee rettet Pinocchio und lässt ihn von drei Ärzten untersuchen. Auch sie ermahnt Pinocchio, künftig ein braver Junge zu sein. Als er sich weigert, die Medizin zu schlucken, die die Fee ihm gibt, zeigt sie ihm (ein Sarg wird hereingebracht), dass er ansonsten sterben müsse. Pinocchio schluckt – und lügt, als die Fee ihn nach dem Verbleib der Goldstücke fragt. Zum ersten Mal bekommt er eine lange Nase und muss der Fee versprechen, nie wieder zu lügen. Unterwegs trifft er wieder auf Fuchs und Katze, die ihn dazu überreden, das Gold zu vergraben. Als Pinocchio kurze Zeit später an diese Stelle zurückkommt, ist das Gold natürlich weg. Der Geist der Grille, die Pinocchio erschlagen hatte, lacht über so viel Dummheit und ermahnt ihn wiederum. Pinocchio will von einem Richter in der nahen Stadt Dummenfang, dass der die beiden Gauner dingfest macht. Doch der Richter verurteilt Pinocchio wegen seiner Dummheit und der hölzerne Knabe muss ins Gefängnis ...

    Hölzerner Knabe, ja. Da fangen die Probleme mit Benignis Adaption des Stoffes schon an. Erst am Ende der Geschichte wird aus der Marionette ein Mensch aus Fleisch und Blut. Bei Benigni wird zwar behauptet, Pinocchio sei aus Holz, doch der 50jährige Schauspieler bewegt sich von Anfang an wie ein Mensch. Zweites noch viel größeres Problem: Pinocchio wird von einem erwachsenen Mann gespielt, der sich ein Clownkostüm überstreift, lange Gesichter macht und sich wie ein Kind bewegt, aber eben ein Erwachsener bleibt. Benignis Pinocchio hat aus dieser Sicht ein eher erwachsenes Verhältnis zur Fee. Ihr Verhältnis zueinander wirkt mehr wie das eines kindischen Mannes zu seiner potentiellen Geliebten als das eines Kindes zur Mutter. Dadurch entsteht eine merkwürdige Diskrepanz zwischen den kindischen Worten Pinocchios und der Person, die diese Worte spricht.

    Hinzu kommt eine enorme Rasanz. Benigni läuft, ja hetzt durch die Geschichte, als ob es darum gehe, den Film in einer bestimmten Zeit abzudrehen. Der Film gönnt dem Betrachter kaum Ruhepausen. Und das Tempo eines erwachsenen Mannes im Clownskostüm wirkt unter Beachtung all dieser Gesichtspunkte oft lächerlich, manchmal albern und über weite Strecken unglaubwürdig. Benigni produziert sich. Sein Pinocchio beherrscht nicht nur die Szenerie. Alle anderen Personen sind zumeist nur Vehikel auf Benignis Rennstrecke. Ein Lob gilt sicherlich den teilweise wunderbaren Bildern, den Kostümen, den Masken und Trickaufnahmen. Es gibt durchaus beeindruckende und lustige Szenen, wenn etwa die sprechende Grille sich im Land der Spielereien vor dem Zertreten oder Zerschmettern retten muss. Andererseits bleiben fast alle Figuren ohne Konturen. Nicht einmal Geppetto oder die Fee zeichnen sich durch charakterlich beeindruckende Eigenschaften aus, schon gar nicht die anderen.

    Insgesamt gesehen verkommt Collodis Pinocchio bei Benigni zur Hampelmannfigur, der Film zum Kasperletheater der schlechten Art. Collodi erzählt eine Geschichte des Erwachsenwerdens, selbstverständlich vom Geist seiner Epoche geprägt. Und trotz dieses Erziehungscharakters seines Pinocchio sorgen Witz und Ironie dafür, dass die Frechheiten und Streiche, die Dummheiten und Missetaten der Holzpuppe in keinem derben Licht erscheinen, sondern ein gewisses Verständnis hinterlassen. Pinocchio ist geradezu trotz seiner Streiche die sympathischere Figur gegenüber dem nachgiebigen Geppetto und der mal strengen, mal nachsichtigen Fee. Collodi erzeugt ein Bild vom Erwachsenwerden, in dem die Notwendigkeit, aus dem Kindesalter herauszuwachsen, nicht vergessen lässt und lassen soll, dass die Kindheit auch weiterhin im Erwachsenendasein aufgehoben bleibt. Die Dummheit (Eselsohren), die kindliche Unbekümmertheit (Vertrauensseligkeit gegenüber Fuchs und Katze) und eine gewisse kindliche Rücksichtslosigkeit mussten mit Hilfe von Geppetto und der Fee überwunden werden. Die Verspieltheit, das Träumen aber sollen nicht der Vergessenheit anheim fallen. Collodi taucht diesen Prozess daher in surreal anmutende Bilder und eine groteske Sprache. Auch die Eltern kommen bei Collodi nicht ohne Schrammen davon. Sie sind gütig, können aber auch grausam sein. All das geht in Benignis Adaption mehr oder weniger stark verloren. Nicoletta Braschi ist hübsch anzusehen und so gut wie nur sympathisch, der alte Geppetto spielt eher eine Nebenrolle, Freund Docht (Kim Rossi Stuart) wird statt dessen holzschnittartig in den Vordergrund gerückt – und am Schluss geht Benigni in die Schule, ohne Federlesen, während der Schlusssatz des Romans „Wie froh bin ich, dass ich jetzt ein richtiger Junge bin“ mit einem Stoßseufzer versehen ist, der das Ambivalente dieses Frohseins, den Abschied von der Kindheit, der auch schmerzlich ist, zum Ausdruck bringt.

    (Zuerst erschienen bei CIAO)
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