Obsession - Du sollst mich lieben
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Obsession - Du sollst mich lieben

Ein YouTuber auf dem besten Weg zum Horror-Meister!

Von Christoph Petersen

Das Kino ist und bleibt der Gipfel. Deshalb drängen auch YouTube-Stars regelmäßig auf die große Leinwand. Aber während dabei lange Zeit nur sowas wie „Kartoffelsalat“, „Smosh: The Movie“ oder „Angry Video Game Nerd: The Movie“ herumgekommen ist, hat sich – besonders im Horror-Genre – zuletzt eine 180°-Kehrtwende vollzogen: Statt mit halbgarem Trash allein auf die eigene Online-Popularität zu setzen, gab es zuletzt immer mehr ernsthafte Projekte, die – in vielen Fällen zu Recht – auch weit über die YouTube-Bubble hinaus einen Hype erzeugt haben:

So landeten die australischen Video-Kreatoren Danny Philippou und Michael Philippou mit „Talk To Me“ einen weltweit gefeierten Überraschungshit, an den sie mit „Bring Her Back“ sogar direkt anknüpfen konnten. Und als Mark Fischbach alias Markiplier kein Studio für seine Videospiel-Verfilmung „Iron Lung“ fand, hat er den U-Boot-Horror einfach im Selbstvertrieb in die Kinos gebracht – mit einem nicht für möglich gehaltenen Erfolg, der ganz Hollywood nachhaltig erschüttert hat.

Vom YouTube-Spaßmacher zum Horror-Phänomen

Aber an vorderster Front der YouTuber-drängen-ins-Kino-Welle steht aktuell Curry Barker, der als eine Hälfte des Internet-Sketch-Duos „that's a bad idea“ berühmt geworden ist und nun mit nur 26 Jahren bereits seinen zweiten Film gedreht hat. Sein Debüt „Milk & Serial“ (2024) hat gerade einmal 800 Dollar gekostet – und wurde nach einer erfolglosen Studiosuche direkt auf YouTube veröffentlicht, wo der zwar praktisch ohne Budget, aber dafür mit umso mehr Ideen und Twists entstandene Psycho-Schocker einen solch gewaltigen Rummel veranstaltet hat, dass ihm u.a. Blumhouse („Five Nights At Freddy’s“, „M3GAN“) eine Million Dollar für sein Nachfolgeprojekt zur Verfügung gestellt hat.

Doch wo der Wirbel um „Milk & Serial“ schon ziemlich übertrieben war und der Film vor allem „für ein YouTube-Video“ die Erwartungen übertraf, ist der seit seiner Premiere in der Mitternachtssektion beim Toronto Filmfestival anhaltende Hype rund um „Obsession - Du sollst mich lieben“ absolut berechtigt: Was für eine geniale (und saumäßig fiese) Variation des altbekannten „Sei vorsichtig, was du dir wünschst“-Szenarios!

Nach seinem Wunsch vergeht kaum noch ein Moment, in dem sich Bear (Michael Johnston) nicht beobachtet fühlen muss. Universal Pictures
Nach seinem Wunsch vergeht kaum noch ein Moment, in dem sich Bear (Michael Johnston) nicht beobachtet fühlen muss.

Bear (Michael Johnston) arbeitet gemeinsam mit seinem besten Kumpel Ian (Cooper Tomlinson, die zweite Hälfte von „that's a bad idea“) in einem Musikgeschäft. Während seine gute Freundin Sarah (Megan Lawless) offensichtlich ein Auge auf Bear geworfen hat, ist der hoffnungslose Romantiker jedoch total in seine Kollegin Nikki (Inde Navarrette) verknallt. Allerdings hat ihn diese schon seit Jahren in die gefürchtete Friend Zone verbannt – und außerdem wäre er ohnehin viel zu schüchtern, um ihr seine Gefühle zu gestehen.

Als Bear in einem Esoterik-Shop auf ein „One-Willow-Wish“ – eine Art Spielzeug, das wie ein Weidenzweig aussieht und einem einen Wunsch erfüllt, wenn man es zerbricht – stößt, weiß er zwar, dass das Quatsch ist und niemals funktionieren wird, aber widerstehen kann er trotzdem nicht: Also wünscht er sich, dass Nikki ihn mehr liebt als alles andere in der Welt – und es dauert nicht lange, bis er genau das mehr bereut als jede andere Entscheidung seines Lebens …

Klingt altbekannt, ist es aber nicht!

Keine Frage, der Plot klingt, als hätte man das Ganze exakt so schon 100-mal gesehen. Mindestens. Was Wünsche angeht, die nach hinten losgehen, hat ja nicht nur die „Wishmaster“-Reihe das Feld längst ausgiebig beackert. Aber dass Curry Barker in seinem Skript einfach so viel cleverer und ambitionierter vorgeht, merkt man schon in der allerersten Szene, die gleich mit dem ersten kleinen Twist aufwartet. Doch so richtig los geht es erst mit dem Wunsch – und dann wird es sehr schnell sehr ungemütlich: Man kennt ja genug Liebeszauber-Szenen, wo das Opfer anschließend wie eine Klette am Wünschenden klebt. Aber bei „Obsession“ läuft das alles sehr viel subtiler und ambivalenter ab. Nikkis plötzliche Aufgeschlossenheit wirkt von Beginn an „off“ – inklusive sekundenkurzen Hinweisen darauf, dass sich in ihr womöglich noch immer etwas oder jemand dagegen sträubt, jetzt mit Bear zusammen zu sein.

Es gibt nicht – wie zuletzt etwa in der blutigen Sexpuppen-Groteske „Companion“ – zunächst noch unbeschwert romantische Momente, die dann ins Horrorhafte kippen. Stattdessen bietet „Obsession“ von Beginn an genial geschriebenes und gespieltes Cringe-Grauen pur – inklusive provokanter Bezüge auf das Thema Consent. Es gibt zwar nur eine – zudem auch nur sehr kurze – Sexszene, aber die braucht nicht einmal mehr zusätzliche Schockelemente, damit man sich in seinem Kinosessel regelrecht windet (und hinterher möglichst schnell duschen will). Curry Barker kennt in dieser Hinsicht kein Erbarmen – weder mit dem Publikum noch mit seinen Figuren, wenn er das einmal in Gang gesetzte Szenario mit eiskalter Unerbittlichkeit bis zu seinem logischen Abschluss führt. Aber auch Gore-Hounds brauchen sich keine Sorgen zu machen …

Genau in dem Auto findet der Gore-Ausbruch statt, wegen dem „Obsession - Du sollst mich lieben“ fast mit einer für Studiofilme superseltenen NC-17-Altersfreigabe belegt worden wäre. Universal Pictures
Genau in dem Auto findet der Gore-Ausbruch statt, wegen dem „Obsession - Du sollst mich lieben“ fast mit einer für Studiofilme superseltenen NC-17-Altersfreigabe belegt worden wäre.

… denn Curry Barker macht nicht nur in Sachen Psycho-Thrill keine halben Sachen, sondern nimmt auch sonst keine Gefangenen. In einer der heftigsten Szenen des Films wird ein Kopf immer wieder und wieder und wieder gegen eine Steinplatte geschlagen, bis wirklich nur noch ein matschiger Brei aus Blut und Hirn übrig ist. Eine wirklich schockierende Gewaltspitze – die ursprünglich sogar noch heftiger ausfallen sollte: Wie der Filmemacher inzwischen in Interviews verriet, musste er sogar eine ganze Reihe an Kopf-gegen-Stein-Schlägen herausschneiden, weil „Obsession“ ansonsten womöglich mit einer NC-17-Freigabe belegt worden wäre – und die bedeutet in den USA bekanntlich das finanzielle Todesurteil am Box Office (zumindest solange der Film nicht gerade den Titel „Terrifier 3“ trägt).

So sehr Curry Barker all dieses Lob auch verdient hat, man darf dabei auf keinen Fall Inde Navarrette („Trap House“) vergessen – denn mit dem, was sie mimisch hier abzieht, steckt sie nicht nur die TikTok-viralen Grinse-Gesichter aus „Smile“ und „Smile 2“ in die Tasche, sondern trägt auch maßgeblich dazu bei, dass die Szenen und Dialoge des Skripts eine derart tiefgehende verstörende Wirkung entfalten. Mal grotesk komisch, mal markerschütternd schockierend – und fast immer so Cringe, dass es beim Schauen mitunter fast schon körperlich wehtut.

Fazit: Selten hat man zwischen einem ersten und einem zweiten Film einen solchen Qualitätssprung erlebt! Curry Barker ist als Sketch-Komiker auf YouTube berühmt geworden – und startet im Alter von nur 26 Jahren nebenbei auch noch eine Karriere als herausragende neue Stimme des Horrorkinos! „Obsession - Du sollst mich lieben“ ist einer der doppelbödigsten, cleversten, garstigsten, dichtesten und heftigsten Schocker seit langem – und neben Curry Barker ist auch die Hauptdarstellerin Inde Navarrette eine absolute Entdeckung!

Wir haben „Obsession - Du sollst mich lieben“ bei den Fantasy Filmfest Nights 2026 gesehen, wo er als Eröffnungsfilm seine Deutschlandpremiere gefeiert hat.

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