Virginia Woolf war Vorreiterin und Pionierin nicht nur für moderne Literatur: Ihre Schriften prägten auch maßgeblich das feministische Denken. So kritisierte sie bereits in den 1920er- und 30er-Jahren die männliche Geschichtsschreibung und setzte sich für die Selbstbestimmung der Frau, vor allem auch die der Schriftstellerin ein: Ihr Essay „Ein Zimmer für sich allein” von 1928 zählt bis heute zu den meistzitierten Texten der Frauenbewegung. Er benennt die Grundvoraussetzungen für weibliches (literarisches) Schaffen: Nämlich, dass eine Frau, um schöpferisch tätig zu sein, die finanziellen Mittel, sowie ein Zimmer für sich selbst brauche, in dem sie ungestört arbeiten könne - etwas, das für Frauen dieser Zeit bei weitem nicht selbstverständlich war.
Woolfs Leben selbst war geprägt von psychischen Krisen und geistigen Tiefs, ehe sie sich schließlich das Leben nahm. Sie hinterließ einen Brief an ihren Mann Leonard, in dem sie schrieb: „Ich glaube nicht, dass zwei Menschen glücklicher hätten sein können, als wir es gewesen sind.” Dieser Brief nun, ihr Suizid und vor allem ihr Roman „Mrs. Dalloway”* geben den Rahmen für Stephen Daldrys „The Hours”, der wiederum auf dem gleichnamigen, mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman von Michael Cunningham* basiert. Drei Zeitebenen, drei Frauenschicksale werden hier auf meisterhafte Weise verwebt, machen gleichzeitig Psychologisches spürbar - und davon könnt ihr euch am heutigen 12. Januar 2026 um 20.15 Uhr auf ONE selbst überzeugen. Eine Wiederholung folgt am am 15. Januar um 23.10 Uhr. Alternativ könnt ihr den Film für ein paar wenige Euro auch terminunabhängig als Video-on-Demand streamen:
Falls ihr Amazon-Prime-Kund*in sein solltet, könnt ihr „The Hours“ übrigens unter dem obigen Link ganz ohne Aufpreis streamen. Dazu müsst ihr euch lediglich für den siebentägigen Gratis-Test des CNMA-Arthouse-Channels anmelden. Sofern ihr nicht wieder stornieren wollt, werden nach dem Probezeitraum 3,99 Euro pro Monat fällig.
Brillante Stars
Eindrucksvoll ist „The Hours” nicht nur wegen seines kunstvollen Ebenen-Arrangements. Vor allem die Darstellerinnen wissen zu überzeugen: Die Rolle der labilen und doch starken Virginia Woolf spielt Nicole Kidman, die diese, mit einer unechten Nase beinah nicht wiederzuerkennen, subtil und doch mit Tiefgang ausfüllt - und dafür zurecht mit dem Oscar als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde.
Damit befindet sie sich in bester Gesellschaft: Meryl Streep war für „The Hours” zwar „nur” hochgelobt und nicht nominiert worden, führt mit 21 anderweitigen Nominierungen und drei gewonnenen Oscars („Kramer gegen Kramer”, „Sophies Entscheidung” und „Die Eiserne Lady”) aber den Oscar-Rekord. Auch Julianne Moore, die für „The Hours” als Nebendarstellerin nominiert wurde, kann drei weitere Nominierungen sowie einen Gewinn (für „Still Alice”) auf ihrem Konto verbuchen.
Im Kaleidoskop der Zeit
„The Hours” erzählt parallel von einem Tag dreier Frauen in verschiedenen Epochen: 1923 schreibt Virginia Woolf (Nicole Kidman), von Depressionen gezeichnet, an ihrem Roman „Mrs. Dalloway”. Dieser wiederum beeinflusst die 1951 in Los Angeles lebende Laura Brown (Julianne Moore) nachhaltig. 2001 wiederum wird Clarissa Vaughan (Meryl Streep) von ihrer an AIDS erkrankten Jugendliebe Richard (Ed Harris) liebevoll „Mrs. Dalloway” genannt - wobei sie ihren Tag, wie die Romanfigur Clarissa Dalloway auch, mit dem Kauf von Blumen und Partyvorbereitungen beginnt.
Die Ebenen verschränken sich dabei nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf Bildebene: Frauen erwachen, Blumen werden zu verschiedenen Zeiten auf den Tisch gestellt, in verschiedenen Leben. Es entfaltet sich ein dichtes Netz aus Spiegelungen und Parallelen, das nicht nur aufeinander, sondern auch auf darunter Liegendes verweist: Alle drei Frauen haben gemeinsam, dass sie in Abhängigkeiten leben, innerlich zerrissen sind, sich emanzipieren müssen.
Drei Schicksale, die sich berühren
Woolfs „Mrs. Dalloway” beschreibt einen Tag im Leben der Londoner Dame Clarissa Dalloway, die scheinbar banalen Tätigkeiten nachgeht. Der große Kunstgriff des Romans liegt in seiner Erzählweise: So besteht ein Großteil des Erzählten aus der Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistin, aus Assoziationsfetzen und inneren Monolgen über verpasste Chancen, Gesellschaft, Tod und Krieg. Im übertragenen Sinne findet dies sich in „The Hours” wieder - jedoch innerhalb der Frauenfiguren, deren Druck und Anspannung, denen jede auf eine andere Art und Weise ausgeliefert ist, spürbar wird.
„The Hours” ist ein leiser, kluger und zutiefst melancholischer Film, der zeigt, was Frausein in verschiedenen Zeiten bedeuten kann - getragen von den Performances ihrer Protagonistinnen, die die unerträgliche Leichtigkeit des Seins in den Banaltiäten, denen sie nachgehen, so wundervoll einfangen.
Weitaus lauter geht es indes in unserem Streaming-Tipp zur Sache:
Streaming-Tipp: Ein mitreißendes Abenteuer-Spektakel von den "Fluch der Karibik"-Machern*Bei dem Link zum Angebot von Amazon handelt es sich um einen sogenannten Affiliate-Link. Bei einem Kauf oder beim Abschluss eines Abos über diesen Link erhalten wir eine Provision. Auf den Preis hat das keinerlei Auswirkung.
Dies ist eine aktualisierte Wiederveröffentlichung eines bereits auf FILMSTARTS erschienenen Artikels.