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    Der letzte König von Schottland
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Der letzte König von Schottland
    Von Christoph Petersen
    Öl und Terrorismus – es ist kein Wunder, dass die arabische Welt momentan an Platz 1 der Lieblingsschauplätze von Politthrillern steht. Aber auch Afrika, dessen nicht hoch genug einzuschätzendes Konfliktpotential zwar nicht unmittelbar in unserem medialen Sichtfeld liegt, das aber dennoch einen unerschöpflichen Reichtum an politischen und sozialen Abgründen zu bieten hat, hat sich trotz der übermächtigen Konkurrenz in den vergangenen Jahren als Hintergrund ebenso spannender wie kritischer Thriller bewährt. Vor allem Fernando Meirelles mit Der ewige Gärtner und Terry George mit Hotel Ruanda haben dafür gesorgt, dass die Probleme des Schwarzen Kontinents nicht komplett aus dem Themenrepertoire des Populärkinos verschwinden. Nun hat sich auch der ehemalige Dokumentarregisseur Kevin Macdonald für sein Spielfilmdebüt „The Last King Of Scotland“ (dt.: „Der letzte König von Schottland“) ein dunkles Kapitel der jüngeren Geschichte Afrikas, nämlich das Terrorregime von Ugandas Diktator Idi Amin in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, zum Anlass für einen politischen Psychothriller genommen, der zwar ohne Not auf die altbekannte „Weißer Held“-Sichtweise zurückgreift und mit einem Auge stets etwas bemüht in Richtung Oscars starrt, aber Dank subtiler Spannung und hypnotischer Bilder dennoch unter die Haut geht.

    Um seinem vorbestimmten Leben in Schottland zu entfliehen, geht der junge Arzt Nicholas Garrigan (James McAvoy) nach Uganda, wo er in der Mission von Dr. Merrit (Adam Kotz) und seiner Frau Sarah (Gillian Anderson) Arbeit findet. Schon kurze Zeit später wird Idi Amin (Forest Whitaker) durch einen von den Engländern unterstützten Militärputsch zum neuen Präsidenten. Durch Zufall kann Nicholas dem frischgekrönten Staatschef bei einem Unfall behilflich sein. Von der mutigen Art des jungen Schotten, der als einziger nicht vor ihm zu Kreuze kriecht, beeindruckt, will Amin Nicholas unbedingt als seinen Leibarzt engangieren. Von der Macht und der einnehmenden Art des Diktators eingelullt, sagt Nicholas zu. Zunächst erscheint sein neuer Job auch wirklich wie das Paradies auf Erden – riesiges Haus, spritziger Sportwagen und nebenbei leistet man ja auch Uganda noch einen großen Dienst. Doch schnell ziehen die ersten dunklen Wolken auf. Nach einem missglückten Anschlag auf Amin wird dieser immer paranoider und lässt Feind und Freund in seinem Wahn gleichermaßen hinrichten, vor allem auf dem Land kommt es zu Massenabschlachtungen von gewaltigen Ausmaßen. Und auch für Nicholas, der eine von Amins Frauen (Kerry Washington, Little Man) geschwängert hat, wird die Situation langsam brenzlig…

    Hotel Ruanda hat es vorgemacht – man kann eine schwarzafrikanische Geschichte auch für ein westliches Publikum durchaus aus der Sicht eines Schwarzafrikaners erzählen. Macdonald (Sturz ins Leere) geht mit „The Last King Of Scotland“ hingegen doch einmal mehr den einfachen Weg. Indem er dem Zuschauer die Figur des afrikaunerfahrenen Nicholas, die übrigens komplett fiktional ist und keinerlei historische Entsprechung hat, als Identifikationsfigur mit an die Hand gibt, bleibt diesem jede anstrengende Neuorientierung erspart – genau wie Nicholas wird auch dem Publikum alles Unbekannte erst einmal brav vorgestellt. Auch wird Amins paranoider Wahn nicht etwa dadurch belegt, dass er sein eigenes Volk abschlachtet, sondern dass er Nicholas auf grausame Weise foltert. So läuft der Film im Endeffekt doch wieder auf die altbekannte „Weißer als Held“-Dramaturgie hinaus. Das hört sich jetzt aber wahrscheinlich weitaus schlimmer an, als es in Wirklichkeit ist – Macdonalds Thriller ist ein guter Film, eine ebenso spannende wie intelligente Parabel über den unwiderstehlichen Einfluss von Macht. Nur ist es so halt eine universelle und keine afrikanische Geschichte geworden, für die Amin nur als eigentlich beliebig austauschbare Machtfigur dient.

