Seinerzeit nicht besonders erfolgreich, wird „Shining“ heute als Kultklassiker bezeichnet. Das ist zum Einen durchaus berechtigt, da Stanley Kubrick durch seine einigartige Inszenierung von Räumen, Farben und Situationen durchaus bahnbrechende Akzente gesetzt hat, nicht zufällig wird der Film seitdem immer wieder in den unterschiedlichsten Filmen zitiert. Gerade neulich hatte ich „Passengers“ gesehen und die Szene in der Bar mit Chris Pratt und Michael Sheen ist eine ebenso deutliche wie geniale Hommage. Außerdem ist das Sounddesign mit diesen immer wieder surrealen, kreischenden Violinen und dem tiefen Brummen, absolut genial eingesetzt und verstörend. Der Score ist meisterhaft und trägt einen Großteil zur verstörenden Wirkung des Films bei!
Wie auch immer, über die positiven Aspekte (vor allem der formalen Inszenierung) müssen wir nicht sprechen, es gibt aber durchaus auch Punkte, die „Shining“ eben auch nicht ganz zu einem Meisterwerk machen.
Da ist zum Beispiel Danny Lloyd, der den Sohn der Torrance-Familie spielt. Seine Hauptbeschäftigung besteht eigentlich darin, wie ein verschrecktes Reh in die Kamera zu schauen, oder sich wie ein Roboter durch die Szenerie zu bewegen. Man könnte jetzt sagen, das ist beabsichtigt, um zu zeigen, dass Danny ein zutiefst traumatisierter, verstörter Junge ist, oder die andere (wahrscheinlichere) Möglichkeit ist, dass Danny Lloyd schlichtweg kein guter Kinderschauspieler ist und nicht in der Lage war, seiner Figur etwas Emotionales mitzugeben. Selbst in den vermeintlich sorglosen Momenten mit seiner Mutter zu Beginn des Films agiert er gefühlskalt, emotionsstarr und unbeteiligt.
Dass der Junge mit seinem eigenen Finger in tiefer Tonlage spricht, findet außer mir vielleicht auch niemand alarmierend, der Junge muss zum Psychiater! Naja gut, das wird durch das „Shining“ erklärt, geschenkt. Auch die ganzen anderen zahlreichen Logiklöcher ergeben sich zum Teil aus der Buchvorlage, zum Teil auch aus der notwendigen Dramaturgie (weil’s halt so im Drehbuch steht…). Warum rentiert sich das für die Eigentümer des Hotels, so ein riesiges Hotel komplett (!) zu beheizen, wenn nur drei Menschen darin wohnen? Was soll Jack denn da instandhalten? Wie sehen immer nur Wendy bei der Arbeit, ihn niemals. Welche Familie bei Verstand würde ein 5-jähriges Kind für 6 Monate von aus seiner gewohnten Umgebung mit seinen Freunden usw. rausreißen? Wie soll sich der Junge denn da den ganzen Tag beschäftigen? Wollen die Torrances ernsthaft ein halbes Jahr von Konserven leben? Es gibt zwar tiefgefrorenes Fleisch, aber kein frisches Gemüse, kein frisches Obst, usw. Gibt’s dann jeden Tag Ravioli aus der Dose? Warum ballert Jack mit der Axt gegen die Tür, anstatt sie einfach einzutreten? Usw. usw.
Zum Schluss müssen wir aber auch nochmal über Stanley Kubrick als Regisseur und Shelley Duvall und deren Beziehung beim Dreh sprechen. Wir wissen inzwischen, dass ihr eindringliches und hochemotionales Schauspiel, stets am Rande des Nervenzusammenbruchs, nicht allein aus ihrer Schauspielausbildung daherkommt, sondern Folge einer systematischen Erniedrigung durch Kubrick war. Er hat sie immer wieder an ihre Grenzen und darüber hinaus getrieben, er wollte „echte Panik“ sehen. Immer wieder ließ er sie Szenen wiederholen, teilweise über 100-mal (die Szene mit dem Baseballschläger steht sogar im Guinness-Buch der Rekorde!). Zusätzlich wies er die Crew an, nicht nett zu ihr zu sein und kein Mitleid zu zeigen, sie sollte sich am Set genauso isoliert und einsam fühlen wie ihre Wendy im Film. Mittlerweile sind diese Dinge längst bekannt und hinlänglich dokumentiert, nur spricht kaum noch jemand davon. Es handelt sich um einen gravierenden Fall von Machtmissbrauch am Set. Shelley Duvall hat später berichtet, dass sie mehrmals am Set weinend zusammengebrochen sei, sich oft übergeben musste und so viel geweint hatte, bis sie keine Tränen mehr gehabt habe. Und noch Monate nach dem Dreh hatte sie Weinkrämpfe und Schreiattacken. Falls ihr also nächstes mal ihr eindringliches, emotionales Schauspiel bewundert, denkt an diese Geschichte.
Zwei kurze Randnotizen noch zum Schluss: Stanley Kubrick war bekanntermaßen streng kontrollierend, was die Synchronfassungen seiner Filme anging. Und so war es hier sein ganz ausdrücklicher Wunsch, dass Jack Nicholson in der deutschen Fassung nicht von seinem Stammsprecher Joachim Kerzel gesprochen wird, sondern stattdessen von Jörg Pleva, der den Wahnsinn seiner Meinung nach stimmlich besser rüberbringen würde. Mich hat die „falsche“ Stimme ziemlich irritiert, naja, vielleicht genauso ein Kuriosum wie die Szene von Wendy am Funkgerät, als sie und der Deputy jeden ihrer Sätze in der deutschen Synchronisation mit „Ende“ beenden, anstatt mit dem international üblichen „Over“. Ja, mir fällt sowas auf…
FAZIT: „Shining“ ist längst als Klassiker in die Filmgeschichte eingegangen, sein Stellenwert aus filmhistorischer Sicht ist unbestritten. Dennoch hat er auch einige Schwächen, die ihn davor bewahren, ein echtes Meisterwerk zu sein. Der Blick auf die Entstehungsgeschichte und der Umgang mit Shelley Duvall wirft indes einen mehr als finsteren Schatten auf den Film und könnte auch Einfluss auf die Wertung haben. Zumindest hat es meinen Blick auf die Person Stanley Kubrick zurechtgerückt.