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    Z - Anatomie eines politischen Mordes
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    5,0
    Meisterwerk
    Z - Anatomie eines politischen Mordes
    Von Robert Cherkowski
    Das Politkino der Gegenwart ähnelt in seiner Harmlosigkeit ein wenig einem Abend beim politischen Kabarett, bei dem sich ein schein-engagiertes Publikum von stilistisch eloquenten Conférenciers noch einmal die Meinung bestätigen lässt, die es ohnehin schon hatte. Dass es auch ganz anders, bissig, intelligent, unversöhnlich und formal wagemutiger geht, wird klar, wenn man sich mit dem Werk des legendären Regisseurs Costa-Gavras beschäftigt, dessen Meisterwerk „Z" bis heute unerreicht ist im Olymp des Politthrillers. Mit aggressiver Dringlichkeit, klarer Rhetorik und enormer filmischer Intelligenz widmete er sich 1969 anhand des mutmaßlichen Mordes am Oppositionspolitiker Grigoris Lambrakis den Verbrechen der heraufziehenden griechischen Militärdiktatur. Dabei schleuderte er seinem Publikum einen wütenden Film entgegen, der sich noch heute wie eine Ohrfeige anfühlt; der verarbeitet und besprochen werden will.

    „Übereinstimmung mit Personen und wahren Ereignissen ist gewollt" heißt es im Vorspann, und auch wenn die Handlung in einer namentlich nicht genannten Republik stattfindet, so ist doch eindeutig klar, dass hier das Griechenland kurz vor Beginn der Militärdiktatur gemeint ist. Als ein hochrangiger und im Volk ebenso wie bei den Intellektuellen und Studenten beliebter linksliberaler Politiker (Yves Montand) als Redner erwartet wird, tut die amtierende Militärregierung alles, um seinen Auftritt zu verhindern. Nachdem erst ein Veranstaltungsort nach dem anderen gesperrt wird, greift man zum letzten Mittel und lässt ihn von einer Gruppe rechtsnationaler Krimineller niederschlagen. Auf dem Weg zum Krankenhaus wird die Route immer wieder blockiert, so dass er schließlich seinen Verletzungen erliegt. Während sich die offizielle Justiz bemüht, den Anschlag zu verschleiern, gelingt es dem unparteiischen Ermittlungsrichter (Jean-Louis Trintignant) dennoch, ein Komplott aufzudecken, das bis in die Spitzen des Regierungsapparates reicht. Als er dem Feuer jedoch zu nahe kommt, lassen die Henker der Macht ihre Muskeln spielen.

    Costa-Gavras lässt keine Zweifel, wo seine Sympathien liegen. Dies macht schon ein sehr bissiger Prolog deutlich, in dem eine verschworene Gemeinschaft militärisch hochdekorierter Würdenträger die freiheitlichen Bestrebungen der Studenten und linken Aktivisten als Krankheit denunziert – als Krankheit, deren Behandlung auch die Zusammenarbeit mit den „verkommenen" Subjekten der Gesellschaft rechtfertige. Im weiteren Verlauf findet Costa-Gavras jedoch sehr viel subtilere Wege, um das politische Klima und die Darstellung ideologischer Grabenkämpfe in intelligente Sinnbilder zu fassen. Das von Yves Montand („Vier im roten Kreis", „Lohn der Angst") mit monolithischer Größe dargestellte Alter Ego von Lambrakis mag ganz klar eine Lichtgestalt sein, doch machen kurze, an Jean-Luc Godard gemahnende Stream-of-consciousness-Einschübe klar, dass es auch in seinem Leben Schattenseiten und Schwächen gibt. Und auch die Gegenseite ist alles andere als eine mythisch-überhöhte dunkle Seite der Macht: Die Handlanger der Junta sind hier vom General bis zum Mann fürs Grobe eher tölpelhafte Trottel.

    So mutig und direkt Costa-Gavras bei der Zeichnung der politischen Landkarte vorgeht, so künstlerisch gewagt ist der Aufbau von „Z". Zunächst geht es vor allem um die Ankunft Montands und um die Ressentiments und die Stolpersteine, die ihm von Seiten der Obrigkeit in den Weg geworfen werden, in diesen Szenen knüpft der Filmemacher ein dichtes Netz der Bedrohung und schafft eine Atmosphäre von stetig wachsender Beklemmung – bis zum Totschlag des Oppositionellen. Der dann folgende Stilbruch könnte kaum auffälliger sein, wenn die bis dahin eingeschlagene, zwischen pseudo-dokumentarischer Nüchternheit und Nouvelle-Vague-Assoziation pendelnde Erzählweise plötzlich einer scheinbar geradlinigen Krimi-Dramaturgie weicht. Ein wahrlich schockierender und in seiner provozierenden Wucht noch heute sprachlos machender Epilog durchbricht schließlich die vierte Wand und lässt „Z" (dessen Titel erst im letzten Satz des Films erklärt wird) als zorniges Thesenstück über die Arroganz und Kaltblütigkeit der Macht ausklingen.

    Bei allem Engagement ist „Z" jedoch auch ein höchst ansprechender und spannender Thriller, der schon aufgrund seiner energetischen Machart zu begeistern weiß. Costa-Gavras' Meisterwerk begeistert mit assoziativen Schnittfolgen, dynamischer Inszenierung und einer stilsicheren Kreuzung des Doku-Gestus' eines Gillo Pontecorvo („Schlacht um Algier") mit der erzählerischen Avantgarde der Nouvelle Vague, der Costa-Gavras auf der Suche nach einer neuen, schnellen und unverbrauchten Filmsprache nacheiferte. All diese Einflüsse verband der griechische Regisseur zu einem einzigartigen eigenen Stil heraus. Herausragend sind etwa die Szenen, in denen er die gespenstische Stille und die Anspannung vor dem Attentat einfängt. Hier saugt er sein Publikum förmlich direkt ins Geschehen und zwingt es, Logenplätze beim Verbrechen einzunehmen. Die Angst, Paranoia und Machtlosigkeit der historischen Situation sind so präzise und wirkungsmächtig eingefangen, dass man sie nicht vergessen kann.

    Fazit: Ob als kämpferisches Pamphlet oder schlicht ungemein mitreißende Filmerfahrung: Costa-Gavras' Klassiker des aufpeitschenden Politkinos besticht durch seine Klarheit, seinen Zorn und seine künstlerische Präzision. „Z" ist in jeder Hinsicht ein Meisterwerk.
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