"Es war ein Desaster": Einer der besten Filme von Clint Eastwood fiel im Kino gnadenlos durch
Michael Bendix
Michael Bendix
-Redakteur
Schaut pro Jahr mehrere hundert Filme und bricht niemals einen ab. Liebt das Kino in seiner Gesamtheit: von Action bis Musical, von Horror bis Komödie, vom alten Hollywood bis zum jüngsten "Mission: Impossible"-Blockbuster.

Anfang der 1970er-Jahre beschloss Western-Star Clint Eastwood, dass es Zeit für einen Imagewechsel ist. Diese Überlegung brachte einen seiner besten Filme hervor – der sich aber als absolute Box-Office-Katastrophe entpuppte...

Anfang der 1970er-Jahre gab es an Clint Eastwood kein Vorbeikommen. Nachdem er durch Sergio Leones legendäre Dollar-Trilogie zum Megastar geworden war, kehrte der heute 93-Jährige von Italien in die USA zurück – und drehte dort einen Film nach dem anderen. Kurzzeitig waren sogar drei Filme mit dem Hollywoodveteranen gleichzeitig in den US-amerikanischen Kinos zu sehen: „Westwärts zieht der Wind“ (den Eastwood selbst nicht ausstehen kann!), „Ein Fressen für die Geier“ und „Stoßtrupp Gold“.

Doch je erfolgreicher er wurde, desto mehr begann Eastwood zu zweifeln: Bei fast all seinen Charakteren handelte es sich um coole, wortkarge Revolverhelden – und der Schauspieler hatte Angst, auf diesen Figurentypus reduziert zu werden. Aus diesem Grund suchte er gezielt nach einem Stoff, der es ihm ermöglichen würde, sich aus seinem immer enger werdenden Rollenkorsett zu befreien – und er fand ihn schließlich in „Betrogen“, der sowohl in Eastwoods Filmografie als auch in der seines Stammregisseurs Don Siegel („Dirty Harry“) bis heute heraussticht.

Das ist "Betrogen"

Eastwood spielt darin den Nordstaatensoldat John McBurney, der während des Amerikanischen Bürgerkriegs schwer verwundet Unterschlupf in einem Mädchenpensionat sucht. Während sie ihn gesund pflegen, verfallen sowohl die Schülerinnen als auch die Lehrerinnen reihenweise dem Charme des attraktiven jungen Mannes. Bald stören Streitigkeiten und Eifersuchtsdramen den Frieden in dem abgelegenen Internat – doch als die Bewohnerinnen merken, dass John sie allesamt manipuliert, drehen sie den Spieß um...

„The Beguiled“ (so der Originaltitel) stellte wie von Eastwood erhofft einen heftigen Bruch mit seinem Leinwandimage dar. Hier war er nicht der schweigsame Held, sondern ein windiger Egoist, dem von Anfang an nicht zu trauen ist – und dessen vermeintlich überlegene Position im weiteren Verlauf des Films immer stärker zur Disposition steht. Eastwood selbst bestand darauf, dass das aus der Feder von Albert Maltz stammende, auf einem Roman von Thomas P. Cullinan basierende Drehbuch mehrfach überarbeitet wurde, um die Abgründe seiner Figur stärker herauszuarbeiten.

Das Ergebnis war kein Western und trotz des Settings auch kein Kriegsfilm, sondern ein psychosexuell aufgeladenes, zutiefst ambivalentes Southern-Gothic-Melodram zwischen Horror und Tragödie.

Betrogen
Betrogen
Starttermin 20. Juli 1973 | 1 Std. 45 Min.
Von Don Siegel
Mit Clint Eastwood, Geraldine Page, Elizabeth Hartman
User-Wertung
3,0
Filmstarts
4,5

Nicht nur der Autor dieser Zeilen hält „Betrogen“ (der übrigens 2017 ein von Sofia Coppola inszeniertes Remake namens „Die Verführten“ erhielt) für eines der besten Werke in der Vita von Clint Eastwood, auch in der offiziellen FILMSTARTS-Kritik schrammt er mit einer Wertung von 4,5 von 5 Sternen nur knapp am Meisterwerk-Status vorbei. Doch damals zahlte sich das Risiko nicht aus: Weltweit spielte der Film gerade einmal 1,1 Millionen US-Dollar ein. Zum Vergleich: Der im selben Jahr veröffentlichte erste „Dirty Harry“-Teil brachte es auf fast 36 Millionen!

Clint Eastwood hat eine Erklärung für das Scheitern des Films

„Er war ein Desaster an den Kinokassen“, gab der Hollywood-Veteran, dessen jüngste Regiearbeit „Juror #2“ seit wenigen Tagen in den deutschen Kinos läuft, in einem Interview mit dem Biografen Patrick McGilligan zu (via Slash Film) – und er hatte auch eine Erklärung parat: Das Studio habe „Betrogen“ nicht an das Publikum verkauft, „das diese Art von Film mag.“

In der Tat wusste man mit dem Film so wenig anzufangen, dass der Trailer so geschnitten wurde, als handele es sich dabei um einen weiteren Eastwood-Western. Nur in Frankreich zeigten sich die Kritiker*innen begeistert – doch als dem Studio in Aussicht gestellt wurde, den Film im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes zu platzieren, lehnte es kurzerhand ab.

Immerhin einen positiven Nebeneffekt hatte das Scheitern des Films: Eastwood beschloss, dass er fortan mehr Kontrolle über seine Projekte haben möchte – und so wechselte er hinter die Kamera, um seinen ersten Film als Regisseur zu realisieren. Doch das ist ein anderes Kapitel, das ihr im folgenden Artikel nachlesen könnt:

"Ich mache es umsonst": Clint Eastwood musste für einen seiner besten Filme auf eine Menge Geld verzichten

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