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    Die Kanonen von Navarone
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Die Kanonen von Navarone
    Von René Malgo
    Für einen gelungenen Abenteuerfilm sind folgende Zutaten wichtig: Ein charismatischer, übermenschlicher Held, flankiert von einer wunderschönen Frau, die es zu imponieren gilt; eine spannende, einigermaßen sinnige Story; genügend Action; mindestens eine unauswegsame Situation und eine unverkennbar abenteuerliche Atmosphäre. Werden diese Zutaten halbwegs beherzt und richtig eingesetzt, kann der Zuschauer sich in der Regel an einem guten Abenteuerfilm erfreuen. J. Lee Thompsons „Die Kanonen von Navarone“ beweist allerdings, dass mit etwas mehr ein zeitloser Klassiker erschaffen werden kann.

    Navarone, eine Insel nahe Kreta, Zweiter Weltkrieg. Zwei riesige Kanonen in einer uneinnehmbaren Felsenfestung gewährleisten die totale Kontrolle der deutschen Armee über einen strategisch wichtigen Kanal in der Ägäis. Für die Rettung einiger eingekesselter, britischer Soldaten müssen diese Kanonen zerstört werden. Die Zeit dafür ist knapp bemessen, denn einige Kreuzer steuern schon auf den im Schussfeld der Kanonen liegenden Kanal zu, um die Soldaten zu evakuieren. Ein Spezial-Kommando wird zusammengestellt, dem unter anderen Bergsteiger Mallory (Gregory Peck), Sprengstoffexperte Miller (David Niven), Colonel Stavros (Anthony Quinn) und Major Franklin (Anthony Quayle) als Leiter der Mission angehören. Doch von Anfang an steht der Auftrag unter keinem guten Stern. Die Deadline zum erfolgreichen Abschluss der Mission muss um einen Tag verkürzt werden, die deutsche Armee scheint dem Spezialkommando immer einen Schritt voraus zu sein und ein Saboteur droht sich in den eigenen Reihen aufzuhalten…

    Ein abenteuerlicher Kriegsthriller als zeitloser Klassiker? Eine gewagte These, zumal die Story auf den ersten Blick nicht allzu viel Neues offenbart. Obgleich die Geschichte viel Bekanntes repetiert und variiert, bietet sie doch genug, um den anspruchsvollen Betrachter vollends zufrieden zu stellen. Die Geschehnisse entwickeln sich glaubwürdig und konsequent, sodass über eventuelle, kleinere Logiklöcher hinweg gesehen werden kann. Es gibt sie schon, die Momente, wo sich beispielsweise die Frage aufdrängt, wie kommt es, dass der deutsche Gegner mal wieder so dümmlich handelt. Wenn diese nämlich ohne einen Laut sterben, da es sich für unsere Helden gerade empfiehlt. Oder die Helden bei einer Flucht von den nazistischen Soldaten lediglich mit ein paar Granatenwerfern unter Beschuss genommen werden, diese aber nicht die Verfolgung aufnehmen. Gewiss, das sind Kleinigkeiten und solche bleiben sie im Gesamtzusammenhang glücklicherweise auch. Dank einiger intelligenter Details und einer guten Charakterausarbeitung erscheint die Geschichte gerade für das Genre überdurchschnittlich und bleibt stets fesselnd.

    „Die Kanonen von Navarone“ wirkt sehr gut durchdacht. Drehbuchautor Carl Foreman und Regisseur J. Lee Thompson bleiben ihrer eingeschlagenen Linie bis zum Schluss treu, die Darsteller halten sich immer im Rahmen ihrer vorgesehenen Charakterisierung und auch auf andere Details ist geachtet worden. So behauptet Mallory von sich fließend Griechisch und Deutsch sprechen zu können; zumindest in der Originalversion müht sich sein Darsteller Peck dabei achtbar ab, so flüssig wie irgend möglich deutsche Sätzchen zum Besten zu geben. Die Deutschen mit Text sprechen lobenswerterweise auch alle mehr oder weniger flüssig Deutsch und Englisch mit einem schönen Akzent. Das sind natürlich nur kleine Details, unterstreichen aber die Authentizität des Ganzen. Insgesamt verzichtet „Die Kanonen von Navarone“ weitgehend auf Schwarzweißmalerei, wobei er sich einer gewissen Klischeehaftigkeit nicht immer entziehen kann. Doch nicht jeder Deutsche ist hier ein blonder, blauäugiger Dämon, die Helden sind keine wortkargen Super-Engel und in den stillen Momenten setzt sich der Film dank geschickt eingefügter Dialoge durchaus differenziert mit dem Töten im Besonderen und Krieg im Allgemeinen auseinander.

