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    Roll bounce
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Roll bounce
    Von Christoph Petersen
    Die Coming-Of-Age-Komödie „Roll Bounce“ könnte man als eine Mischung aus „Nur Samstag Nacht“ auf Rollen und „Stand By Me“ in schwarz bezeichnen. Regisseur Malcom D. Lee („Undercover Brother“) hat seine sozial engagierte, aber zugleich unterhaltsame und emotionale Geschichte um eine pubertierende Rollschuh-Clique Mitte der 70er Jahre, auf dem Höhepunkt der Disco-Ära, angesiedelt. Hier werden zu den Klängen von „Earth, Wind and Fire“ oder Beyoncé im glitzernden Licht der Discokugel die abgefahrensten Moves präsentiert und nebenbei soziale Wirklichkeiten auf herrlich ironische Weise karikiert.

    Xavier Smith (Bow Wow, „Familie Johnson geht auf Reisen“) lebt zusammen mit seinem allein erziehenden Vater Curtis (Chi McBride, Terminal, Annapolis) im Süden Chicagos. Hier ist er der absolute Rollschuhgott seiner Clique (u. a. Khleo Thomas, Walking Tall und Rick Gonzalez, Old School). Doch die lokale Rollschuhbahn wird geschlossen, die Jungs müssen in den Norden, auf die Sweetwater Roller Rink, ausweichen. Im reicheren Norden sind sie mit ihren kurz vor dem Auseinanderfallen stehenden Rollschuhen mehr als „out“ und gegen Sweetness (Wesley Jonathan), den coolsten und bestaussehendsten Skater Sweetwaters, scheint auch kein Ankommen. Da kommt der große Rollschuh-Tanzwettbewerb mit einem Preisgeld von 500 Dollar, mit denen sich so manches Problem lösen ließe, gerade recht, um das angeknackste Selbstbewusstsein wieder aufzurichten…

    In der Geschichte Hollywoods gab es bisher zwei große Wellen des Black-Exploitation-Cinema. Zum einen in der ersten Hälfte der 70er Jahre, wo sich Pam Grier als „Foxy Brown“ oder Richard Roundtree als „Shaft“ in kruder, aber unterhaltsamer Weise den Weg frei schossen. Ein zweiter Anlauf wurde zwanzig Jahre später mit Gangsterfilmen wie New Jack City und „Ricochet“ gestartet. Aber all diese Filme haben gemein, dass sie die typischen Klischees, von der Kriminalität bis hin zum Slang, bedienen mussten, weil sie auch auf das Geld des weißen Kinobesuchers angewiesen waren und ihn nicht abschrecken durften. Nun schwabbt seit etwa drei Jahren eine neue Welle schwarzen Kinos über Amerika herein, aber die Vorzeichen haben sich verkehrt. Die Kinobesitzer haben das finanzielle Potential der farbigen Bevölkerung erkannt und in vielen überwiegend schwarzen Vierteln Multiplexe errichtet. So ist es nun wirtschaftlich möglich, Black Cinema ohne Rücksicht auf die Weißen zu produzieren. Das Ergebnis sind zum großen Teil Filme, die sich auf ernsthafte, kritische, aber vor allem auch unterhaltsame Weise mit der eigenen Kultur und der Stellung der Farbigen in Amerika beschäftigen.

    Gelungene Vertreter dieser Bewegung sind zahlreich, wenn es auch nur wenige in die deutschen Kinos schaffen. Bei einem Einspiel von 75 Mio Dollar für „Barbershop“ in den USA und unter 1.000 Besuchern in Deutschland kann dieser Umstand auch nicht weiter verwundern. Aber es gilt wirklich gute Filme in diesem im Allgemeinen unterschätzten Genre zu entdecken. So demonstriert Kevin Rodney Sullivan mit „Barbershop 2“ auf wunderbar ironische Weise den Zusammenhalt eines eingeschworenen Viertels gegen die Kapitalisierung der menschennahen Familienbetriebe durch Großunternehmen. Mit Drumline zeigt Charles Stone III, dass man auch als Schwarzer im modernen Amerika Erfolg haben kann. Übt aber gleichzeitig auch bissige Kritik an seinem jungen Protagonisten Devon, der die Vorurteile der anderen als Ausrede für sein eigenes Scheitern ausnutzt und sich so selbst weitere Steine in den Weg legt. Auch „Roll Bounce“ ist ein Vertreter dieses sehr moralischen Genres und wahrlich kein schlechter.

    Im sozialen Bereich beschäftigt sich „Roll Bounce“ oberflächlich mit dem Verlust von gesellschaftlichen Einrichtungen, hier der Rollschuhbahn, und dem damit verbundenen Identitätsverlustes eines Viertels, bzw. seiner Bewohner. Dieses Thema wird aber viel zu wenig pointiert und bissig behandelt, um ernst genommen zu werden. Viel gelungener sind die kleinen satirischen Spitzen, die Lee in perfekter Dosierung einzustreuen weiß. So bekommt Xaviers Vater Curtis eine Stellung als Putzkraft nicht, weil er als Flugzeugingenieur überqualifiziert ist und den Müllmännern (u. a. Mike Epps, Honeymooners, Guess Who) macht ihr Job doch tatsächlich Spaß. Das sind kleine Klischee-Spielereien, die nicht nur lustig sind, sondern auch Mut machen. Lees Glanzstück ist aber die hoffnungsvolle Zeichnung der Familie Smith. Einen allein erziehenden, schwarzen Vater hat man in Hollywood wahrlich noch nicht oft gesehen und trotz aller Streitereien wegen unausgesprochener Probleme schwingt in der Beziehung von Curtis zu seinem Sohn immer eine unglaubliche Wärme mit. Und wenn Curtis (zum ersten Mal seit dem Tod seiner Frau) und sein Sohn Xavier (zum ersten Mal überhaupt) parallel mehr oder weniger erfolgreiche Flirtversuche unternehmen, zeugt das von einem solchen Verständnis für die verschiedenen Generationen, dass sich zum Lächeln des Zuschauers auch ein wenig Bewunderung gesellt.

    Lee inszeniert seine Familien- und Liebesgeschichten kitschfrei und souverän. Aber richtig geht die Post erst bei den zahllosen Rollschuhtänzen ab. Die funkige Rollartistik zu elektrisierenden Discoklängen im gedämpften Licht erfreut Retrofans genauso wie Soul- und 70s-Anhänger. Und wenn Sweetness auf seinen acht Rollen perfekt frisiert die Bahn betritt, zieht selbst ein Travolta in Sachen Coolness den Kürzeren. Einziges Problem dieser abwechslungsreichen Szenen ist, dass die Sweetwater Rollers selbst bei den Performances um Längen besser als Xavier und seine Jungs aussehen, mit denen sie eigentlich auf der Verliererseite stehen sollen. „Roll Bounce“ ist ein hoch interessanter, sehr unterhaltsamer Film, für den der Zuschauer aber den Willen aufbringen muss, ein wenig tiefer als die glatte Oberfläche zu blicken und sich mit den sozialen Wirklichkeiten hinter den Figuren und ihren Geschichten zu beschäftigen.
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