    Für die Inszenierung zahlt sich die Hauptfigur Nicholas hingegen voll aus. Genauso wie sich Nicholas´ Blick auf Afrika von der hellen Touristenperspektive hin zum Erkennen der dunkelsten Abgründe wandelt, beschreiten auch die eindringlichen Aufnahmen von Kameramann Anthony Dod Mantle (Dogville, 28 Days Later) einen ähnlichen Pfad. Zunächst erinnern die sonnigen Panoramen und die vergnügt Fußball spielenden Kinder noch an ein Werbevideo des ugandischen Tourismusbüros, im Verlauf des Films werden diese dann jedoch parallel zu Nicholas´ Erkenntnis stetig düsterer. Höhepunkt der Inszenierung ist eine ausschweifende „Sex, Drugs & Rock ´n´ Roll“-Party, die Mantle mit hypnotisch-surrealen Bildern porträtiert, die den Wahnsinn und die Ausweglosigkeit der ganzen Situation perfekt widerspiegeln. Wirkungsvoller kann man die oberflächlichen Urlaubsträume eines westlichen Publikums kaum aufbrechen.

    Um eine Oscarnominierung wird die Academy wohl kaum herumkommen – Forest Whitakers (Panic Room, Platoon) Verkörperung des größenwahnsinnigen Diktators Amin ist im Vergleich wohl noch höher einzuschätzen als Bruno Ganzs Hitler-Darstellung in Hirschbiegels Der Untergang. Im Gegensatz zu Ganz, der Sprache, Ausdruck und Gestik Hitlers „nur“ perfekt imitierte, entwickelt Whitaker trotz Beachtung der eingängigen Charakteristika vor allem in den intimen Szenen auch eine ganz eigene Figur. Von seinen mitreißenden, massenhypnotisierenden Reden in der Öffentlichkeit bis hin zu privaten Panikattacken und Wutausbrüchen trifft Whitaker jeden noch so lauten oder noch so leisen Ton mit absoluter Präzision. Als ob es nicht eh schon schwer genug wäre, mit einem so grandios aufspielenden Whitaker mitzuhalten, kommt James McAvoy (Wimbledon, Swimming Pool (2001)) auch noch dramaturgisch die weitaus undankbarere Rolle zu – statt der kurzen, prägnanten Auftritte von Amin, muss Nicholas den Zuschauer durch den gesamten Film führen, McAvoy kann also bei weitem nicht so unbeschwert Dröhnen wie Whitaker, sondern muss mit einem wesentlich zurückhaltenderen Spiel überzeugen. Und dass ihm dies in seiner ersten großen Hauptrolle scheinbar spielend gelingt, er Whitaker in einigen Szenen sogar ein wenig die Show stiehlt, lässt nur den einen Schluss zu, dass McAvoy absolut das Zeug dazu hat, sich in den nächsten Jahren zu einem echten Star zu entwickeln.

    Die letzten zwanzig Minuten entsprechen der üblichen Thrillerdramaturgie, davor wird dem Zuschauer eine gelungene Mischung aus ansprechenden Spannungselementen und einer intelligent durchdachten Achterbahnfahrt durch die abgründigen Auswirkungen der gefährlichen und nahezu unwiderstehlichen Faszination von Macht geboten. Zwar hätte man aus einer afrikanischeren Sicht heraus wegen des explosiveren thematischen Bezugs beim Zuschauer noch stärkere Wirkungstreffer landen können, aber auch so kann Macdonalds fantastisch gespielter Thriller als hochspannende Politparabel überzeugen.
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