    Die glaubwürdige Charakterisierung der Helden und Entwicklung der Geschichte ist nicht nur ein Verdienst der exzellenten Drehbuchadaption, sondern auch der ausgezeichnet aufgelegten und im Übrigen tadellos gecasteten Darsteller. Schauspielerisch über alle Zweifel erhaben und als Charakterdarsteller bereits etabliert, waren die Herren David Niven, Anthony Quinn, Gregory Peck und Anthony Quayle schon vor „Die Kanonen von Navarone“. Hier rufen sie ihr Können einwandfrei ab, setzen zwar keine Glanzlichter, überzeugen aber in einer pointierten Mimik, Gestik und allgemeinen Performance. Mit James Darren gehört auch noch ein Pop/Schlagerstar der damaligen Zeit zur Besetzung. Wo einem heute mit Recht die Haare oftmals zu Berge stehen, erscheint ein Star des Musikgeschäfts im Film seiner Wahl, wirkt Darren ganz gut aufgehoben und kann darstellerisch überzeugen. Wie es heutzutage unvermeidlich wäre, überrascht es auch in „Die Kanonen von Navarone“ nicht, dass er ein Liedchen zum Besten gibt. In diesem Falle ist es der Entwicklung und Ausprägung seines Charakters im Gesamtzusammenhang aber durchaus förderlich, genauso wie die trockenen Bemerkungen und Witzchen von David Niven nicht fehl am Platz wirken.

    Die besagte schöne Frau gibt es in der Person von Gia Scala - mit Kurzhaarschnitt - und von allen dürfte wohl Gregory Peck am ehesten den Typus des charismatischen, übermenschlichen Helden markieren. Trotzdem sind die Helden hier keine im herkömmlichen Sinne. Die Handlungsweisen des Captain Mallory (Peck) erscheinen kalt und berechnend, während eine Aura gewisser Arroganz ihn umgibt. Millers (Niven) sarkastische Kommentare und Ich-will-keine-Verantwortung-Haltung machen ihn auch nicht gerade zum Sympathieträger der Truppe. Auch sonst menschelt es gewaltig; der eine versagt, der andere steigert sich gegen Ende in einen Blutrausch und zwischen den Herren Mallory und Stavros (Quinn) besteht eine Todfeindschaft. Die meisten Beziehungen innerhalb des Teams kommen in ihrer Darstellung über die Klischeehaftigkeit zwar nicht hinaus, machen die Geschichte und Erlebnisse an sich aber emotional zugänglicher und gewährleisten genügend Identifikationspotenzial.

    Mangelnde Spannung kann nicht beklagt werden, wofür sich in erster Linie die tadellose Regie verantwortlich zeichnet. Regisseur J. Lee Thompson, der mit diesem Film Genreneuland betreten hatte, meistert die beachtliche Aufgabe mit Bravour. Sein Können, vor allem wenn es um die Inszenierung ruhiger Szenen geht, stand schon vor „Die Kanonen von Navarone“ fest. Das ist für den Actionfilm insoweit von Vorteil, als dass auch in den ruhigen Passagen Überzeugendes geboten wird. Insbesondere in solchen Momenten baut der Film seine Spannung auf, während der so genannten Ruhe vor dem Sturm. Dies bedeutet jedoch nicht, dass nachlässig mit den Actionszenen umgegangen wäre. Im Gegenteil, die Schießereien reißen auch heute noch mit und gerade der Sturm, in dem die Spezialeinheit mitsamt Tarn-Fischerkutter gerät, darf zu den Höhepunkten inszenatorischen Könnens gezählt werden. Einigen Kulissen ist allerdings die Künstlichkeit recht deutlich anzusehen, dazu lassen sich Blue-Screen-Aufnahmen oftmals als solche entlarven und es genügt auch nicht jeder Effekt modernsten Standards. Dem allgemeinen Genuss und der hohen Spannung tun diese altersbedingten Schwächen aber keineswegs einen Abbruch.

    „Die Kanonen von Navarone“ ist mit dem nötigen Ernst bei der Sache, ohne den für Abenteuerfilme notwendigen Humor gänzlich zu vernachlässigen. Puristen ausgefeilter Actionszenen wird auch genug geboten und der grenzenlosen Fantasie Alistar MacLeans, Autor der Romanvorlage, ist es zu verdanken, dass „Die Kanonen von Navarone“ sogleich durch sein abenteuerliches, wildromantisches Flair in den Bann zieht. Die perfekte, musikalische Umrahmung von Dimitri Tiomkin tut ihr Übriges dazu, liefert eine eingängige Titelmelodie und unterstreicht jede Szene passend, wie es sein sollte. Dabei deckt der Film alle Facetten hohen Anspruchsdenkens ab, funktioniert als spannender Abenteuerthriller genauso, wie reflektives Actiondrama über Krieg und seine Auswirkungen.

    Es lässt sich festhalten, dass „Die Kanonen von Navarone“ seinem guten Ruf gerecht werden kann, in den wichtigsten Belangen zu überzeugen weiß und seinen Status als Klassiker mit Recht innehat und behalten darf. Ein Film, dessen Ansicht sich ohne Bedenken lohnt, für Filmfans jeglicher Couleur.
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