Babystar
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Babystar

Zur Influencerin geboren

Von Jochen Werner

Ein kuratiertes Leben, stets unter den Augen der Öffentlichkeit. Luca (Maja Bons) kennt es nicht anders, denn bereits ihre Geburt wurde live im Internet gestreamt. „Wir werden dafür bezahlt, einfach dass wir da sind“, erklärt sie einmal einer kindlichen Followerin. Aber die Frage, wie viele Freund*innen sie hat, kann sie nicht so recht beantworten: „Ich habe 4,3 Millionen Follower auf TikTok.“ Inzwischen ist Luca 16 Jahre alt, ihre Eltern sind Familien-Influencer – und so wird jedes noch so intime Gespräch über Privates in dieser Familie per Podcast oder Livestream geführt.

Echte familiäre Wärme oder Verbundenheit zwischen Vater Chris (Liliom Lewald), Mutter Stella (Bea Brocks) und Luca ist nirgends zu spüren, jedes Gefühl wird per inspirierendem Kalenderspruch für eine unsichtbare und doch stets präsente Öffentlichkeit performt. Auch der passende Energydrink für das Product-Placement ist stets zur Hand. Eine Familienidylle aus Plastik, die schon wie ein Horrorszenario wirkt, bevor sie Joscha Bongard in seinem Spielfilmdebüt „Babystar“ – wie in seinem durchaus themenverwandten Dokumentarfilm „Pornfluencer“ – dann auch narrativ niederreißt.

Normale Gespräche sind am Abendessenstisch kaum möglich. Sobald es persönlich wird, wird der Livestream angeschmissen. Across Nations
Normale Gespräche sind am Abendessenstisch kaum möglich. Sobald es persönlich wird, wird der Livestream angeschmissen.

In der erinnerungswürdigsten Szene von „Babystar“ uriniert Luca später in einem schicken Restaurant in ein Babytöpfchen. Aber zwischen der inszenierten Idylle der ersten Minuten und diesem eskalierenden Aufbegehren geschieht erst noch so einiges. Angestoßen vielleicht auch von der Anmerkung der Social-Media-Regisseurin Julie (Joy Ewulu), es sei doch okay, wenn sich Luca einmal eine Pause nehmen wolle von der fortwährenden Präsenz der Kameras, beginnt die junge Frau zu rebellieren. Und spätestens, als Mutter Stella die gemischten Gefühle ihrer Tochter angesichts der Ankündigung einer weiteren Schwangerschaft – ein neues Baby würde schließlich die Klickzahlen ordentlich pushen – in einem Podcast diskutieren möchte, wird aus vorsichtigem emotionalem Rückzug offener Widerstand.

Joscha Bongard inszeniert die Fake-Harmonie der Influencer-Parallelgesellschaft als Schreckensszenario, aus dem es gerade für diejenigen, die ungefragt unter ihren Bedingungen aufgewachsen sind, kaum ein echtes Entrinnen gibt. Die größte Stärke von „Babystar“ liegt vermutlich darin, dass er seine Protagonistin Luca nicht bloß als Opfer zeichnet, das gegen das Aufgezwungene rebelliert und in einem Prozess der Befreiung seine Ketten sprengt. Stattdessen ist Luca gleichermaßen Opfer wie Komplizin und wird auch in den nicht so ohne Weiteres überwindbaren Deformationen ernst genommen, die diese Kindheit unter ständiger Beobachtung ihr zugefügt hat. Sie ist nicht nur eine junge Frau, die gedrängt wird, weiter mitzuspielen in einem Spiel, dessen Regeln sie nicht selbst bestimmt. Sie ist auch diejenige, die nachts heimlich eine Insta-Story aus dem Badezimmer ihres One-Night-Stands streamt. Einfach, weil sie es nicht anders kennt.

Gefeierte Vorbilder

In seiner Form erinnert „Babystar“ an manches, was in den letzten Jahren im internationalen Arthouse- und Festivalkino präsent und prägend war. Ein bisschen Ruben Östlund („The Triangle Of Sadness“), aber abzüglich der grelleren Ausbrüche. Relativ viel Yorgos Lanthimos, wenngleich die Familienhölle des unvermeidlich in den Sinn kommenden „Dogtooth“ deutlich surrealer anmutet. Atmosphärisch definitiv ein Hauch Sandra Wollner („The Trouble With Being Born“), auch wenn die Science-Fiction-Bezüge hier gegenwartsnäher und mit nicht ganz so viel Lust am Spiel mit der Ambivalenz und dem Abgrund daherkommen. Und immer auch ein bisschen Michael Haneke („Happy End“), denn schließlich funktioniert der ohnehin als so eine Art Großvater im Geiste für all die genannten Filmemacher*innen, deren dystopische Sandbox-Filme ohne Hanekes Sozialexperimente kaum denkbar wären.

Die besseren Arbeiten all dieser mehr oder weniger offenen Haneke-Exeget*innen zeichnen sich allerdings durch etwas aus, was letzterem oft ein wenig abgeht, nämlich Humor. Der kann allerdings auch nach hinten losgehen, wenn er allzu offen dem blanken Menschenhass dient. Das kann man Joscha Bongard jedoch eher nicht vorwerfen, denn „Babystar“ steht Lucas Ringen um eine Selbstfindung jenseits all der Bilder, die ohne ihr Zutun schon immer von ihr in der Welt waren, durchaus sympathisierend gegenüber. Nur gibt er sich nicht der allzu bequemen Illusion hin, all ihre Ketten ließen sich in einem großen Befreiungsschlag sprengen.

Der schöne Pool im Garten dient nicht der Entspannung, sondern als hübscher Hintergrund für das nächste Insta-Reel.  Across Nations
Der schöne Pool im Garten dient nicht der Entspannung, sondern als hübscher Hintergrund für das nächste Insta-Reel.

Inwieweit Luca und wir mit einer Art Happy End aus dem Film entlassen werden, sei somit erst einmal dahingestellt. Aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig, denn ohne Zweifel bleibt es, dass einiges in Bewegung gerät im Verlauf von „Babystar“. Und dass Luca zumindest beginnt, einen eigenen Weg zu gehen. Sodass sie das Falsche, das sicherlich weiter in ihrem Leben sein mag, vielleicht immerhin ein Stück weit als ihr eigenes begreifen kann.

Fazit: „Babystar“ zeichnet die Welt der Familien-Influencer mit mitunter ziemlich dunklem und kühlem Blick als sehr gegenwärtige zwischenmenschliche Dystopie, ohne dabei in schnöden Menschenhass abzurutschen. Insgesamt ein sehenswertes Debüt eines spannenden jungen Filmemachers.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren