H wie Habicht
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
H wie Habicht

"The Crown"-Star Claire Foy hat einen Vogel

Von Oliver Kube

H wie Habicht“ basiert auf den mehrfach preisgekrönten Erinnerungen (hier bei Amazon*) der englischen Universitätsprofessorin Helen Macdonald. Regisseurin Philippa Lowthorpe („Die Misswahl“) hat die literarische Vorlage nun zu einer ebenso außergewöhnlichen wie authentischen Betrachtung von Trauerarbeit und Selbsttherapie verarbeitet. Trotz des schweren Themas hat „H wie Habicht“ auch einen beachtlichen Unterhaltungswert – dank gelegentlicher Schmunzelmomente, stimmungsvoller Landschaftsaufnahmen und eines der wohl originellsten Unterstützungstiere der Kinohistorie. Los geht’s im Jahr 2007: Helen Macdonald (Claire Foy) ist Dozentin an der Eliteuniversität Cambridge. Mit Liebesbeziehungen hatte sie bisher nicht viel Erfolg. Trotzdem ist sie nicht unglücklich, schließlich hat sie ihren Bruder James (Josh Dylan) samt dessen kleiner Familie.

Obendrein verbindet sie ein besonders inniges Verhältnis mit ihrem Vater, dem Fotojournalisten Alisdair (Brendan Gleeson). Als dieser jedoch unerwartet stirbt, bricht Helens eben noch so geregelte Welt in sich zusammen. Sie zieht sich als Reaktion nahezu komplett aus ihrem sozialen Umfeld zurück. Um wieder auf die Beine zu kommen, sucht Helen eine Aufgabe: Inspiriert von ihrer Kindheitsfaszination für die Falknerei setzt sie sich in den Kopf, einen Habicht zu zähmen und zu trainieren – also einen der notorisch eigenwilligsten Raubvögel, die die Natur zu bieten hat. Von einem befreundeten Händler (Sam Spruell) erwirbt sie ein solches Tier, bringt es heim und nennt es Mabel. Schnell wird die Arbeit mit dem Vogel zu weit mehr als einem Hobby. Auch um ihr eigenes inneres Chaos zu bewältigen, muss sie sich der scheinbar nicht zu zügelnden Wildheit Mabels frontal stellen …

Helen Macdonald (Claire Foy) findet erst durch ihren Habicht langsam wieder zurück ins Leben. DCM Filmdistriubtion
Helen Macdonald (Claire Foy) findet erst durch ihren Habicht langsam wieder zurück ins Leben.

Liebhaber*innen der rauen, hier oft in goldschimmerndem Licht präsentierten Natur Ostenglands kommen bei „H wie Habicht“ ebenso auf ihre Kosten wie Fans von Claire Foy. Die als junge Queen Elizabeth II. in der Netflix-Hitserie „The Crown“ weltbekannt gewordene Schauspielerin macht hier nicht nur beim verzweifelten Stapfen durch die wunderschönen Felder und Moore eine überzeugende Figur. Sie ist auch im Umgang mit dem erst majestätisch durch die Lüfte segelnden und dann plötzlich völlig unberechenbaren Vogel jederzeit glaubhaft – trotz messerscharfer Krallen und ebenso mächtigen Schnabels. Für einige leichtere Momente sorgt Foys sehr natürliches Zusammenspiel mit „Star Wars: Andor“-Antagonistin Denise Gough, die als beste Freundin Christina auf pfiffige Weise versucht, Helens voranschreitender Verlotterung Einhalt zu gebieten.

Als weiterer zentraler Trumpf stellt sich schnell „Brügge sehen… und sterben?“Veteran Brendan Gleeson heraus. Der charismatische Ire ist bei seinen Auftritten immer mindestens gut, meist sogar exzellent. Trotzdem ist es überraschend und absolut erstaunlich, wie viel Wärme, Güte, Humor, aber auch Intelligenz und Entschlossenheit Gleeson im Laufe seiner diesmal vergleichsweise kurzen Screentime ausstrahlt. So ist es kein Wunder, dass die in Form von Flashbacks präsentierten Erinnerungen der Protagonistin an ihren Dad das emotionale Herzstück des Dramas bilden.

Aus Schmerz wird Teamwork

Helen hat eine Menge Schmerz zu bewältigen. Dennoch gleiten weder das Drehbuch noch Claire Foys präzise Darstellung in Richtung plumper Melancholie ab. Die Hauptfigur mag einige wenig durchdachte Entscheidungen treffen – etwa, wenn sie einen verdatterten One-Night-Stand (Arty Froushan) spontan fragt, ob dieser mit ihr nach Berlin umzieht, wo ihr eine Stelle angeboten worden ist. Trotzdem wirkt sie selbst in diesen Momenten immer würdevoll und nicht bemitleidenswert oder gar lächerlich.

So drücken wir Helen trotz ihrer verschlossenen, latent selbstzerstörerischen und teilweise arg schroffen Art immer die Daumen auf ihrer Reise raus aus der gedanklichen Dunkelheit. Dieser innere Kampf wird durch das äußere Ringen mit dem widerspenstigen Vogel gespiegelt – wobei gerade diese Szenen trotz der physischen Anstrengung und der präsenten Gefahr immer auch etwas Rührendes an sich haben. Das geht sogar zunehmend in Richtung Erhabenheit, je mehr die beiden so leidenschaftlich unabhängigen Charaktere beginnen, zu einem Team zu verschmelzen.

Helens Bekannter Stuart (Sam Spruell) ist erst einmal skeptisch, ob das mit ihr und dem Habicht wirklich eine so gute Idee ist. DCM Filmdistriubtion
Helens Bekannter Stuart (Sam Spruell) ist erst einmal skeptisch, ob das mit ihr und dem Habicht wirklich eine so gute Idee ist.

Wer ein klassisches Hollywood-Finale erwartet, bei dem mit dem Abspann wieder alles wunderbar ist, befindet sich hier dennoch im falschen Film. „H wie Habicht“ deutet zwar ein Licht am Ende von Helens mentalem Tunnel an. Doch dieses ist mit den ersten über die Leinwand flimmernden Crew-Namen noch längst nicht erreicht. Philippa Lowthorpe fokussiert sich konsequent darauf, schonungslos realistisch und gerade deshalb so enorm befriedigend zu zeigen, wie ein einschneidender Verlust einen Menschen und seine Welt verändern kann und wie jede*r von uns einen eigenen Weg finden muss, mit solchen Erlebnissen umzugehen.

Fazit: Claire Foy ist großartig als emotional aus der Bahn geworfene Professorin. Die wunderbar raue Natur Ostenglands und ein mehr als eigenwilliger Raubvogel helfen ihr dabei, uns schnell in die wahre (!) Geschichte dieser außergewöhnlichen Frau hineinzuziehen.

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