Deutschlands größte Oscar-Hoffnung des Jahres: "Hedda"-Star Nina Hoss im exklusiven FILMSTARTS-Interview
Christoph Petersen
Christoph Petersen
-Chefredakteur
Schaut 800+ Filme im Jahr – immer auf der Suche nach diesen wahrhaftigen Momenten, in denen man dem Rätsel des Menschseins ein Stück näherkommt.

Langsam geht es in die heiße Phase der Awards-Saison – und auch Nina Hoss ist aussichtsreich im Rennen dabei. FILMSTARTS-Chefredakteur Christoph Petersen hat die längst auch international gefeierte Schauspielerin in Berlin zum Gespräch getroffen.

Amazon

Vor drei Jahren war Nina Hoss, die spätestens seit ihrem 2014er-Doppelschlag „Phoenix“ und „A Most Wanted Man“ auch international den allermeisten Kinofans ein Begriff ist, schon einmal aussichtsreich im Oscar-Rennen dabei. Am Ende hat es für „Tár“ zwar knapp nicht zur Nominierung gereicht, aber dafür konnte sie an der Seite ihres Co-(Super-)Stars Cate Blanchett eine Menge lernen. Jetzt gibt es direkt die nächste Chance: In der Amazon-Adaption „Hedda“ – nach dem Henrik-Ibsen-Klassiker „Hedda Gabler“ – verkörpert Nina Hoss an der Seite von Tessa Thompson die queere Literaturwissenschaftlerin Eileen Lovborg, die mit ihrem Auftritt auf einer Party nicht nur die gesamte Festgesellschaft in Aufruhr versetzt, sondern mit einem angekündigten Buch über Fetisch-Praktiken auch droht, den ganzen angestaubten akademischen Apparat auf den Kopf zu stellen.

Dabei kennt Nina Hoss das Stück über die gelangweilte Generalstochter Hedda Gabler, die ihre existenzielle Langeweile durch manipulatives Eingreifen in die Leben anderer zu vertreiben versucht und dabei auch vor ihrer Ex-Geliebten Eileen Lovborg nicht Halt macht, nur zu gut – sie hat die Titelfigur schließlich selbst schon jahrelang auf der Bühne verkörpert. So wusste sie natürlich auch sofort, dass Regisseurin Nia DeCosta („28 Years Later: The Bone Temple“) die Handlung in ihrer Neuverfilmung nicht nur aus den 1890ern in die 1950er verlegt, sondern aus dem Ex-Geliebten Ejlert Løvborg auch die Ex-Geliebte Eileen Lovborg gemacht hat…

Hedda
Hedda
Starttermin 29. Oktober 2025 | 1 Std. 47 Min.
Von Nia DaCosta
Mit Tessa Thompson, Nina Hoss, Nicholas Pinnock
User-Wertung
2,9
Filmstarts
3,0
Im Stream

FILMSTARTS: Ich wollte mit der Frage einsteigen, ob Eileen Lovborg eigentlich der coolste Rollenname ist, den du jemals hattest. Aber dann begann die Recherche – und deine Filmographie startet direkt mit Marilli Kosemund und Rosemarie Nitribitt. Bei dir scheint also echt niemand auf die Idee zu kommen, dich mal als eine Anna Müller oder Marie Schmidt zu besetzen …

Nina Hoss: Wie interessant, da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Aber ja, das finde ich eigentlich toll.

FILMSTARTS: Gerade in „Hedda“ ist es ja auch wichtig, dass der Name etwas Besonderes ist – schließlich wird er schon vor deinem Auftritt ständig verwendet, weil alle konspirativ über die Figur tuscheln. Da erreicht Eileen Lovborg fast schon eine mythologische Dimension, bevor sie überhaupt das erste Mal zu sehen ist. Ist das ein Geschenk für dich als Schauspielerin? Oder erhöht es den Druck, weil man dieser aufgebauten Erwartung dann auch von Sekunde eins an gerecht werden muss?

Nina Hoss: Eine Mischung. Einerseits kriegt man nicht so oft Rollen angeboten, wo erst eine halbe Stunde lang über einen gesprochen wird. Aber um das einzulösen, bin ich auch darauf angewiesen, wie der Auftritt gefilmt wird. Geprobt haben wir die Szene so, dass ich in den Saal komme, Hedda weit entfernt an der Bar steht und langsam auf mich zukommt, während der ganze Trubel um uns herum stoppt. Aber als ich dann am Tag am Set stand, und es war tatsächlich mein allererster Tag, habe ich gesehen, wie Tessa extra auf einem Wagen festgezurrt und zusammen mit der Kamera langsam auf mich zugezogen wurde. Da war für mich klar: „Okay, das wird jetzt echt ein Geschenk.“ Die Welt steht still, gleichzeitig ändern sich die Dynamik und das Tempo, es ist wie ein Neuanfang.

