Es ist knifflig, im gewaltigen Streamingangebot die Übersicht zu bewahren: Ständig werden neue Titel zum Portfolio eines Anbieters zugefügt, andere verschwinden. Und auf der Startseite findet man nur selten genau das, worauf man Lust hat. Daher gibt euch FILMSTARTS Woche für Woche Film- oder Serien-Tipps aus dem Netflix-Aufgebot! Und diese Woche fokussieren wir uns zur Feier der zurückliegenden Academy Awards auf Filme, die einst um den Oscar gebuhlt haben!
"Aviator" (2004)
Im Laufe seiner Karriere stemmte „The Wolf Of Wall Street“-Regisseur Martin Scorsese bereits zahlreiche Filme, die Einzug in die Academy-Awards-Chroniken gehalten haben, darunter das biografische Drama „Aviator“, das fünf Oscars gewonnen hat und in sechs weiteren Kategorien nominiert wurde! Ausgezeichnet wurde das Epos über den Unternehmer, Piloten und Regisseur Howard Hughes beispielsweise für Cate Blanchetts Leistung als Nebendarstellerin sowie für die von Sandy Powell entworfenen, glamourösen Kostüme. Nominierungen gab es unter anderem in den Sparten „Bester Film“, „Beste Regie“ und „Bester Hauptdarsteller“.
In der Hauptrolle ist Leonardo DiCaprio zu sehen, der Hughes im Laufe einer emotionalen und psychologischen Achterbahnfahrt verkörpert: Als junger Mann rüttelt er in den 1920ern dank eines respektablen Vermögens, das ihm sein Vater vermacht hat, Hollywood durch. Er macht als Erfolgsproduzent ebenso Schlagzeilen wie als Privatmensch, da ihm Affären mit begehrten Schauspielerinnen wie Jean Harlow (Gwen Stefani), Ava Gardner (Kate Beckinsale) und Katharine Hepburn (Cate Blanchett) nachgesagt werden. Mehr noch als das Filmen und Flirten hat es ihm das Fliegen angetan: Er steigt nicht nur selber ins Cockpit, sondern gründet obendrein eine eigene Fluggesellschaft. Als er mit ihr ein Mammutflugzeug bauen will, bringt ihn das an seine Grenzen...
Schon der Ausstattungsprunk genügt, um auch ein Publikum zu erreichen, das sich mit Hughes Leben und seinen Passionen nicht auskennt: Wie in „Aviator“ die 1920er bis 1940er nachgebildet werden, ist eine Wucht – detail- und umfangreich, zugleich dezent stilisiert. So liegt ein Retrohauch über den Oscar-prämierten Bildern von „Kill Bill“-Kameramann Robert Richardson, inklusive türkisstichigem Rasen und anderen Rückgriffen auf frühes TechniColor. Solche Spielereien und ein steter Quell an Referenzen auf vergangene Traumfabrikjahre machen „Aviator“ selbstredend zu einem besonderen Schatz für Filmfans mit Faible für jene Zeit. Und DiCaprios intensiv-besessene, ruppig-verletzliche Performance lässt „Aviator“ zugleich als starkes Drama über Obsessionen und den verständnislosen Umgang mit Neurodivergenz dastehen!
"Ich habe meinen Körper verloren" (2019)
Mit hübscher Regelmäßigkeit mischen sich kleine, verquere Trickfilme in das jährliche Rennen um den Oscar für den besten Animationsfilm. In der kürzlich abgeschlossenen Oscar-Saison hielt etwa der französische Sci-Fi-Zeichentrickfilm „Arco“ die Fahne für solche Projekte aufrecht, und im Jahr davor gewann die wortlose Katzenodyssee „Flow“ sogar die begehrte Trophäe!
Bei der 92. Verleihung der Academy Awards gelang „Ich habe meinen Körper verloren“ dieses Kunststück zwar nicht, doch es reichte immerhin für eine Nominierung als bester Animationsfilm. Und das hochverdient: Regisseur/Autor Jérémy Clapin und „Die fabelhafte Welt der Amélie“-Autor Guillaume Laurant erzählen in diesem surrealen, poetischen und grotesken Trickfilm von den Abenteuern einer menschlichen Hand, die vom Rest des Körpers ihres „Besitzers“ abgetrennt wurde und nun unermüdlich durch Paris krabbelt, um an ihren angestammten Platz zurückzukehren.
