1961, 14 Jahre nach dem realen Nürnberger Juristenprozess, brachte Regiegröße Stanley Kramer ihn auf die Leinwand: „Das Urteil von Nürnberg“ behandelt in fiktionalisierter und verdichteter, dank intensiver Recherche dennoch authentischer Form, wie sich NS-Juristen vor einem amerikanischen Militärgericht dafür zu verantworten hatten, dass sie das Recht aushebelten und so Menschen in den Tod schickten. International fand das dialogreiche, unbequeme Drama Anklang, in Deutschland hingegen gab es damals viele negative Stimmen, die sich gegen die Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit wehrten.
Auch die hiesige Kinoauswertung fiel sieben Jahre vor der 68er-Bewegung überschaubar aus – viele Lichtspielhäuser weigerten sich, den Film zu zeigen. Mittlerweile wird der Justizfilm auch hierzulande als wichtiger, meisterlich verwirklichter Klassiker gefeiert – und in Zeiten des gesellschaftlichen Rechtsrucks und der Geschichtsvergessenheit kann man ihn nicht genügend Menschen ans Herz legen. „Das Urteil von Nürnberg“ ist heute, am 8. Mai 2025, ab 20.15 Uhr bei arte zu sehen. Zudem gelangt das historische Justizdrama in die arte-Mediathek und ist im Abo von Amazon Prime Video enthalten.
Darum geht es in "Das Urteil von Nürnberg"
Nürnberg ist noch eine Trümmerstätte, als der US-Richter Dan Haywood (Spencer Tracy) dort den Vorsitz im Prozess gegen vier ehemalige Juristen des NS-Regimes (u.a. Burt Lancaster) übernimmt. Es ist ein einschneidendes Verfahren, da die Angeklagten dafür sorgten, dass sich das Recht im Sinne der nationalsozialistischen Politik beugt und der ausschweifend definierten politischen Gegenseite der Tod sicher war. Jedoch ließe sich argumentieren, dass das Handeln der Angeklagten durch damalige Gesetze gedeckt wurde...
Chefankläger Ted Lawson (Richard Widmark) will harte Strafen sehen, erhält aber nicht nur durch den deutschen Verteidiger Hans Rolfe (Maximilian Schell) Gegenwind: Es zeigt sich, dass die alliierten Richter unter Erwartungsdruck stehen, mildere Urteile zu fällen. Denn vor dem Hintergrund des Kalten Kriegs und der Berlin-Krise sind frühere Feinde rasch zu (noch unsteten) Verbündeten geworden. Haywood muss also nicht nur einen wichtigen, emotional aufgeladenen Prozess mit eingeschüchterten, traumatisierten Zeug*innen und ungezügelten Anwälten leiten, sondern auch politisch instabiles Gebiet durchkreuzen.
Darüber hinaus bemüht sich Haywood, ein Verständnis dafür zu gewinnen, welche Mentalität in der Bevölkerung vorherrschte, und wie sie die Gräueltaten der Nazis geschehen lassen konnte. So lernt er die Generalswitwe Berthold (Marlene Dietrich) kennen, deren Mann nach dem Krieg zum Tode verurteilt wurde und die felsenfest behauptet, das Volk hätte nichts ahnen können...
Mahnend, fesselnd und stark gespielt
„Das Urteil von Nürnberg“ ist eine erschütternd gespielte, kraftvoll umgesetzte Auseinandersetzung mit dem Problem objektiver juristischer Wahrheitsfindung, dem Dilemma, wie man sich auf angemessene Strafen für unmenschliche Taten einigt, und der kniffligen Aufarbeitung einer langen Verkettung skrupellosen Handelns, das Millionen von Menschen das Leben kostete.
Das Justizdrama zeigt zudem unmissverständlich auf, dass diktatorischer Terror und industrielle Vernichtung von Menschenleben nicht urplötzlich passieren, sondern aus langwierigen Prozessen entwachsen: konstante Verharmlosung von Hass, Dämonisierung und Hetze ebenso wie andauernde gesellschaftliche Ignoranz. Daher ist das von Abby Mann verfasste, in der deutschen Dialog-Fassung von „Im Westen nichts Neues“-Autor Erich Maria Remarque überarbeitete Justizdrama nicht nur ein Mahnmal an zurückliegende Verbrechen, sondern auch Warnung vor wiederholter Untätigkeit.
Dank einer differenzierten Charakterzeichnung, dem Verzicht auf bequemlich-einfache Antworten und einer ausgefeilten Dramaturgie ist „Das Urteil von Nürnberg“ aber kein bloßes Botschafts-, sondern obendrein herausragendes Schauspielkino! „Flucht in Ketten“-Regisseur Kramer setzt die Verhandlung recht dynamisch in Szene, ohne die Inszenierung so arg ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, dass es dem Gesagten im Weg stünde, und schafft so die cineastische Bühne für starke Performances.
Neben Tracy als um Überblick bemühtem Richter, Widmark als ungestümem Ankläger, Schell als eiskaltem Verteidiger und Dietrich als lange Zeit undurchschaubare Witwe stechen auch Judy Garland und William Shatner vor seiner „Star Trek“-Phase ins Auge. Und wenn ihr nach dem Anschauen von „Das Urteil von Nürnberg“ dringend eine Aufmunterung benötigt – wie wäre es mit unserem folgenden Streaming-Tipp?
Heute Abend streamen: Dieser Kino-Hit mit George Clooney und Julia Roberts ist ein Muss für alle Kinder der 1990er-Jahre!*Bei den Links zum Angebot von Amazon handelt es sich um sogenannte Affiliate-Links. Bei einem Kauf über diese Links oder beim Abschluss eines Abos erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.