Nina Hoss im Gespräch mit FILMSTARTS-Chefredakteur Christoph Petersen in einer Berliner Veranstaltungs-Location. Webedia
Nina Hoss im Gespräch mit FILMSTARTS-Chefredakteur Christoph Petersen in einer Berliner Veranstaltungs-Location.

FILMSTARTS: Du rockst es zwar total, aber dein Kostüm ist ja schon sehr „out there“. Wie hast du reagiert, als du es zum ersten Mal gesehen hast?

Nina Hoss: Wir haben das ja gemeinsam entwickelt. Es war die Idee von Lindsay Pugh, dass Eileen ein Kleid trägt. Wir hätten es auch Katherine-Hepburn-mäßig machen können, also mit Anzug und Krawatte, wo man sich eindeutig als Mann kleidet. Aber wir wollten signalisieren, dass sich Eileen nicht für ihre Weiblichkeit entschuldigt. Zugleich ist das Kleid aus einem Material, das an einen Smoking erinnert. Zudem musste das Kostüm später in der Szene funktioniert, wo Eileen nass vor die Männer tritt, ohne zu merken, dass ihr Kleid durchsichtig geworden ist. All das wollten wir verbinden – und dann hatte ich auch den Wunsch, dass es wie ein Art Korsett fungiert, weil Eileen erst seit drei Monaten trocken ist und jetzt zum ersten Mal wieder auf eine Party kommt, ihr also noch die Festigkeit fehlt.

FILMSTARTS: Du hast Hedda Gabler ja selbst in einer – ikonischen – Inszenierung am Deutschen Theater verkörpert. Wie war das beim ersten Treffen mit Tessa Thompson: Hast du es von dir aus erwähnt – oder will man ihr da auch erst mal nicht reinreden, wenn sie nicht von sich aus danach fragt?

Nina Hoss: Sie wusste es schon. Sie hatte alles über Hedda recherchiert, was man recherchieren kann – unter anderem eben auch, dass ich sie gespielt habe. Nicht klar war ihr aber, dass wir das über einen so langen Zeitraum gespielt haben, bestimmt sechs Jahre lang. Da war sie sehr erstaunt, denn in den USA laufen solche Stücke ja meist nur für ein paar Wochen. Ich glaube, es hat am Ende allen geholfen, dass ich das Material so in- und auswendig kannte, dass ich es gerade deswegen komplett loslassen konnte. Wir mussten uns da einfach gemeinsam durcharbeiten, weil sich die ganze Dynamik verändert, jetzt wo Ejlert Lövborg eben Eileen Lovborg ist.

Amazon hat bei „Hedda“ keine Kosten und Mühen gescheut – und ist auch in Sachen Ausstattung und Kostümen in die Vollen gegangen. Amazon
Amazon hat bei „Hedda“ keine Kosten und Mühen gescheut – und ist auch in Sachen Ausstattung und Kostümen in die Vollen gegangen.

FILMSTARTS: Hat dir der Geschlechtertausch sofort eingeleuchtet oder wolltest du erst mal das Skript lesen, um zu schauen, ob das Sinn ergibt?

Nina Hoss: Nein, das hat mir sofort eingeleuchtet. Ich habe schon so viel über Ejlert Lövborg nachgedacht – und in dem Moment, als ich erfahren habe, dass es eine Frau wird, habe ich verstanden, dass der Druck, der auf dieser Figur lastet, gleich doppelt so hoch ist. Wenn Ejert sein Manuskript verliert oder nicht die gewünschte Professur bekommt, dann denkt man sich: „Gut, das ist tragisch, aber Du bekommst bestimmt noch eine zweite Chance…“ Aber der Druck, der auf einer Frau wie Eileen liegt, die in den 1950er Jahren über weibliche Sexualität schreiben möchte, in einer Welt, wo die Männer die Machtfäden in der Hand halten – da musste ich sofort an Shere Hite denken, die 1976 den Hite-Report veröffentlicht hat (eine unglaublich tolle Figur, deren Geschichte eh jeder mal nachschlagen sollte).

FILMSTARTS: Apropos Druck, bei Komödien herrscht ja dem Klischee nach meist eine ganz ernste Stimmung am Set. Wie ist das bei einer so fatalistischen Tragödie wie „Hedda“, wird da hinter den Kulissen besonders viel gescherzt?

