Man könnte meinen, die moralische Welt von Oz sei einfach: Glinda (Ariana Grande) in Glitzer und Pink ist die Gute, Elphaba (Cynthia Erivo) in düsterem Schwarz ist die Böse. Doch „Wicked: Teil 2“ beweist, dass diese oberflächliche Farbsymbolik eine große visuelle Täuschung ist. Der Film nutzt die klassischen Märchen-Stereotypen – von Hexenhut und Besen bis hin zu Glitzerzauberstab und Prinzessinnen-Look – bewusst als Köder, um unser festgelegtes Verständnis von Heldentum und Schurkentum radikal umzustürzen.
Glitzernde Fassaden & grüne Wahrheiten
Pink und Grün – kaum eine Farbkombination ist im Kino so fest mit den Stereotypen von Gut und Böse verbunden wie in der Welt von Oz. Und doch ist es genau diese scheinbar einfache Farbwahl, die in „Wicked: Teil 2“ zur narrativen Waffe wird. Der Film nutzt diese visuellen Klischees nicht, um sie zu bestätigen, sondern um sie zu untergraben und unser modernes Verständnis von Moral herauszufordern.
Die Kostüme und Inszenierungen der Hauptfiguren dienen anfangs als klarer, fast schon provokanter Kontrast, der auf einer bewussten Über-Stereotypisierung basiert:
- Glinda strahlt in pastellfarbenen Pink und funkelndem Glitzer. Mit ihren blonden Haaren, einem prinzessinnenhaften Aussehen und dem obligatorischen Glitzerzauberstab ähnelt sie einer guten Fee. Ihre Fortbewegung in einer eleganten Seifenblase mit Samtsofa manifestiert puren, unbeschwerten Luxus. Sie ist die Inkarnation des beliebten, gesellschaftlich akzeptierten Ideals von Güte.
- Elphaba hingegen wird sofort in durchgängiges Schwarz gehüllt. Ihre schwarzen Haare und der archetypische, spitze Hexenhut bedienen das Klischee der bösen Hexe aus dem Märchenbuch. Ihr Fortbewegungsmittel ist ein einfacher Besen. Später wird sie im Zuge der Stigmatisierung auf Plakaten als furchteinflößende Schurkin gezeichnet. Sie ist optisch die Außenseiterin, die Verkörperung des Bösen, bevor sie überhaupt eine Tat begangen hat.
Die Komplementärfarben-Dynamik
Eine der cleversten Zeilen aus „Wicked“ – „Pink goes good with green“ – erhält im zweiten Teil ihre wahre Bedeutung. Die Farben Pink (oder das ihm nahestehende Magenta/Rot) und Grün sind auf dem Farbkreis Komplementärfarben. Diese Paarung erzeugt den stärksten Kontrast, wirkt kraftvoll und dynamisch – und genau das ist das zentrale Dilemma der beiden Protagonistinnen. Sie sind dazu bestimmt, sich gegenseitig in ihrer Entwicklung zu ergänzen und herauszufordern (Liedzeile: „Because I knew you, I have been changed for good“), aber ihr Umfeld zwingt sie in eine feindselige Gegnerschaft.
Die Farb-Kombi symbolisiert, dass Glinda und Elphaba nur zusammen eine wahre, vollständige Einheit bilden, die die moralische Komplexität von Oz abbilden kann. Die Spaltung in „Gut“ und „Böse“ zerstört diese Einheit.
Universal Studios
Glinda: Pink als Maske der Macht
Die Farbe von Glindas Kleidung spiegelt perfekt ihre Ambivalenz wider: Pink steht für Dominanz, Selbstbewusstsein und die Ablehnung, übersehen zu werden. Im weitesten Sinne symbolisiert das zugrunde liegende Rot Leidenschaft und Energie, aber eben auch Warnung, Gefahr und Aggression.
Heute würden wir Glinda wohl als eine Figur mit zahlreichen „Red Flags“ bezeichnen. Ihr Handeln ist getrieben von einem tief sitzenden Wunsch nach Anerkennung und Status, der sie zu fragwürdigen, eigennützigen Entscheidungen verleitet. Glindas Pastell-Pink ist eine Fassade, hinter der sich ein Streben nach Dominanz und das Festhalten an bequemen Lügen verbergen. Ihr Äußeres wird zum Spiegelbild der Oberflächlichkeit einer Welt, die lieber dem schönen Schein als der unbequemen Wahrheit folgt.
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Elphaba: Herz-Chakra vs. das Böse
Auch Elphabas Grün ist bewusst vielschichtig gewählt: Im positiven Sinne steht Grün für Natur, Hoffnung, Wachstum, Heilung und für das Herz-Chakra – also Liebe, Vertrauen und Vergebung. Moralisch gesehen agiert Elphaba zunehmend aus diesem Herzen heraus; sie kämpft für die unterdrückten Tiere von Oz und für die Gerechtigkeit gegen die Korruption des Zauberers (Jeff Goldblum).
Im negativen Sinne kann Grün jedoch für Neid, Unreife und historisch oft für das Böse assoziiert werden. Elphabas grüne Haut zwingt sie von Anfang an in die Außenseiterrolle und das Stigma des „Bösen“. Ihr Schwarz im Kostüm dient allerdings nicht als Zeichen ihrer Bösartigkeit, sondern kann vielmehr als uniformierte Ablehnung der Korruption und als Art der Trauer über die Ungerechtigkeit in Oz gelesen werden. Das Etikett „Böse Hexe des Westens“ wird ihr willkürlich und strategisch von der Obrigkeit verliehen – ein Akt der politischen Manipulation, der ihre wahre Rolle als moralische Kompassnadel verschleiert.
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Der Schein trügt
Die Kostümierung in „Wicked: Teil 2“ ist eine geniale künstlerische Entscheidung. Sie ist nicht nur ästhetisch, sondern funktional und unterstreicht das zentrale Thema des Werkes visuell: Der Schein trügt. Die Zuschreibungen von Gut und Böse in Oz sind willkürlich und dienen oft der politischen Propaganda, nicht der moralischen Wahrheit.
Der Film lehrt uns, über die Farbe hinauszusehen und die Absichten hinter den Taten zu beurteilen. „Wicked: Teil 2“ zwingt uns als Publikum dazu, „die Gute“ Glinda kritisch zu hinterfragen und sich mit „der Bösen“ Elphaba zu solidarisieren. Wahre Güte zeigt sich nicht in der Kleiderwahl oder der öffentlichen Beliebtheit, sondern in der Bereitschaft, für die Gerechtigkeit einzustehen – auch wenn man dafür zur „Bösen Hexe“ erklärt wird.
Und zum Schluss: Warum ihr in „Wicked: Teil 2“ das Gesicht von Dorothy nicht zu sehen bekommt, erfahrt ihr im nachfolgenden Artikel:
Diese Schauspielerin verkörpert Dorothy in "Wicked: Teil 2" – und darum wird ihr Gesicht nicht gezeigt