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    Bin ich sexy
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Bin ich sexy
    Von Nicole Kühn
    Kann man sexy sein, wenn man 15 ist, pummelig und in einem Vorort von Mannheim den Garten mit Hühnern teilen muss? Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung! Mareike (Marie-Luise Schramm) stellt sich ihr mit viel Enthusiasmus und der nötigen Portion Naivität, muss aber feststellen, dass es auf jeden Fall nicht die Körpermaße sind, die sexy machen.

    Die 15-jährige Mareike hat es nicht leicht: Seit dem Tod des Stiefvaters ist ihre Mutter Jutta (Birge Schade) mit der Pubertierenden, ihren beiden jüngeren Geschwistern und ihrem Job überfordert. Geld ist ebenso immer Mangelware wie Zeit und Mut, über den Verlust des Ernährers und Mittelpunktes der Familie zu reden. Der mit großer Ernsthaftigkeit verfolgte Traum Mareikes, Miss Baden-Württemberg zu werden, weckt in ihren Mitschülern die Spottlust. Zu allem Überdruss ist ihre einzige Freundin, die Orientalin Basma (Faria Nada) ein schönes, offenes Mädchen mit viel Charme und damit immer der Blickfang für Männer.
    Je geringer die Chancen für Mareike stehen, ihren Traum vom Model-Beruf zu verwirklichen und der Enge ihrer Umgebung zu entfliehen, desto verbissener kämpft das Mädchen. Der leckere Auflauf bleibt unberührt auf dem Tisch stehen, das alte Rad aus dem Schuppen wird auf Vordermann gebracht, und um sich das nötige Geld für die Modelschule zu verdienen, hilft Mareike ihrem Großvater auf dem Wochenmarkt. Dort verliebt sie sich in den smarten Jordanier Samir (Ahmet Olgun) und schwebt auf einer Welle der schillernden Hoffnungen. Doch wie Seifenblasen platzt eine nach der anderen. Desillusioniert und mit dem Gefühl, von der Mutter verraten worden zu sein, findet sie eine Zuflucht im Bauchtanz, mit dem sie auch Samir zu beeindrucken hofft. Doch plötzlich fallen ihre schönen, langen blonden Haare aus – büschelweise. Und die Ärzte haben keinen besseren Rat, als sich mit dem Gedanken auseinander zu setzen, bald mit einer Glatze herum laufen zu müssen.

    In ihrem Erstlingswerk verlässt sich Katinka Feistl auf ihre durchweg ausdrucksstarken Schauspieler und konzentriert sich auf den Grundkonflikt der Akzeptanz eigener Stärken und Schwächen. An der Oberfläche dieses Dramas aus dem Alltag ist das alles beherrschende Thema die Körperlichkeit bzw. die eigene äußere Erscheinung. Für alle Beteiligten wird sie zur existentiellen Frage, die über das Selbstbild und die Möglichkeit, mit sich selbst im Reinen zu sein, entscheidet. Während Mareike einem Ideal von Schlankheit und Sex-Appeal nacheifert, das sie kaum erreichen kann, reagiert ihre attraktive Mutter mit fast grimmiger Abwehr auf die „Eitelkeit“ ihrer Tochter. Vielleicht, weil sie sich selbst nach dem Unfalltod ihres Mannes nicht mehr erlaubt, sexy zu sein – und es doch ist. Dabei geht die Anziehungskraft, die sie auf ihren Arbeitskollegen Winnie ausübt, weit über das körperliche Verlangen hinaus, wenn er ihr in einem wunderbar intimen Moment gesteht, dass er sie einfach so gerne anschaut.

    Das Nachwuchstalent Marie-Luise Schramm verleiht der hilflosen Trotzigkeit gegenüber ihrer Situation große Glaubwürdigkeit, wenn sie z. B. ihrem dunkelhäutigen kleinen Bruder voller Überzeugung erklärt, dass er mit seiner Hautfarbe niemals wie sein Idol Schumi werden könne. Erst die radikale Erfahrung ihres Haarausfalls zwingt sie dazu, von ihrer Fixierung auf körperliche Merkmale zum Einordnen von Menschen auf ihrer individuellen Wertskala abzurücken. Intensiver noch als die Jungdarstellerin lebt Birge Schade ihre inneren Konflikte vor der Kamera aus. Sie ist eine starke Frau, so stark, dass sie zaghafte Gefühlsäußerungen ihrer Mitmenschen geradezu platt walzt. Dass ihre älteste Tochter unter dem Verlust des Stiefvaters wohl am meisten gelitten hat, merkt sie erst, als die Situation eskaliert. Ihre eigenen Gefühle lässt sie immer erst dann überhaupt zu, wenn man ihr die Pistole auf die Brust setzt, wie es Mareike auf drastisch-traurige Weise tut und Winnie, indem er, der Softie, geradlinig Regeln für ein mögliches Miteinander aufstellt.

    Mitunter ist die Fürsorge, die Jutta letztlich für Mareike aufbringt, nicht ganz nachvollziehbar nach den heftigen vorangegangenen Konflikten. Die Wunden, die sich die Familie gegenseitig geschlagen hat, lösen sich allzu leicht auf, auch wenn ein Schicksalsschlag Nähe hervorruft, wo sie vorher nicht war. Der eine oder andere Dialog wirkt etwas zu ausgefeilt für die Situationen, in denen die Protagonisten unter enormem emotionalen Stress stehen. Aufgefangen werden diese kleinen Schwächen eines ansonsten starken und in weiten Teilen sehr lebensnahen und authentischen Drehbuchs durch die wunderbare Musik von Eike Hosenfeld. In ihr schwingt von Beginn an die Trauer mit, die dem aggressiven Verhalten von Mutter und Tochter zugrunde liegt. Entsprechende Bilder findet Kamerafrau Daniela Knapp leichthändig und zaubert damit immer wieder einen Tupfen Poesie in die Erzählung. Noch mehr davon würde man sicherlich den Darstellern zutrauen, die mit ihren Gesichtern an mancher Stelle mehr hätten sagen können als die Dialoge. Der orientalische Tanz mit seiner üppigen Sinnlichkeit ist ein herrliches Sinnbild für die Antwort auf die Frage des Films: Sexy macht nicht die Hülle des Menschen, sondern das, was von innen heraus strahlt. Dass Mutter Jutta das „Gedudel“ gehörig auf die Nerven geht, sagt über ihre Figur viel mehr aus, als langwierige Dialoge es hätten tun können.

    Der sensiblen Abwägung der stilistischen Mittel von Regisseurin Feistl ist es zu verdanken, dass wir auch dann nicht über die Hauptfigur lachen, wenn sie mit 80er-Jahre-Fönfrisur und albernen Sternchen im Haar durch das Einkaufszentrum stolziert. Viel eher hofft man mit ihr, dass ihre Mitmenschen sie so sehen, wie sie ist: nicht perfekt, aber mit Charme und Ausstrahlung. Gleiches gilt für den Film, dem bei aller Schwere des Themas ein Hauch mehr Leichtigkeit nicht geschadet hätte.
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