Nina Hoss: Bei Tragödien wird definitiv immer am meisten gelacht. Bei Komödien ist halt das Schwierige, den Rhythmus hinzukriegen – und da muss man sich dann so lange ernsthaft durcharbeiten, bis es wirklich leicht wird und man den Stoff regelrecht betanzen kann. Bei „Hedda“ war es eine Mischung, denn auch hier gab es immer wieder Szenen, in denen es ganz besonders auf den richtigen Rhythmus ankommt: Zum Beispiel der Moment, als Eileen zum ersten Mal wieder das Glas nimmt und trinkt. Das muss wahnsinnig schnell passieren, als ob sie gar nicht mehr richtig wahrnimmt, was sie da eigentlich tut. Sie wird getrieben, greift hin und schon ist verloren.

FILMSTARTS: Der Film spielt zum allergrößten Teil in einer einzigen Nacht auf einer ausschweifenden Party – da ist ein fließender Rhythmus natürlich immens wichtig. Im fertigen Film spielt der treibend-jazzige Trommel-Score dabei eine ganz entscheidende Rolle. Wusstet ihr schon beim Dreh, wie der Film später einmal klingen wird – oder kam das alles erst im Schnitt?

Nina Hoss: Nein, wir wussten schon bescheid. Hildur Guðnadóttir war auch selbst am Set und hat unsere Stimmen und Atemgeräusche aufgenommen. Da haben wir einen Tag lang so eine richtige kleine Session gemacht. Von Nia gab es den Wunsch, dass der Atem im Score einen großen Stellenwert haben sollte – und immer, wenn er jetzt im Film zu hören ist, hat das so etwas Treibendes, dass man schon ahnt, dass gleich etwas Unerwartetes passieren wird. Ich finde großartig, was Hildur mit der Musik macht.

FILMSTARTS: Du reist gerade wahnsinnig um die Welt für den Film – auch jetzt geht’s direkt wieder zurück in die USA. Wie funktioniert eigentlich dieser Prozess, wenn die Studios entscheiden, welche Filme und welche Personen sie jetzt für die anstehende Awards-Saison puschen wollen? Ruft da irgendwann das Oscar-Team von Amazon an und sagt: „Lass uns mal schauen, ob da nicht was geht in diesem Jahr?“

Nina Hoss: Nein, das ergibt sich einfach so. Und dann ist auch die Frage, ob man überhaupt die Zeit dafür hat. In diesem Fall habe ich sie jetzt, selbst wenn ich zwischendrin noch in London gedreht habe. Dann baut man seine Termine eben so drumherum, dass man versucht, möglichst viel möglich zu machen. Es passiert auch immer seltener, dass ein Film eine solche Aufmerksamkeit bekommt, dass es eine längere Zeitspanne gibt, in der man über seine Arbeit sprechen kann. Ich umarme jetzt erst einmal diese Möglichkeit. Man wird dann noch hier und dort eingeladen und irgendwann kommen die Nominierungen oder auch nicht. Wenn sie nicht kommen, dann ist man raus, wenn sie kommen, dann geht‘s weiter. Ich glaube, so läuft das ungefähr …

FILMSTARTS: Bist du denn diesmal entspannter, nachdem du das alles bei „Tár“ schon mal in ähnlicher Form mitgemacht hast?

Nina Hoss: Ich bin froh, dass es ich es schon gemacht habe – und zwar vor allem deshalb, weil ich mit Cate Blanchett natürlich einen absoluten Vollprofi in diesen Dingen an meiner Seite hatte, dem ich da einfach hinterherdackeln konnte. Ich glaube, sonst kann das teilweise auch wirklich überfordernd sein. Aber mit dieser Vorerfahrung fällt es mir definitiv leichter.

FILMSTARTS: Du hast jetzt quasi drei Karrieren – einmal in Deutschland, einmal in Hollywood, und die großen internationalen Festival-Regisseur*innen haben dich natürlich auch längst auf dem Schirm. Deine Zusammenarbeit mit Radu Jude, „Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt“, zählt zum Beispiel zu meinen absoluten Favoriten der letzten Jahre. Versuchst du bewusst, alle Bälle in der Luft zu halten?

Nina Hoss: Mir geht es immer um den Stoff und die Frage, ob ich den Film selbst sehen will. Und natürlich geht es um die Menschen, mit denen man zusammenarbeitet – wenn ich deren Arbeit schätze, dann sage ich sofort „Ja“, fast egal, was es ist. Ich finde es allerdings schon wichtig, immer mal wieder auf Deutsch zu spielen, da kommt es einfach mehr direkt aus der Magengrube. Wobei es auch befreiend sein kann, auf Englisch oder Französisch zu spielen – gerade, weil man da noch mal über eine extra Ebene hinwegkommen muss. Deshalb ist beides spannend und ich wäre froh, wenn ich da noch lange so hin und her tanzen kann. Toi, toi, toi! [klopft auf den Holztisch]

Wenn ihr euch „Hedda“ nach dem Interview jetzt auch ansehen wollt, könnt ihr dies bei Amazon Prime Video direkt tun (mit Prime-Abo sogar ohne zusätzliche Kosten):

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