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    Der Mann, der Liberty Valance erschoss
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Der Mann, der Liberty Valance erschoss
    Von René Malgo
    Mit „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ gelang Genreveteran und Regiealtmeister John Ford (Der schwarze Falke, Trommeln am Mohawk) ein beispielloser Western und eines der ganz großen Meisterwerke Hollywoods.

    Anwalt Ransom Stoddard (James Stewart) wird auf seiner Reise in das Städtchen Shinbone von dem berüchtigten Liberty Valance (Lee Marvin) überfallen. Der hart gesottene Cowboy Tom Doniphon (John Wayne) findet ihn und bringt Stoddard beim Ehepaar Ericson unter. Dort hilft der ausgeraubte Anwalt im Restaurant aus, um finanziell wieder auf die Beine zu kommen. Die hübsche Hallie (Vera Miles), die im Restaurant bedient, verliebt sich in ihn, doch Doniphon hatte geplant, sie zu heiraten. Als Liberty Valance in der Stadt auftaucht, scheint eine Konfrontation mit dem friedfertigen Ransom Stoddard unausweichlich…

    Wann ist ein Genrebeitrag nun Western und wann ein Spätwestern? Es heißt, „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ sei der erste Spätwestern. Ganz im Sinne von Werken wie Spiel mir das Lied vom Tod, The Wild Bunch oder Erbarmungslos ist der Film eine kritische Abrechnung mit dem Wild-West-Mythos. Mit der von James Stewart gespielten Figur des idealistischen Rechtsanwalts kommt einer in die von Schießeisen beherrschten Welt des Wilden Westens um Fortschritt und das Recht des Gesetzes und nicht der Waffe zu bringen. Dabei versucht John Ford nicht, den Wilden Westen gänzlich zu entmystifizieren. Sein Rückblick ist sentimental und nostalgisch gehalten. Der harte Held und Gunman, natürlich von keinem Geringeren dargestellt als John Wayne, wird nicht demontiert. „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ zeigt lediglich auf, dass die wilden Zeiten vorbei sind; dass nunmehr die Zeit der Zivilisation anfängt. Das Westerndrama nimmt sich vieler Themen an, erzählt von Freiheit, Recht und Ordnung, Politik, Gewalt und Presse(freiheit). Die Grundtonart ist kritisch, angereichert aber mit einem guten Schuss Melancholie.

    Es beginnt in Shinbone. Der Wilde Westen ist bereits erschlossen, das Städtchen steht im Zeichen des Fortschritts und der Moderne. Der Senator Ransom Stoddard (James Stewart) und seine Frau Hallie (Vera Miles) kommen in die Stadt, um einen alten Freund zu beerdigen: Tom Doniphon. Am Anfang weiß der Betrachter nicht so recht, was los ist. Die Stimmung wirkt traurig, fast sentimental und sehr emotional. Diese wird von Kameramann William H. Clothier in atmosphärischen Schwarz-Weiß-Bildern festgehalten. Der Zuschauer kann sich auf einen traurigen Western einstellen. Die stimmigen Bilder und ausgezeichneten Darstellerleistungen sorgen auch gleich dafür, dass das Publikum – ohne genau den Grund zu wissen – von der bekümmerten Stimmung erfasst wird. Besser kann ein Film kaum eingeleitet werden. So nämlich hat „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ nunmehr die volle, ja emotionale Aufmerksamkeit des Zuschauers. Einigen fragenden Journalisten und dem Publikum beginnt Senator Stoddard schließlich zu erzählen, was Sache ist.

    Es wird zurückgeblickt auf Shinbone, als die Zivilisation noch keinen Einzug erhalten hatte. Als junger Anwalt kommt Stoddard in die Stadt und wird gleich mal von Liberty Valance (Lee Marvin) überfallen. Dieses Geschehen ist der Auslöser von der Legende über den Mann, der diesen berüchtigten Liberty Valance erschossen hat. Stoddard will den Gauner verhaften lassen, doch der Sheriff (Andy Devine) fürchtet sich vor ihm und Doniphon (John Wayne) ist davon überzeugt, dass nur die Waffe den Desperado aufhält. John Ford erzählt die Geschichte mit einem fast dokumentarischen Ansatz, gebannt aber in stimmige, poetische Bilder. „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ ist kein Actionwestern, sondern vielmehr ein Drama. Es wird sehr viel geredet im Film. Den Drehbuchautoren James Warner Bellah, Willis Goldbeck und Dororthy M. Johnson ist es hoch anzurechnen, dass der Western trotz zahlreicher, langer Dialogpassagen nie geschwätzig oder gar langweilig wirkt.

    In „Der Mann der Liberty Valance erschoss“ stehen sich zum ersten Mal die beiden Genregiganten gegenüber: John Wayne und James Stewart. Beide sind mit zahlreichen Western bekannt geworden, während sich aber Stewart auch in anderen Genres hat etablieren können. Beide spielen die Rolle, die der Zuschauer von ihnen erwartet und füllen diese glaubhaft aus. Zwischen ihnen steht die hübsche Vera Miles. Sie wird zur Herzensdame beider, doch obwohl sie den von Wayne dargestellten Charakter wesentlich länger kennt, verliebt sie sich in die Figur des James Stewart, einem fortschrittlich denkenden Pazifisten. Auch sie zeigt eine exzellente Leistung, gleich wie Andy Devine als feiger, aber sympathischer Dorfmarshal. Lee Marvin mimt den Bad Guy mit viel Leidenschaft und verleiht seinem weniger stark ausgearbeiteten Charakter mehr Tiefe. Im Übrigen profitiert der Film von sorgfältigen Charakterisierungen und sehr fähigen Darstellern.

    Die Geschichte ist schicksalhaft, sie wird schwermütig erzählt und der Zuschauer darf sich auf einige Emotionen einstellen. Aber „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ ist auch spannend und nicht zuletzt, wie so oft bei Ford, ziemlich humoristisch. Der Wortwitz überzeugt und die exzellente Regiefertigkeit des Regisseurs hält die Spannung und damit das Interesse des Publikums bis zuletzt aufrecht. Weil der Western mit einem Rückblick beginnt, weiß der Zuschauer schon genau, wie die Geschichte ausgehen wird. Trotzdem, dank geschickter dramaturgischer Kniffe fesselt das Westerndrama und kann auch jene überzeugen, die mit dem Genre allgemein hin nicht allzu viel anfangen mögen.

    „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ ist ein sehr schöner Film; ein trauriger, anspruchsvoller Abgesang auf den Wilden Westen, inszenatorisch auf allerhöchstem Niveau und darstellerisch bemerkenswert. Westernfans kommen ohnehin auf ihre Kosten, doch auch Genregegner sollten gerade bei diesem Film mal einen Blick wagen.
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