Aktuell gibt es in den Lichtspielhäusern kein Film, bei dem es so unerbittlich zur Sache geht wie in „Lee Cronin's The Mummy“. Gerade die Fußnägel-Szene dürften viele Zuschauer*innen nur mit Hand vor den Augen ertragen haben – und auch sonst geht es in dem Schocker nicht gerade zimperlich zu. Für einigen Gesprächsbedarf dürfte das Ende sorge, denn genaugenommen gibt es gleich zwei. FILMSTARTS-Autor Stefan Geisler hat sowohl mit Regisseur und Drehbuchautor Lee Cronin als auch mit Hauptdarsteller Jack Reynor noch einmal gesondert über den finalen Akt des Horror-Dramas gesprochen. Aber Achtung – es folgen natürlich Spoiler zum Ende von „Lee Cronin's The Mummy“
Warner Bros.
FILMSTARTS: Am Ende des Films opfert sich Familienvater Charlie, um seiner Tochter zu helfen – und sperrt sich selber in den Sarg. Ist das die ultimative Metapher für Elternschaft? Sich selbst aufzugeben, sein altes Ich wegzuschließen, damit das eigene Kind wachsen kann?
Lee Cronin: Ich denke, das trifft es durchaus. Das ist doch letztlich der Weg, den jedes Elternteil einschlägt, oder? Für mich ist das eine wirklich kraftvolle Idee, vor allem, weil Charlie von dem Wunsch nach Antworten getrieben wird und eine große Schuldlast empfindet. Ich glaube, was mich im Leben immer fasziniert und erschreckt, ist, wie etwas so Einfaches wie ein Blick in die falsche Richtung zur falschen Zeit dazu führen kann, dass sich dein ganzes Leben verändert. Du schaust in die falsche Richtung, wenn du die Straße überquerst, und vielleicht gerätst du in einen Unfall.
In diesem Fall ist Charlie durch einen kurzen, wichtigen Anruf abgelenkt und hat einfach nicht den Blick dort, wo er sein müsste. Diesen Konflikt versucht er nun zu lösen und dafür Opfer zu bringen und das zeigt meiner Meinung nach die Kraft der Elternschaft. Und vielleicht auch ihren Sinn.
Diese Szene lässt sich auch anders deuten
Eine vollkommen andere Sicht auf die Szene liefert übrigens Hauptdarsteller Jack Reynor. Ihm haben wir die gleiche Frage gestellt – er sieht jedoch einen deutlich größeren Eigennutz in der Handlung des Familienvaters:
Jack Reynor: Charlie ist jemand, dem es oberflächlich betrachtet ganz gut gelingt, eine Familie zu haben, für sie zu sorgen und eine Art archetypischer Vater für seine Kinder zu sein. Aber darunter schlummert immer eine nagende Angst in ihm, dass er eigentlich nicht dazu bestimmt ist, Vater zu sein, und nicht die Fähigkeit dazu hat. […] Nun, ich denke, es gibt zwei Sichtweisen auf diese Szene [...]. Auf einer Ebene ist es das ultimative Opfer und der Höhepunkt der Heldenreise. Aber in einem anderen Sinne ist er jetzt in der Kiste und muss kein Vater mehr sein.
Jack Reynors Interpretation lässt das ultimative Opfer des Vaters in einem fast zynischen Licht erscheinen – doch der Film endet damit natürlich noch nicht. In einer finalen Szene sehen wir, wie der Sarkophag mit dem Dämonen-Charlie nach Ägypten gebracht wird – und hier die ehemalige Hüterin des Dämons (Hayat Kamille) als neuer Wirtskörper bestimmt wird. Somit lässt sich für die Familie Cannon fast schon von einem Happy End sprechen, denn der Fluch ist erst einmal gebannt. Wir wollten von Lee Cronin wissen, warum er sich letztlich für ein positives Ende entschieden hat:
Lee Cronin: Ich weiß nicht, ob dieser Film ein rundum glückliches Ende hat. Ich finde es wichtig, dass man dem Publikum in einem Horrorfilm einen Grund gibt, aufzuatmen und zu jubeln, denn ich versuche, etwas Unterhaltsames zu schaffen – ich bin nicht hier, um euch zu bestrafen. Ich bin hier, um eure Augen weit aufreißen zu lassen, euch zittern und schreien zu lassen, euch ins Schwitzen zu bringen und eure Haare durcheinanderzubringen.
Es ist wichtig, dem Publikum eine Erlösung zu bieten. Aber ich denke, das Tolle am Ende dieses Films ist, dass in dieser Erleichterung auch ein bisschen Rache steckt, und das passt sehr gut in die Krimihandlung, denn wenn man darüber nachdenkt, ist es eigentlich eine Geschichte über zwei Familien. Es ist keine Geschichte, die nur von einer Familie handelt, sondern von der Dunkelheit, die in einer Familie auf der einen Seite der Welt existiert, und davon, wie sich das auf eine andere Familie übertragen kann, ganz weit weg, irgendwo anders.
Das restliche Interview mit Lee Cronin findet ihr übrigens hier:
Ist das der ultimative Traumafilm für alle Eltern? Wir sprechen mit dem Macher von "Lee Cronin's The Mummy" über seinen FSK-18-SchockerFILMSTARTS bietet dir täglich die neuesten Nachrichten über Kino, Serien und Fernsehen. Abonniere FILMSTARTS hier bei Google Discover um auch unsere Kritiken, Interviews, Streaming- und TV-Tipps sowie die besten und interessantesten Geschichten über deine Lieblingsfilme und -serien nicht zu verpassen.