Das skurrile Abenteuer entlang der Flora und Fauna der französischen Hauptstadt in all ihrem Glanz und Ekel wird unterbrochen durch Erinnerungen an die Zeit, bevor die Hand vom Pizzaboten Naoufel durch einen Unfall getrennt wurde. Diese entfalten sich als zärtliche, unschuldig-nervöse Romanze zwischen Naoufel und der Bibliothekarin Gabrielle – und somit als emotionales Rückgrat dieser zumeist neckisch-verkopften, trocken-komischen Filmmetapher über das Verarbeiten von Schuld und das Suchen um Mut.
"Glaubensfrage" (2008)
Bei den 2009 verliehenen, 81. Academy Awards wurde das Drama „Glaubensfrage“ fünf Mal nominiert: John Patrick Shanley erhielt eine Nominierung für das von ihm verfasste, auf seinem eigenen Theaterstück basierende Drehbuch, Meryl Streep wurde als beste Hauptdarstellerin nominiert, Philip Seymour Hoffman als bester Nebendarsteller und Amy Adams sowie Viola Davis mischten in der Sparte „Beste Nebendarstellerin“ mit. Für einen Oscar-Gewinn reichte es allerdings nicht.
Trotzdem ist „Glaubensfrage“ ein Film, der sich ins Gedächtnis brennt – nicht zuletzt, weil er auf seine titelgebende(n) Glaubensfrage(n) keine klaren Antworten bietet und daher nachhaltig zum Denken anregt. Im Mittelpunkt stehen gläubige, aber zutiefst unterschiedliche Persönlichkeiten: Die Nonne Aloysius Beauvier (Meryl Streep) führt an einer katholischen Schule in der Bronx ein strenges Regiment. Der charismatische, einfühlsame Priester Brendan Flynn (Philip Seymour Hoffman) hingegen zeigt sich liberal und will inhaltlich sowie bezüglich der Lehrmethoden frischen Wind in die religiöse Lehranstalt bringen.
Das weckt Beauviers Misstrauen, weshalb sie ihre mäuschenhafte Ordensschwester James (Amy Adams) auf ihren Vorgesetzten ansetzt – sie soll ihn solange durchleuchten, bis sie auf verdächtiges Verhalten stößt. Dabei mag James den Pater und hält ihn für einen guten Menschen. Als sie aber vage Indizien findet, dass der Pater Donald Miller (Joseph Foster), den einzigen Schwarzen unter den Schülern, sexuell missbraucht haben könnte, ist James außer sich vor Unbehagen – und Beauvier ist zwar verstört, jedoch auch erleichtert, nun etwas gegen Flynn in der Hand zu haben...
Streep, Hoffman und Adams liefern sich im anschließenden Streit aus handfesten Argumenten, auf einem (vorgefertigten) Charakterbild basierenden Urteilen, vieldeutigen Indizien und weitreichenderen, philosophischen Fragen ein wahres Schauspiel-Wettrüsten: Mit Eifer, leisen Zweifeln und angesichts dessen bloß immer deutlicher geäußertem Starrsinn schlagen sie sich scharfe Dialogzeilen, druckreife Monologe und vielsagende Blicke um die Ohren. Und Viola Davis beweist in ihrer kurzen, prägnanten Szene als uneindeutig reagierende Mutter des potentiellen Missbrauchsopfers gewaltigen Magnetismus.
Darüber, was vorgefallen ist, lässt sich nach „Glauebensfrage“ lange diskutieren, genauso wie über die Frage, wie man zum eigenen Urteil kommt und was dieses vielschichtige Drama über weitere Themen wie Ideologie, Erziehungsmethoden und Religion zu sagen hat. Und solltet ihr nach „Glaubensfrage“ einen weiteren Film verkraften, der lange nachhallt – dann folgt doch auch diesem Geheimtipp:
Heute Abend streamen: Eines der größten Netflix-Highlights der letzten Jahre – das kaum jemand gesehen hat