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    Die zweite Hälfte der Nacht
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Die zweite Hälfte der Nacht
    Von Christoph Petersen
    Davide Ferrarios Liebesdrama „Die zweite Hälfte der Nacht“ könnte man nach seinem Stil zu urteilen, als eine nächtliche, Turiner Variante von Jean-Pierre Jeunets Paris-Hymne Die fabelhafte Welt der Amelie bezeichnen. Aber man fühlt sich nach „Die zweite Hälfte der Nacht“ nicht besser, Ferrarios Regiearbeit ist bei weitem nicht so virtuos wie Jeunets, sondern eher beliebig und die Magie wirkt hier nur aufgesetzt und gewollt, entspringt nicht wie in dem französischen Meisterwerk aus dem Moment. Hinzu kommt ein das Publikum durch den Film führender Off-Kommentar, der nicht spritzig und phantasievoll ist, sondern mit seiner den Zuschauer belehrenden Art und küchenphilosophischen Sprüchen wie „Wenn man es sich genau überlegt, ist die Sportseite doch auch nichts anderes als ein Horoskop“ schnell zu nerven beginnt. Dass der Film dennoch nicht ins bodenlose abstürzt, sondern sich in einem gerade noch erträglichen Rahmen hält, ist alleine den drei Hauptdarstellern zu verdanken, die mit ihrem überzeugenden Spiel der prätentiösen Inszenierung doch den ein oder anderen hoffnungsvoll-romantischen Moment abringen können.

    Die Mole Antonelliana war bei seiner Erbauung im Jahre 1889 das höchste gemauerte Gebäude Europas und ist bis heute eines der bekanntesten Wahrzeichen Turins. Weil die jüdische Gemeinde während der Arbeiten an der ursprünglich als Synagoge geplanten Mole abgesprungen ist, hat Architekt Antonelli sie mit selbst gesammelten Geld fertig gestellt, nur um dann sagen zu können: „Ich habe es geschafft!“. In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts ist schließlich das staatliche Filmmuseum in den Bau mit all seinen spiralförmigen Treppen, den unzähligen Balkonen und der gigantischen Kuppel eingezogen. Der junge, verträumte Stummfilmliebhaber Martino (Giorgio Pasotti) arbeitet hier als Nachtwächter. Die Tage verbringt er in einem der vielen, abseits gelegenen Zimmer der Mole oder beim Drehen mit von ihm selbst reparierten historischen Kameras. Nachts macht er seine Kontrollgänge und schaut sich alte Filme im Kino des Museums an. Eines Abends dringt die schöne Amanda (Francesca Inaudi) auf der Flucht vor der Polizei in Martinos Reich ein. Für einige Tage versteckt er sie, kümmert sich um sie und die beiden verlieben sich sogar. Aber draußen wartet auch noch Amandas Freund, der Autos stehlende Kleinganove Angelo (Fabio Troiano). Als die Luft wieder rein ist, entwickelt sich zwischen den dreien eine Menage á Troi, die trotz selbstzerstörerischer Züge mit einer unerwarteten Leichtigkeit daherkommt…

    Auch wenn die Liebesgeschichte zwischen Martino, Angelo und Amanda lange braucht, um in Gang zu kommen, eigentlich erst so richtig los geht, wenn nach einer knappen Stunde Amanda mit beiden Männern gleichzeitig eine Beziehung führt, funktioniert die Dreiecks-Geschichte zumindest für den kurzen Rest dann doch noch. Auch wenn Martino als verträumter, in sich gekehrter, aber gleichzeitig auch sensibler Außenseiter und Angelo als supercooler, aber beziehungsunfähiger Krimineller lediglich die Genre-Klischees erfüllen, können sie durch das sympathische Spiel der Darsteller zumindest noch ein romantisches Tischfeuerwerk zünden. Aber bei einem knapp 90-minütige Film reicht eine emotional funktionierende halbe Stunde natürlich nicht aus, um den übrigen, nur auf filmische Spielereien setzenden Teil mitzuziehen. Und der übertrieben-melodramatische Schluss tut sein übriges, um die Liebesgeschichte jeglicher Kraft zu berauben.

    Regisseur Davide Ferrario ist ein wahrer Kenner der Filmgeschichte und großer Buster Keaton Fan. Deshalb hat er sich auch das Filmmuseum als Schauplatz ausgewählt und unzählige Stummfilm-Zitate in „Die zweite Hälfte der Nacht“ eingebaut. Die meisten dieser selbstrefferenziellen Szenen bleiben aber einfach im sinnfreien Raum hängen. Wenn etwa Martino nach dem Sehen des Lumiere-Films „L´Arrivée d´un train á la Ciotat“ selbst die Ankunft eines Zuges filmt, versteht man natürlich den Zusammenhang, aber außer dem Wunsch filmhistorische Anspielungen unterzubringen steckt einfach nichts weiter dahinter. Nur genau zwei der Zitate funktionieren auch auf anderen, weniger selbstverliebten Ebenen. Zum einen hat sich Martino praktische Alltagstipps aus einer Buster Keaton Komödie geborgt und so sein Zimmer mit einem ausklappbaren Bett, einem verstecktem Alkoholschrank hinter dem Bücherregal und einem als Kleiderständer verwendbaren Kronleuchter ausgestattet. Zum anderen hat Martino sich des dokumentarischen Stummfilms „Turin at the Turn of the Century“ bedient und Aufnahmen des heutigen Turins so reingeschnitten, dass sie zusammen mit den ursprünglichen Zwischentiteln interessant-kritische Beziehungen eingehen – zum Beispiel sieht man unter dem Titel Die Königinnen des Markplatzes nun farbige Prostituierte.

    Die meisten Bilder fängt Ferrario mit seiner digitalen Kamera ruhig und routiniert ein, aber immer wieder lässt er sich auch auf visuelle Spielereien ein, deren Konzept nur äußerst selten aufgeht. Wenn er nämlich die typische Machart der Stummfilme kopiert, etwa Zwischentitel oder historische Bildformate in seinen Film integriert, wirkt das nur selten stimmig oder passend, meist prätentiös und aufgesetzt. Ähnlich beliebig geht er auch mit der musikalischen Untermalung um, die keiner bestimmten Linie zu folgen scheint, sondern den Zuschauer beim Einsetzen eines neuen Stücks immer wieder aus dem Film reißt. So fügt sich Ferrarios Inszenierungsstil nie zu einem passenden Ganzen, die einzelnen Szenen wirken eher wie unabhängige Fingerübungen, die einfach nicht zusammenkommen wollen. Wenn man in ein Konzert geht, möchte man vom Komponisten auch nicht einfach ein paar Tonleitern heruntergerasselt haben, sondern ein fertiges Stück. Genauso hätte man sich von „Die zweite Hälfte der Nacht“ nicht nur inszenatorische Bruchstücke, sondern einen konzeptionierten Film erwartet
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