Dieses Meisterwerk geht an die Nieren und ist dennoch wunderschön: Dieses Jahr erscheint es erstmals in HD
Sidney Schering
Sidney Schering
-Freier Autor und Kritiker
Er findet Streaming zwar praktisch, eine echte Sammlung kann es für ihn aber nicht ersetzen: Was im eigenen Regal steht, ist sicher vor Internet-Blackouts, auslaufenden Lizenzverträgen und nachträglichen Schnitten.

Eine unerschütterlich wirkende Größe des Autorenkinos wird an ihre Grenzen gebracht. Die Schönheit und Unbarmherzigkeit der Natur prallen aufeinander. Und es stellt sich die Frage, was Wahn und Sinn trennt: „Grizzly Man“ feiert bald Blu-ray-Premiere.

Durch Filme wie „Aguirre, der Zorn Gottes“ erarbeitete sich Werner Herzog den Ruf eines kompromisslosen Autorenfilmers, Werke wie das Doku-Essay „Lektionen in Finsternis“ verhalfen ihm zudem zu Anerkennung als Dokumentarfilmregisseur. Vor rund 20 Jahren ergatterte Herzog weiteres Prestige in diesem Metier, als sein Dokumentarfilm „Grizzly Man“ über den Tierschützer Timothy Treadwell international euphorisches Presse-Echo hervorrief und zahlreiche Preise gewann.

Seither ist das Ansehen der Doku weiter gestiegen: Viele Publikationen wählten sie unter die besten Filme des Jahrhunderts, etwa Rolling Stone, The Hollywood Reporter und The New York Times. Auch bei FILMSTARTS hat Herzogs Arbeit dank einer 5-Sterne-Kritik von Carsten Baumgardt Meisterwerk-Status – und bald bekommt die vielschichtige Produktion ein Upgrade: Am 9. April 2026 erscheint „Grizzly Man“ in Deutschland erstmals auf Blu-ray!

Davon berichtet "Grizzly Man"...

13 Sommer verbrachte der Aktivist Timothy Treadwell fernab von der von ihm zunehmend verachteten Menschheit. In Alaskas Katmai Nationalpark mischte er sich unter Bären, was er in seinen letzten fünf Jahren haarklein auf Video dokumentierte. Aus den so entstandenen 100 Stunden Rohmaterial und neuen Interviews mit Menschen, die Treadwell mochten, hassten und besorgt beobachteten, formt Herzog das komplexe Porträt eines Exzentrikers und Ex-Trinkers, dem ein Arzt zudem eine manische Depression attestierte.

Zugleich ist es eine Auseinandersetzung mit den Bemühungen Treadwells, anderen Menschen Respekt und Liebe zur unberührten Natur beizubringen, während er selbst die Grenze zwischen der menschlichen Welt und der Fauna konsequent ignorierte. Bis er 2003 gemeinsam mit seiner Freundin Amie Huguenard unter grausamen Umständen verstarb...

...und (unter anderem) darum geht es in "Grizzly Man"!

Die berühmteste Passage von „Grizzly Man“ ist zugleich die verstörendste: Herzog, der zuvor schon in tiefe Abgründe geblickt hat, hört sich die letzte Aufnahme Treadwells an – und ist sichtbar aufgewühlt. Dieser Mann, der so viel durchstanden hat und dem eine kühl-abgebrühte Art nachgesagt wird, fordert Treadwells Ex-Partnerin Jewel Palovak, die Besitzerin der Aufzeichnung, bestürzt dazu auf, sie sich niemals anzuhören. Sie solle sie zerstören! Es ist ein beklemmender Moment, der das Kopfkino anregt und aufzeigt, dass das Leben jederzeit plötzlich und schmerzhaft enden kann.

Doch „Grizzly Man“ wäre kein zentrales Werk in Herzogs Schaffen, gäbe es keine weiteren, bereichernden und sich in ihrer Widersprüchlichkeit ergänzenden Perspektiven: Herzogs Umgang mit Palovak zeugt zugleich von Empathie. Und sein Entschluss, nicht einmal häppchenweise das schockierende Material auszuschlachten, lässt eine Zurückhaltung und Menschlichkeit in Herzogs Wesen erahnen, die nichts mit dem nihilistischen Abziehbild gemein hat, das im Diskurs um ihn heraufbeschworen wird.

Grizzly Man
Grizzly Man
Von Werner Herzog
Mit Timothy Treadwell, Werner Herzog, Amie Huguenard
Starttermin 13. November 2006
Pressekritiken
4,6
User-Wertung
3,9
Filmstarts
5,0

Was für diesen Augenblick in „Grizzly Man“ gilt, gilt ebenso für den restlichen Film: Das von Herzog ausgewählte, weitere Material von Treadwell umspannt überschwängliche Begeisterung, die viele als oberpeinlich auffassen werden, bildschöne Naturimpressionen und nachdenklich stimmende Einschätzungen über die (Un-)Möglichkeit eines Nebeneinanders von Mensch und Tier. Gleichzeitig stellt „Grizzly Man“ durch Herzogs Montage und die von ihm geleiteten Interviews die Frage, wo Passion zu Obsession wird. Weiter dient der Film als Selbstreflexion Herzogs, der sich und frühere, schwierige Weggefährten in Treadwell erkennt.

So kritisch diese Selbstreflexion zuweilen wird, so anerkennend ist Herzogs Auseinandersetzung mit dem Tierschützer an anderer Stelle – eine Zerrissenheit, die der Regisseur inszenatorisch spiegelt, indem er seine Passagen an Treadwells ungeschulte Bildsprache angleicht. Mit befremdlichem, komischem, verwirrendem und kleinlaut-mitfühlendem Effekt, der die Tragik und Mehrdimensionalität von Herzogs verstorbenem Objekt der Neugier herausstellt.

Eine nuancierte, berührende und auch kauzige Glanzleistung eines anderen Meisterregisseurs stellen wir euch derweil im folgenden Beitrag näher vor – und auch sie nähert sich (wenngleich in Form eines Spielfilms) einer wahren Geschichte:

DAS ist der beste Film von David Lynch – und jetzt ist genau der richtige Moment, ihn sich in 4K fürs Heimkino zu holen!

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