Es gibt wohl keine andere Stadt auf dieser Welt, die so viel gefilmt und mythologisiert wurde und sich so sehr einer eigenen Persönlichkeit rühmen kann, wie New York: der Traum, der Moloch, die Straßenschluchten, der Beton, der Schmutz, das Funkeln, der Melting Pot. Und in den Straßen tummeln sich die Dichter ebenso wie die Dichten – ein solcher war auch Jim Carroll, wie wir ihn in dem Film „Jim Carroll: In den Straßen von New York” sehen.
Als New Yorker Schriftsteller und Musiker und Poet bewegte er sich in Kreisen der Kunstszene, hing mit Andy Warhol rum und inspirierte Künstler*innen von Patti Smith bis Pearl Jam. Gewissermaßen kann man ihn darüber hinaus auch als die amerikanische Christiane F. bezeichnen – seine zwischen zwölf und 16 Jahren geführten Tagebücher wurden später als „The Basketball Diaries“* veröffentlicht. Das Buch schildert schonungslos seine Jugend zwischen Basketballplätzen, katholischer Schule und Heroinsucht im New York der 1960er – und entwickelte sich zum Kultklassiker.
1995 wurde er schließlich von Scott Kalvert verfilmt. In der Hauptrolle: ein damals gerade mal 20-jähriger Leonardo DiCaprio, dessen Talent hier geradezu Funken sprüht und zeigt, weshalb er wenige Jahre später zum Weltstar avancierte. Ihr könnt „Jim Carroll: In den Straßen von New York” am 31. Mai 2026 um 20.15 Uhr auf Tele5 sehen. Das lohnt sich – nicht nur, weil der Film ziemlich stark ist, sondern auch, weil es ihn aktuell nirgends zu streamen gibt und ihr ihn alternativ nur auf Blu-ray bekommt.
Vom Dribbeln zu Drogen
Jim Carroll (Leonardo DiCaprio) ist talentiert, intelligent und ein hervorragender Basketballspieler. Er streift mit seinen Freunden Mickey (Mark Wahlberg), Pedro (James Madio) und Neutron (Patrick McGaw) durch die Straßen New Yorks, träumt von einer Basketballkarriere und hält seine Gedanken in Tagebüchern fest.
Schnell weicht die Unbeschwertheit aus seinem Leben, als einer seiner besten Freunde Bobby (Michael Imperioli) an Leukämie stirbt. Was danach als Ausprobieren beginnt, entwickelt sich für Jim schnell zur Abwärtsspirale: Zunehmend verfällt er den Drogen, fliegt aus dem Basketballteam, wird von seiner Mutter aus der Wohnung geschmissen – und aus einem Jugendlichen mit Perspektive wird ein Junkie, der beinahe alles verliert.
Auch dreißig Jahre nach Erscheinen hat „Jim Carroll: In den Straßen von New York” nichts von seiner Wucht verloren, was vor allem dem eindringlichen Spiel Leo DiCaprios zuzuschreiben ist. Dabei zuzusehen, wie aus dem überschwänglichen, hübschen Jüngling ein blasslippiger, zittriger Junkie wird, geht nach wie vor gut an die Nieren.
Dass Scott Kalvert zuvor Musikvideos drehte, ist in manchen Szenen spürbar – wenn Jims innerer Rausch als Rennen durch Blumenwiesen visualisiert wird, etwa. Und dennoch wird hier nichts beschönigt. Der anfänglichen Unbekümmertheit der im Sonnenlicht umherziehenden Jungs vom Beginn des Films stellt Kalvert konsequent Dunkelheit gegenüber – immer größer werden die Schatten, die Jim in ihre Fänge ziehen, wie Jim selbst sagt: „Am Ende begreift man, dass Junkie sein auch nur ein 9-To-5-Job ist. Die Stunden werden dabei nur immer dunkler.”
Wenn Jim am Ende dann in der ikonischen Schlusssequenz nüchtern auf der Bühne steht und auf sein Leben zurückblickt, liegt die Dunkelheit zwar hinter ihm. Verschwunden ist sie deshalb noch lange nicht.
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