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    Der große Coup
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Der große Coup
    Von Björn Becher
    Es ist ein altbekanntes Szenario: Der Held bekommt das Geld der falschen Leute in die Finger und hat bald nicht nur die Polizei, sondern auch einen unerbittlichen Gangster auf den Fersen. Was den Coen-Brüdern mit No Country For Old Men 2008 acht Oscarnominierungen bescherte, machte auch schon Genreregisseur Don Siegel zum Mittelpunkt einer wunderbar ruhig erzählten Geschichte mit Actioneinschüben und Spannungsspitzen in genau den richtigen Momenten. Das Ergebnis heißt „Charley Varrick“, bzw. hierzulande „Der große Coup“.

    Ein perfekt durchgeplanter Banküberfall soll Ex-Kunstflieger Charley Varrick (Walter Matthau), seiner Frau Nadine (Jacqueline Scott, Duell) und zwei Komplizen ein paar Tausend Dollar einbringen. Doch zwei überaufmerksame Polizisten lassen aus dem Bankraub eine blutige Schießerei werden, die auf der Flucht sogar Nadine das Leben kostet. Nur Charley und Harman Sullivan (Andrew Robinson, der „Scorpio Killer“ aus Dirty Harry) schaffen es mit der Beute zurück ins Versteck. Dort erwartet sie die nächste Überraschung: Statt ein paar Tausend haben sie 765.118 Dollar eingesackt. Charley wird es schlagartig klar: Die beschauliche Bank in der Kleinstadt dient der Mafia zur Geldwäsche und die wird nicht mit sich spaßen lassen. So haben die beiden Gauner bald nicht nur die Cops, sondern auch den unerbittlichen Killer Molly (Joe Don Baker) auf ihren Fersen.

    Kaum ein Regisseur dürfte so beeindruckend in sein Fach gestartet sein wie Don Siegel. Was die wenigsten wissen, ist, dass er mit einem doppelten Oscartriumph seine Regiekarriere in Gang brachte. Nachdem er jahrelang in verschiedenen Funktionen bei Warner tätig war (u.a. Dreh von Stock Footage und Second-Unit-Arbeit), gelang es ihm 1945 sich endlich durchzusetzen und selbst Regie zu führen. Das Ergebnis waren die beiden Kurzfilme „Star In The Night“ und „Hitler Lives!“, mit denen er das Kunststück vollbrachte, bei den Oscars 1946 doppelt zu triumphieren. Da man im eigenen Haus immer wenig zählt, verließ Siegel kurze Zeit später Warner, um erst für RKO und später unabhängig Filme zu drehen. Mit trotz niedrigem Budget beeindruckenden Werken wie „Private Hell 36“, „Riot In Cell Block 11“ (beide unverständlicherweise noch ohne DVD-Veröffentlichung weltweit) und vor allem „Invasion Of The Body Snatchers“ („Die Dämonischen“) machte er sich einen Namen, doch der Karrierehöhepunkt sollte erst in den Siebzigerjahren kommen. Dirty Harry (1971) ist noch heute der bekannteste Film von Siegel und vor allem wegen Clint Eastwoods Performance als knorriger Cop Kult. Doch direkt danach drehte er einen Film, der sogar noch ein wenig besser ist. Fast zur gleichen Zeit wie sein Schüler Sam Peckinpah nahm sich auch Siegel einen Bankräuberfilm vor die Brust. Im Gegensatz zu Peckinpahs Getaway blieb Siegels „Der große Coup“ zwar ein solcher an den Kinokassen versagt, dies hat aber weniger qualitative Gründe. Aufgrund des skeptischen Stars Walther Matthau, der von Beginn an nicht ganz glücklich mit dem Drehbuch war und dies in Interviews auch frei äußerte, schickte Universal den Film mit deutlich zu wenig Support in die Kinos. So dürften ihn auch ältere Fans erst Jahre später entdeckt haben.

    Zwei Highlightmomente von „Der große Coup“ sind legendäre Verfolgungsjagden zu Beginn und Ende des Films. Anfangs sind die Bankräuber um Varrick auf der Flucht vor dem Sheriff und es kommt zu zwei Karambolagen, in denen ihr Fluchtauto ganz schön mitgenommen wird. Eine amüsante Anekdote zu den Dreharbeiten: Diese beiden Crashs standen anders im Drehbuch. Siegel hatte aber aufgrund der Kostenintensität und da die Autos danach Schrott waren, nur einen Take zur Verfügung. Statt der Motorhaube des Polizeiwagens sprang bei dieser Aufnahme die des Fluchtfahrzeugs beim Zusammenprall auf. Die Bankräuber konnten nun nichts mehr sehen, was eine Flucht eigentlich unmöglich macht. Geschickt wurde die Szene umgeschrieben und eine alternative Lösung erdacht. Mittlerweile gehört der Crash mit der offenen Motorhaube zu den prägendsten Szenen des Films. Das Finale ist natürlich ein einzige großartige Reminiszenz an Alfred Hitchcocks Der unsichtbare Dritte und die legendäre Flucht von Cary Grant vor dem Sprühflugzeug - hier nur mit leicht vertauschten Rollen. Diese beiden Verfolgungsjagden sind zwei exemplarische Prunkstücke von Siegels spannendem Thriller.

    „Der große Coup“ funktioniert allerdings auch jenseits der beiden Actionszenen. Wie Charley Varrick bei allen Widrigkeiten cool bleibt und stur an seinem Plan festhält, aus dem Schlamassel wieder herauszukommen, ist ein einziger großartiger Genuss. Es erscheint verständlich, dass Matthau Probleme mit dem Charakter hatte, der nach seiner Ansicht nicht normal handelt. Er ist einfach nicht normal. Er geht über den Verlust seiner Frau hinweg, er ignoriert die Tiefschläge und sucht nach Lösungen. Er versteckt sich nicht, sondern wählt den riskanten Weg, weil er weiß, nur so der Mafia von der Schippe springen zu können. Das ist unorthodox und es gibt sicher auch Zuschauer, die Varricks Handeln an einigen Punkten kritisch hinterfragen werden, aber das Wichtigste: Es ist insgesamt plausibel und vorstellbar und Varrick eine richtig coole Sau obendrein.

    Walter Matthau ist zum Glück Profi genug gewesen, dass man seine persönlichen Ressentiments gegen die Rolle nicht in seinem Spiel wieder findet. Stattdessen gelingt dem Komödiendarsteller hier ein wunderbarer Wechsel ins Thrillerfach, in dem er mehrere Jahre nicht mehr tätig war. Diesen Weg ging er übrigens danach mit Produktionen wie „Massenmord in San Francisco“, „Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123“ und „Erdbeben“ (hier allerdings in einer humorigen Rolle) weiter. Matthau ragt als zentrale Figur klar aus dem Film heraus. Nicht unerwähnt dürfen aber John Vernon (Point Blank, Der Texaner) als Mafiabankier und Joe Don Baker („Junior Bonner“, Kap der Angst) als brutaler Killer bleiben. Sie tragen mit zum Gelingen dieses perfekt durchkomponierten Genrefilms bei. Ein Thriller, wie er heute viel zu selten noch gemacht wird und Pflichtprogramm für Cineasten.

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