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    Domino - Live Fast, Die Young
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Domino - Live Fast, Die Young
    Von Björn Helbig
    Keira Knightley agiert an der Seite von Mickey Rourke und Edgar Ramirez als die schlagfertige Kopfgeldjägerin Domino Harvey. Schwer bewaffnet, in enger, figurbetonter Kluft und immer einen rotzigen Spruch auf den Lippen. Das muss doch was werden, oder? „Es handelt sich um eine wahre Geschichte“ , so beginnt Tony Scotts Action-Thriller „Domino“, doch schon nach wenigen Minuten wird dem Zuschauer klar, dass diese Aussage nicht besonders ernst zu nehmen ist. Zwar stimmt es, dass der Schauspieler Laurence Harvey („The Manchurian Candidate“, 1962) und Topmodel Sophie Wynn eine Tochter namens Domino hatten, die auch tatsächlich Kopfgeldjägerin wurde, doch nach diesen groben Eckdaten verwischen Realitätsbezug und Fiktion dann auch schon. Was folgt, ist ein nervös-bunter Trip, gegen den sich weder die Geschichte, noch deren Figuren behaupten können. Natürlich darf Hollywood respektive Scott seiner Fantasie freien Lauf lassen, das ist gut und sogar erwünscht. Nur ist es auch über alle Maßen bedauerlich, wenn das Fiktionale weit weniger spannend ausfällt als man die Wirklichkeit vermutet.

    Domino Harvey (Keira Knightley) ist unzufrieden in der Welt der Reichen. Kurz entschlossen besucht sie auf eine Zeitungsanzeige hin ein Seminar für Kopfgeldjäger, wo sie ihren zukünftigen Chef Ed (Mickey Rourke), einen legendären Kopfgeldjäger und seinen Mitarbeiter Choco (Edgar Ramirez) kennen lernt. Nach anfänglichen Zweifeln lassen sich die beiden alten Hasen von Dominos Fähigkeiten überzeugen und beschließen, sie in ihr Team aufzunehmen. Und das erweist sich auch bald schon als Glücksgriff, denn das Team steht vor seinem schwierigsten Fall, der sie tief in die Grabenkämpfe zwischen Mafia und FBI führt.

    Vom Grundriss her klingt das alles gar nicht so schlecht. Tony Scott („Top Gun“, True Romance, Last Boy Scout, Spy Game, Mann unter Feuer) ist trotz einiger Fehlgriffe in der letzten Zeit sicher immer noch kein Garant für schlechte Filme; auch, dass Richard Kelly, der nach seinem großen Indie-Kulterfolg Donnie Darko als Schreiberling gewonnen werden konnte, spricht zunächst einmal für „Domino“. Ebenso kann sich die Riege der Darsteller durchaus sehen lassen. Allen voran Keira Knightley (Fluch der Karibik, Stolz und Vorurteil), die man schon immer mal in einer etwas härteren Rolle sehen wollte, aber auch fast alle Nebenrollen sind toll besetzt: Mickey Rourke, der zuletzt in Sin City zu bewundern war, die seit Kill Bill Vol. 1 wieder hoch gehandelte Lucy Liu, der vielseitige Veteran Christopher Walken,… - was will man mehr? Anders gefragt: Warum ist der Film in mancherlei Hinsicht eine mittelschwere Katastrophe?

    An den Schauspielern liegt es eigentlich nicht. Alle sind sie ihren Typen gemäß ordentlich besetzt und für Knightley, die etwas gegen den Strich daher kommt, war die Rolle der Domino wohl in gewisser Weise sogar befreiend und ein Hilfsmittel, um gegen ihr Mädchen-Image anzuspielen. Der Zuschauer wird sich daran kaum erfreuen können, so wenig Aufmerksamkeit widmet Scott seiner Hauptdarstellerin – genau so wenig wie allen anderen Figuren. Die Aufgabe der Darsteller ist es lediglich, einen gewissen Ausdruck pro Schnitt stylisch vorzutragen. Mehr Zeit nimmt Scott sich nicht, sondern rast weiter mit Vollgas durch seinen punkigen Fiebertraum.

    Genauso wenig wie seinen Darstellern schien der Macher seinem Autor Kelly vertraut zu haben, denn von der Story, die irgendwo im Hintergrund „passiert“, bekommt der Zuschauer dank Scotts Regieexzentrik nicht viel mit. Wenn die Domino-Erzählerin aus dem Off in einer frühen Szene sagt, dass man sich vielleicht wundert, was ein Mädchen wie sie im tiefsten Nevada in einem blutbespritzten Wohnmobil mit einem Einarmigen macht, denkt der Zuschauer bestimmt nicht das Intendierte, sondern eher: Eigentlich wundert mich überhaupt nichts mehr. Schlecht, wenn den Zuschauer so schnell nichts mehr verwundert, wo es sich doch angeblich um eine mehr oder weniger authentische Begebenheit handelt; schlecht, wenn ihm schon zu Anfang das Interesse an der Geschichte und an den Figuren ausgetrieben wurde. Und schlecht, wenn das schon in der ersten viertel Stunde passiert, und man noch über hundert Minuten vor sich hat.

    Schlecht, aber auch irgendwie faszinierend wie schnell Tony Scott es mit „Domino“ geschafft hat, einen großen Teil des Publikums zu verärgern. Ein Blick auf die internationalen Kritiken und einer auf die US-Einspielergebnisse von knapp 10 Millionen Dollar (bei Produktionskosten von 50 Millionen Dollar!) sprechen jedenfalls für sich. Da hilft es auch nichts, dass „Domino“ à la Oliver Stones „Natural Born Killers“ noch einen medienkritischen Subplot aufweist (zeitweise wird die Gruppe der Kopfgeldjäger von einem Kamerateam begleitet, einmal gibt es eine längere Jerry-Springer-Sequenz). Ebenso wenig helfen die an sich coolen Figuren und ihre coolen Sprüche. Zwecklos auch das gute Quäntchen Humor (das der Film durchaus besitzt, z. B. spielen „Beverly Hills 90210“-Stars Ian Ziering und Brian Austin Green mit und zwar sich selbst). – Es ist sehr einfach nachvollziehbar, dass „Domino“ durch seinen Stil, der alles übertüncht, was interessant sein könnte, bei den meisten Zuschauern schon ab den ersten paar Minuten Reaktanz-Gefühle ausgelöst hat und die Kinokassen in den USA deshalb leer blieben.

    „Form follows function“, sagte Louis Sullivan mal so schön, doch von dieser sinnvollen Maxime ist in „Domino“ leider nicht viel zu spüren. In keinem Zusammenhang scheint die überbordende, farbschwangere Hektik des Films mit der wahren Geschichte von Domino Harvey zu stehen, noch erweist sie sich als treffendes Mittel, einen guten Actionfilm oder Thriller zu unterstützen. Vielleicht soll dieser visuelle Stress-Rausch ein Verweis auf die Drogensucht der wahren Domino Harvey sein (der sie am 27. Juni 2005 im Alter von 35 Jahren tatsächlich zum Opfer fiel). Unwahrscheinlich, denn Scotts Film thematisiert diesen Aspekt ihres Lebens – wie so viele andere auch – überhaupt nicht. Summa summarum ist „Domino“ trotz seiner teilweise außergewöhnlichen Optik und dem hervorragenden Ensemble sowie vieler guter Ideen am ehesten als „anstrengend“ zu beurteilen. Somit ist er nur Filmfreunden zu empfehlen, die sich an visuell kohärenten Oberflächen erfreuen können.
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