Wir wissen, dass sich „Andor“-Erfinder Tony Gilroy bei vielen Aspekten der Serie stark von realer Geschichte hat beeinflussen lassen. Uns hat er im Interview zum Beispiel erklärt, dass die Wannseekonferenz der Nazis sein Vorbild für die Ghorman-Konferenz des Imperiums war, welche wir in den ersten drei Episoden gesehen haben. Auch in im neuen Episoden-Trio, nämlich den Folgen 4 bis 6 der zweiten Staffel, sind deutliche Anleihen zu erkennen.
So sehen wir endlich das erste Mal den sagenumwobenen und im „Star Wars“-Kanon so wichtigen Planeten Ghorman, dessen ganze Architektur und auch das Straßenbild von südeuropäischen Städten aus Frankreich oder Italien beeinflusst ist. Unter anderem Turin stand Pate. Wir erfahren in den neuen Folgen, dass sich dort Widerstand gegen das Imperium formiert. Die kleine Gruppe, die nicht ahnt, dass sie vom Imperium in Person von Syril Karn (Kyle Soller) manipuliert wird, erinnert dabei deutlich an die französischen Partisanen im Zweiten Weltkrieg. Jene Widerstands- und Freiheitskämpfer*innen gegen die Nazi-Besetzung kleideten sich zum Beispiel sehr ähnlich. Auch die Straßenkleidung der normalen Bevölkerung ist inspiriert von der Mode in Frankreich und Italien in den 1930er-Jahren.
Die fiktive Sprachen der Bewohner*innen von Ghorman erinnern zudem überdeutlich an Französisch - und ja, der Plural ist kein Zufall. Es wird nämlich auf dem Planeten sowohl Ghorelle alias High Ghor als auch Dixian alias Low Ghor gesprochen.
Die Idee, diese Parallele zu nutzen, liegt auf der Hand. Schließlich war bereits die Darstellung des Imperiums in den originalen „Star Wars“-Filmen von George Lucas deutlich an das faschistische Deutschland ab 1933 angelehnt. Was aber mal wieder zeigt, wie Gilroy gerade in „Andor“ diese Ideen und realen Inspirationen einen Schritt weiterdreht, ist das Casting.
Richard Sammel als Carro Rylanz – eine geniale Besetzung
Es sind vor allem französische Schauspieler*innen wie Théo Costa-Marini, Abraham Wapler, Thierry Godard, Ella Pellegrini oder Alaïs Lawson als die Figuren zu sehen, die auf Ghorman eine größere Rolle spielen. Aber ausgerechnet die wichtigste Person, den einflussreichen Geschäftsmann und Politiker sowie besonnenen Anführer dieses Widerstands, verkörpert mit Richard Sammel als Carro Rylanz ein deutscher Schauspieler.
Bei dessen Besetzung spielte sicher auch eine Rolle, dass er lange in Frankreich gearbeitet hat (als Bösewicht im Hit „Taxi“ hatte er dort auch eine seiner frühen großen Kino-Rollen) und ihm so die Sprache auf Ghorman leicht gefallen ist. Doch wir glauben nicht, dass die Auswahl eines deutschen Schauspielers ein Zufall ist...
Es scheint mehr ein genialer Kniff, eine von einem Nazi-Widerstand inspirierte Gruppe im fiktiven „Star Wars“-Universum von einem Deutschen anführen zu lassen – es verstärkt nämlich die kosmopolitische Ausstrahlung von Ghorman und des Kampfes gegen das Imperium zugleich. Und gerade der hier in „Andor“ ganz großartige Sammel (ohne spoilern zu wollen, „freut“ euch auf die Episoden 6 – 8) bringt noch mal eine besondere Seite mit.
Disney und seine verbundenen Unternehmen
Denn auch wenn wir die reichhaltige Karriere des seit über drei Jahrzehnten im deutschen und internationalen Film aktiven Schauspielers nicht darauf reduzieren wollen, dürften ihn viele vor allem durch Bösewicht-Rollen, und dabei insbesondere NS-Offiziere, kennen. So hatte er einen kleinen Part in „Das Leben ist schön“, trat in der Videospielverfilmung „Company Of Heroes“ auf, verkörperte einen untoten Ex-Nazi in der Vampir-Serie „The Strain“ und allen voran war er natürlich in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ dabei – und das sind nur einige Rollen.
Da ist die Besetzung als hier auf der „guten“ Seite stehender Geschäftsmann, der auch verzweifelt bemüht scheint, das „Richtige“ zu tun, ein wunderbarer Kontrapunkt, der zeigt, wie stark eine simple Casting-Entscheidung mit Symbolkraft aufgeladen sein kann.
Auch Marc Rissmann ist dabei
Wie eingangs erwähnt, ist Sammel nicht der einzige deutsche Schauspieler in der zweiten Staffel von „Andor“. Im Team von Saw Gerrera (Forest Whitaker) lernen wir einen Mann namens Pluti kennen, der von Wilmon (Muhannad Ben Amor) ausgebildet werden soll, sich aber als Verräter entpuppt. Gespielt wird diese Figur aus dem u. a. auch aus „Game Of Thrones“ oder zuletzt dem Kinofilm „The Amateur“ bekannten Marc Rissmann. Bereits in der ersten „Andor“-Staffel gab es mit Clemens Schick übrigens einen deutschen Schauspieler in einer Nebenrolle. Er gehörte zu den Insassen auf Narkina 5.
Dass „Star Wars“ nicht nur Geschichte spiegelt, sondern auch durch seine Casting-Entscheidungen neue Perspektiven eröffnet, ist eines der vielen Elemente, die „Andor“ so außergewöhnlich machen. Selbst hinter einer notgedrungenen Umbesetzung und dem nur ganz kurzen Auftritt der Figur in der aktuellen sechsten Episode steckt eine Menge. Mehr dazu gibt es im folgenden Artikel:
"Andor" hat eine "Star Wars"-Kultrolle mit einem Hollywood-Star neu besetzt – und er passt wie die Faust aufs Auge